Vorstellungstermin im Klinikum

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Am 7. Juni habe ich um 10.40 Uhr einen Termin in der Frauenklinik in Ingolstadt. Ich habe mich noch kaum über meine Krankheit informiert und bin sehr gespannt darauf, was die Ärzte mir alles sagen werden.

Mein Köfferchen habe ich heute Morgen vorsichtshalber noch gepackt. Könnte ja sein, dass ich gleich da bleiben muss. Die Nacht vorher habe ich bis 3 Uhr noch unser Haus aufgeräumt und in aller Früh um 6 Uhr – sogar nicht meine Zeit – stand ich dann schon wieder im Hühnerstall zum Ausmisten. Jemand hatte mir nämlich gesagt, ich dürfe mit Chemo wegen der vielen Keime keinen Kontakt mit Hühnern mehr haben.


Gut, dass Georg mit nach Ingolstadt fährt. Eigentlich wollte ich alleine fahren. Allerdings riet mir Familie Ludwig aus ihrer Erfahrung heraus, dass wir zusammen dorthin gehen sollten. Zwei Ohren hören doch mehr und Georg könne ja vielleicht auch selber einmal nachhacken, wenn ihm etwas nicht klar sei. Dies war wirklich eine kluge Entscheidung. Denn es war so eine Fülle an Informationen, dass wir selbst zu zweit zu Hause Mühe hatten, nachzuvollziehen, was denn nun alles gesagt wurde.


Chemo-Erfahrung mit unserem Sohn Michael


So sitzen wir nun schon seit über einer Stunde im offenen Wartezimmer des Klinikums. Krankenhaus. Warten. Das kennen wir noch zu gut von der Zeit, als unser Sohn Michael ebenfalls an Krebs erkrankt war. Er hatte mit 4 Jahren ein kindskopfgroßes Lymphom im Lungenbereich und war damals fast am Ersticken. Mit nur kurzen Unterbrechungen waren wir beinahe ein halbes Jahr in der Uniklinik in Erlangen. Ich war damals mit unserem dritten Kind schwanger. Später durfte ich dann unseren neugeborenen Andreas mit in die Klinik nehmen. Die zweijährige Anna durfte nicht auf die Krebsstation. Neugeborene wie Andreas waren selber geschützt vor Krankheiten und konnten auch noch keine Krankheiten in die Station tragen.


Diese Zeit war eine der intensivsten in meinem Leben. Ich möchte sie nicht missen. Das ist nun 28 Jahre her. Wie wird es wohl dieses Mal?



Georg und ich nutzen die Wartezeit zum Informationsaustausch über alles, was uns gerade beschäftigt. Zu Hause sehen wir uns kaum. Jeder von uns hat momentan wieder so viele Termine.



Im Behandlungsraum


Endlich dürfen wir in einem Minibehandlungszimmer Platz nehmen. Eine sehr umsichtige Arzthelferin nimmt uns die mitgebrachten Unterlagen ab, spielt die CD von der Mammographie in die EDV des Klinikums, misst Blutdruck und nimmt Blut ab … Ich fühle mich dort sofort gut aufgenommen.


Eine kleine quirlige chinesische Ärztin, Dr. Zhuo, betritt nun strahlend den Raum. Ich mag das. Keinerlei Untergangsstimmung. Sie sieht sich die bereits vorhandenen Arztberichte durch. Das genaue Laborergebnis der histologischen Untersuchung fehlt noch. Sie lässt sofort dort anrufen. Nun untersucht sie meinen Tumor per Ultraschall. Ja, bereits sehr groß. Vielleicht kriegt man ihn ja durch eine neoadjuvanten (vorgezogene) Chemo noch kleiner und die Brust kann dran bleiben. Mal schauen, was der Oberarzt dazu sagt. Dieser ist noch im OP.



Termine für die Voruntersuchungen


Um die Zeit zu überbrücken, machen wir schon einmal alle Termine der Voruntersuchungen aus.


Die Ärztin mit leichtem Akzent notiert die vielen Termine auf ein Blatt Papier. Dazu alles, was jeweils dazu benötigt wird oder auch, wie lange die Untersuchung jeweils dauert. Dies zeigt sich als sehr hilfreich, denn es kommt eine volle Seite dabei heraus. Das könnte sich ja kein Mensch merken und meine eigenen Aufzeichnungen waren bei weitem nicht so strukturiert.


Die Ärztin telefoniert von einer Abteilung zur anderen. Achtet sehr darauf, dass die Termine ineinander laufen, ich nicht zu oft nach Ingolstadt fahren muss und auch dort nicht zu viele Wartezeiten entstehen. Super!


Einmal stutze ich. Ich höre: "CT-Thorax Abdomen erst wieder in 2 Monaten ein Termin möglich." Ich traue meinen Ohren nicht. Sind wir hier in Deutschland? Die Ärztin fragt mich, ob ich ein radiologisches Zentrum in meinem näheren Umkreis kenne, bei der ich vielleicht früher einen Termin bekommen könne? Ich sage, vielleicht könne meine Schwester von der Arztpraxis in Kipfenberg aus etwas organisieren. Der Arzthelferin fällt ein, dass es vielleicht noch Termine im Hollis Center gegenüber des Klinikums geben könnte. Wir könnten selbst dorthin gehen und nachfragen. Falls momentan keine vollständige Untersuchung über ein CT möglich sei, könnte man auch vorerst erst einmal nur die wichtigsten Körperteile röntgen. Dies wird bei kleinen Tumoren immer gemacht. CT gibt es eh nur, wenn der Tumor größer ist. Denn da ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gestreut hat, auch größer.

