Wegbegleiter

Aktualisiert: 23. Aug. 2021


Bereits im alten Testament der Bibel steht, dass es besser ist, nicht alleine unterwegs zu sein.

Bei der Hochzeit von Marina und Norbert, unserem Neffen, durfte ich zur Lesung einen Text aus dem Buch Kohelet lesen. Er beschreibt sehr lebensnah die Vorteile von Leben in Gemeinschaft. Die Lesung findet ihr unter Seelennahrung.


Ich rufe mal wieder in der Arbeit in der Buchhandlung im Kloster Plankstetten an, obwohl ich bereits dort offiziell nicht mehr beschäftigt bin. „Oh, warum arbeitest du denn heute Vormittag?“, frage ich verwundert Frater Bruno. „Ich wollte der neuen Kollegin etwas zeigen!“ „Aber die ist doch am Freitag gar nicht da!“, „Ach, wer kommt denn dann in den Laden?“, „Ja, das weiß ich auch nicht!“ … und eine halbe Stunde später stehe ich im Buchladen - und ärgere mich ein bisschen über mich, dass ich sofort wieder angeboten habe einzuspringen. Zumal ich zu Hause noch das Mittagessen fertig kochen wollte. Mir ist klar: Da muss ich noch etwas lernen.


So setzte ich mich noch etwas orientierungslos an den Computer, um die Nachbestellung der verkauften Bücher zu machen. Da geht die Tür auf. Einer meiner Lieblingsvertreter Martin Bercker kommt zur Tür herein. Ok. Natürlich habe ich den Vertreter-Plan nicht mehr im Kopf. Aber jetzt fällt mir wieder ein, dass er am Freitagmittag kommen wollte. Erfreut heiße ich ihn willkommen.


Die Zeit bei Vertreterbesuchen muss man immer effektiv kalkulieren. Daher frage ich ihn auf den Kopf zu, wie stabil er denn gerade sei. Ich sage ihm, dass er mich heute vorerst das letzte Mal sehe, da ich erst einmal für ein Jahr wegen der Diagnose Krebs ausfalle.

Nach einer kurzen Durchschnaufpause beginnen wir anhand des neuen Katalogs für den Winter die Produkte auszuwählen, die ich mir für unseren Laden vorstellen kann.


Mir macht dieses Aussuchen sehr viel Spaß. Ästhetisch schöne Kunstgegenstände lassen mein Herz höher schlagen. Ich darf sozusagen einkaufen - ohne alles selber zu Hause haben zu müssen. Was für ein Privileg! Ich kann mir auf einmal auch ganz gut vorstellen, nur noch diesen Part im Buchladen zu machen. Bisher hatte ich mich um beides gekümmert: Bücher und die sogenannten „Nonbooks“. Heftig hatte ich mich anfangs gewehrt, als angedacht wurde, eine Buchhändlerin einzustellen. Ich finde es nämlich auch total interessant, neue Bücher auszuwählen. Aber beides parallel ist wohl für eine Person zuviel. Durch die schöne Erfahrung gerade eben, kann ich mir einen Fokus ganz gut vorstellen: Dass ich mich vielleicht doch auf Kunst, Schmuck, Karten, Devotionalien … im Laden beschränke.


Spannend, wie der Tag verläuft. Erst dachte ich: So ein Mist, dass ich nicht Nein sagen konnte. Nun war es wieder gut. Ich stehe jetzt mit einem netten Vertreter im Laden und mir wird etwas für die Zukunft klarer.


Mir fällt dazu die Geschichte Glück oder Unglück, wer weiß das schon? (siehe im Blog unter Seelennahrung) ein. Auch da denkt man mal: So ein Pech und dann wieder so ein Glück … Wer weiß, wer weiß! Der Moment trügt manchmal. Manche Situationen lassen sich eben erst im Nachhinein beurteilen.



Auf dem Weg


Und dann zeigt mir Martin Bercker noch ein besonderes Schmuckstück.

Ein junges Künstlerehepaar hat es entworfen, als deren Sohn auf Reisen ging.



Es zeigt Personen, die sich gemeinsam auf den Weg machen.

Zu dem quadratischen Bronzerelief gehört noch eine kleine Medaille mit einer Person darauf. Ich kenne solche Medaillen bisher nur mit Engeln.

Mich fasziniert diese Idee. Martin Bercker bemerkt meine leuchtenden Augen und sagt spontan: „Ich möchte Ihnen die beiden gerne schenken!“ „Oh, das ist doch zu viel! Ich nehme nur die kleine Medaille.“ „Mir würde es wirklich gefallen, Ihnen eine Freude zu bereiten.“


Das tat er damit tatsächlich. Gerade während meiner Zeit der Krankheit finde ich die Idee des Reliefs gut und tröstlich: Gemeinsam auf dem Weg sein.

Ich bestellte später noch ganz viele kleine Medaillen nach, um sie an meine Wegbegleiter zu verschenken.

In den nächsten Tagen kommen auch gleich 25 Stück davon. Diese hatte die Firma butzon&bercker vorläufig erst als Muster produziert. Mehr gab es von dieser Neuerscheinung noch gar nicht.


Mittlerweile sind genügend gekommen. Ich lade jeden ein, sich bei mir zu melden: Gerne könnt ihr so einen Wegbegleiter fürs Portmonnaie als Erinnerung haben. Eigentlich ist dies vor allem symbolisch gemeint. Sind wir doch immer - mehr oder weniger intensiv - gemeinsam miteinander unterwegs.



Was ist eigentlich so wichtig daran, in Gemeinschaft - gemeinsam - unterwegs zu sein?


Jeder, der schon mal mit anderen gereist ist, kennt den Vorteil:

Gemeinsam sieht man mehr. Man muss nicht immer selbst hochkonzentriert sein. Man kann auch mal nur hinter dem anderen herlaufen. Man kann die unterschiedlichen Begabungen nutzen. Man kann sich gemeinsam beraten. Es ist auch bei Weitem nicht so schlimm, wenn man mal falsch gelaufen ist - und es nicht allein verbockt hat. Man hat dann ja auch gleich einen Schuldigen parat!!! 😉 Nein das meine ich natürlich nicht! Ich denke da eher an das Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Man kann sich in kritischen Situationen gegenseitig stärken.


Auch den Geflüchteten erzähle ich immer: Es ist wichtig, viele Menschen kennen zu lernen. Sogenannte Netzwerke zu bilden. Gerade in ihrem Fall sei dies besonders wichtig. Viele Menschen zu kennen ist, wie wenn man eine dichtes Netz unter sich hat. Es kann einen vielleicht auffangen, wenn es mal wirklich eng bezüglich einer Abschiebung werden sollte.


Natürlich gibt es auch Wege, die kann - muss man - auch alleine gehen. Aber man kann sich auch im Vorfeld beraten lassen. Und es ist zumindest auch dabei gut zu wissen, dass viele Menschen hinter einem stehen.


Als Martin Bercker nach zwei Stunden geht, fühle ich mich in mehrfacher Hinsicht reich beschenkt. Zudem habe ich einen Wegbegleiter gewonnen.


Viele sollen noch folgen. Die vielen Medaillen ausgebreitet auf dem Tisch zeigen mir anschaulich: Ich bin nicht allein unterwegs.


Schön, dass mich so viele Menschen auf diesem anstrengenden Stück meines Lebensweges begleiten.


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