Bei mir könne man das CT dann zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Wichtig sei, dass man jetzt erst einmal möglichst schnell mit der Chemo starten kann.



Mammographie alle zwei Jahre


So verlassen wir kurz das Klinikum und gehen über die Straße zum Hollis Center. Dort hatte ich bereits früher einmal zwei routinemäßige Mammographie-Termine. Zu diesen wird man ab 50 Jahre alle zwei Jahre eingeladen. Ich bin froh, dass ich diese pflichtbewusst wahrgenommen habe. Auch wenn ich nicht gerade die große Arztgängerin bin, deswegen brauche ich mir zumindest nichts vorwerfen. Meine letzte Mammographie liegt genau 1 Jahr zurück. Warum dabei nichts erkannt wurde, ist noch nicht klar. Entweder ist mein Tumor so schnell wachsend oder es ist eine Art, die wegen einem ähnlichem Gewebe zur Brust bei der Mammografie nicht erkannt werden kann.



Onkologischer Kongress


Die Damen im Hollis Center sind sehr nett, besprechen sich untereinander und schieben mich in aller Früh vor meinem Knochenszintigramm noch rein. Das Problem ist dann nur, dass es bis zum onkologischen Kongress sehr knapp mit der Auswertung wird. Bei diesem treffen sich immer alle verantwortlichen Ärzte mit Prof. Dr. Babür Aydeniz, dem Chef des Brustzentrums, und besprechen anhand aller medizinischen Auswertungen die jeweils beste Vorgehensweise. Diese Besprechung findet im Klinikum nur jeden Donnerstagnachmittag statt.


Als wir abends nach Hause kommen, haben die aufmerksamen Arzthelferinnen des radiologischen Centrums in Ingolstadt bereits bei mir angerufen. Es ist jemand ausgefallen. Ich kann zum CT bereits am Dienstag kommen. Ich bin happy: Es läuft nun doch alles reibungslos.



Brusterhaltende Operation oder nicht?


Zurück in der Klinik untersucht mich nun der Oberarzt. Auch er ist total locker drauf. Scherzt viel mit uns. Er erklärt mir auch, dass bei der jetzigen Tumorgröße von ca. 5cm und bei meiner kleinen Brust nichts mehr übrig bleiben würde. Man sollte versuchen, den Tumor durch die Chemo zu verkleinern. Ich betone, dass es für mich nicht relevant sei, ob ich die Brust behalte oder nicht. Zudem irritiere mich total die vom Krebs infiltrierte Haut um die Brustwarze herum.


Der Arzt klärt uns darüber auf, dass es in der Regel keinen Unterschied mache, ob brusterhaltend operiert werde oder nicht. Es wird alles großzügig entfernt. Die Rezidivrate, also ob es Rückfälle gibt, ist bei beiden OP-Varianten gleich.

Daher könne ich jetzt erst einmal abwarten, wie der Tumor auf die Chemo tatsächlich reagiert und dann können wir immer noch entscheiden.



Hormonabhängiger Tumor


Nun kommt auch noch das genauere histologische Ergebnis und zeigt vor allem, dass mein Tumor hormonabhängig ist. Das ist sehr gut. Man kann vorhandene oder wieder auftretende Krebszellen nach Chemo, OP und Strahlentherapie über Hormontabletten noch gut in Schach halten. Diese werden in der Regel über 10 Jahre lang verabreicht. Bis dahin werde ich eh bereits in der Menopause sein. Daher ist das für mich auch nicht so schlimm wie bei einer jungen Frau, die durch Hormone in eine künstliche Menopause versetzt werden muss.



Tumorbettmarkierung mit einem Titandraht


Der Arzt möchte nun zum Abschluss noch gleich die Tumorbettmarkierung vornehmen. Manche Tumore lösen sich während einer Chemo nämlich fast vollständig auf. Daher wird vor der Chemo ein Titanteilchen in die Mitte des Tumors eingebracht. Damit kann man den Tumor bei der Operation immer noch genau lokalisieren. Operiert wird nämlich vorsichtshalber immer. Es sollte bei der OP immer ein dünner Rand mit gesundem Gewebe mitentfernt werden, damit ja keine bösartigen Zellen in der Brust verbleiben. Das entfernte Gewebe wird nach der OP untersucht. Notfalls wird sogar später noch einmal nachgeschnitten.


Auf Grund der entspannten, lockeren Stimmung während der ganzen Untersuchung mit dem Oberarzt traue ich mir jedoch zu sagen, dass ich auf diesen Eingriff jetzt keine Lust mehr habe. Ich würde das lieber erst nächste Woche machen, wenn ich wieder im Klinikum sei. Ich möchte heute noch niemanden an meine Brust ranlassen. Der Oberarzt versucht mich noch ein bisschen dazu zu überreden, als ein rettender Anruf aus den OP kommt. Er muss dort noch mal vorbeischauen. Glück gehabt!


Hunger


Um kurz nach 15 Uhr fahren Georg und ich schließlich ins nächste asiatische Restaurant und stehen dort leider vor verschlossener Tür. So fahren wir mit leerem Bauch aber vollem Kopf und vor allem vollem Terminkalender für die nächste Woche nach Hause.


Jetzt wird das Ganze schon greifbarer.


Ich bin froh, dass nun endlich etwas passiert!

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