(M)eine Welt im Ausnahmezustand

Aktualisiert: 13. März 2021

Corona beherrscht den Alltag und das Denken. Im Internet, Radio, Fernsehen, Zeitungen: Überall fast nur noch das eine Thema. Auch mich hat es gefangen. Mich total durcheinandergeschüttelt. Das kommt mir doch bekannt vor. Erinnert es mich doch sehr an die Anfänge meiner persönlichen, gesundheitlichen Krise.


Ich muss diesen Beitrag jetzt einfach einschieben. Meinen Reha-Bericht unterbrechen. Alles andere hat in meinem Denken momentan kaum einen Platz. So ergeht es sicherlich auch meinen Leser/innen des Blogs. Grundlegendes hat sich verändert. Vieles, was man bisher als wichtig erachtet hat, wird nun auf einmal sehr relativ. Genauso war es, als ich vor nun fast zwei Jahren meine Diagnose Krebs erhalten habe.


Die ganze Welt im Ausnahmezustand


Das Bild von einer Schneekugel kommt mir wieder in den Sinn. Dieses mal wurde nicht nur meine kleine Welt, sondern wortwörtlich die ganze Welt durcheinander geschüttelt. Wohl die gesamte Menschheit macht sich Sorgen, wie es weitergeht. Gedankenfetzen schwirren wirr durch unsere Köpfe, lassen sich nicht einsortieren. Ich habe das Gefühl, es läuft wieder nach einem ähnlichen Muster ab wie bei mir damals, am Anfang meiner Diagnose.


Den Schnee kann man hier symbolisch sogar als Virus Covid-19 sehen, der mittlerweile die ganze Welt befallen hat.


Zunächst erfasst man die Dimension überhaupt nicht. Eine furchterregende Nachricht nach der anderen fällt über einen her. Alles wirkt so surreal. Der Kopf hat Probleme Zusammenhänge zu begreifen. Zu viele Unbekannte spielen hier mit. Man zieht zum Teil unsinnige Schlussfolgerungen. Immer wieder kommt man sich vor wie in einem schlechten Film. Denkt, wann ist er endlich vorbei? Beim Aufwachen am Morgen muss man sich erst besinnen. Geht dieser Albtraum in der Realität wirklich weiter oder träume ich noch? Man will es einfach nicht richtig wahr haben.

Ein Lernfeld


Die komplette Menschheit hat einen Schlag bekommen. So wie ich auch damals. Ich dachte, ich sei unendlich belastbar. Daher bin ich an meine Belastungsgrenzen gegangen oder sogar darüber hinaus.


Ich habe den Eindruck, auch unsere Gesellschaft in der westlichen Welt fühlte sich total abgesichert. Wir haben für alles vorgesorgt. Nichts kann uns etwas anhaben. Und damit uns niemand diesen privilegierten Status wegnehmen kann, riegelten wir die Grenzen von Europa ab. Oder wir bezahlten andere Länder, damit sie uns Eindringlinge vom Leib hielten. "Mia san mia" oder wie Trump es formuliert: "Amerika first."


Aber nun müssen auch unsere reichen Länder erkennen: Wir sind verletzbar. Wir sind selbst an unsere Grenzen gestoßen. Man weiß nicht, wo es genau hingeht. Man muss in diesem unbekannten Terrain erst noch experimentieren. Man muss zugeben, dass es keine klaren Lösungen gibt. Es ist bereits offensichtlich: Unsere Gesellschaft wird hier mit hohen Einbußen herausgehen.


Ich selbst war da bei meiner Krebsdiagnose schon etwas naiver. Dachte ich doch total überschwänglich: Ich gehe aus meiner Erkrankung lediglich mit guten Erfahrungen für mein späteres Leben heraus. Nein so war es leider nicht. Auch ich muss mit Spätfolgen klar kommen.



Menschen sind verschieden


Je nach Typ oder auch Lebenserfahrung gehen Menschen unterschiedlich mit Hiobsbotschaften um. Es gibt Menschen, denen diese weltweite Krise immense Angst bereitet oder sie gar in Panik versetzt. Auch über das Forum der Frauen mit Krebs im Internet bekomme ich mit, dass die Frauen meist vor allem am Anfang völlig verzweifelt über ihre Diagnose sind. Ihr ganzes Leben scheint aus den Fugen geraten zu sein. Beruhigende Worte der Frauen, die bereits in Therapie sind oder diese schon hinter sich haben, tun in diesem Status sehr gut. Es dauert dann einige Tage bis man ins Behandlungsprotokoll eingeschleust ist und sich über seine Krankheit genauer informieren konnte. Danach legt sich in der Regel die erste Verzweiflung. Bei den meisten setzt nun erst einmal der Kampfmodus ein. Man gewinnt oft unglaubliche Energie zurück. Bei manchen kommen aber auch während der Therapie oder sogar noch danach immer wieder Traurigkeit und Angst vor der Zukunft zurück. Gespräche oder psychologische Betreuung können helfen, immer wieder neu aus dem Loch heraus zu krabbeln.


Ich sah meine Krebserkrankung eher als Herausforderung. Ich war sehr zuversichtlich, dass ich das schaffen werde. So ging ich auch ganz offen damit um. Wollte andere warnen und zugleich Mut machen, dass Krebs kein Todesurteil sein muss. Reden war dabei für mich total wichtig. Durch die Ausgangssperre ist nun sozialer Kontakt zumindest auf direkter Ebene nicht mehr möglich. Das ist für mich - als absolute Teamplayerin - schon etwas sehr nerviges. Krebs während dieser Pandemie wäre für mich in mehrfacher Hinsicht daher besonders hart. Andere brauchen die sozialen Kontakte bei weitem nicht so wie ich. Ein Freund bezeichnet sich sogar als Maulwurf. Tja, so ist und darf auch jeder verschieden sein.



Krise als Chance?


Ich beobachte die Menschen, wie sie mit der Coronakrise umgehen. Ganz unterschiedlich sind ihre Reaktionen. Hunderte Berichte gibt es mittlerweile dazu. Mich fasziniert es, wie viele kreative Ideen in so kurzer Zeit entstehen: Musizieren in den unterschiedlichsten Konstellationen und natürlich unter der Einhaltung des Sicherheitsabstandes. Amüsant sind auch die unzähligen Witze und Cartoons alleine über die Hamsterkäufe, insbesondere das Klopapier ...



Ich kenne das auch von mir. Zeit zu haben, setzt kreatives Potential frei. Und Humor sollte man auf jeden Fall bewahren. Er hebt die Stimmung und tut einfach gut. Und wenn es dabei schon auch mal an Galgenhumor grenzt. Egal: Hauptsache Mundwinkel nach oben und stimmungsaufhellende Endorphine werden ausgeschüttet.


... ob das der kleine Hund auch bei dir schafft?


Viele Artikel in den Medien handeln davon, dass man aus der Krise etwas lernen kann. Krise als Chance! Auch das kommt mir bekannt vor. Manche meinen allerdings etwas resigniert, der Mensch lernt nicht dazu: Es wird nachher wieder genauso weitergehen wie vorher. Andere Stimmen sagen: Es wird danach nichts mehr so sein, wie es war.


Auch bei meiner Krankheit habe ich immer wieder diese Aussagen gehört: Krebs verändert das Leben. Es ist danach nichts mehr wie vorher.


Wie stark der Einschnitt wird und im Zuge dazu die Bewusstseinsveränderung, hängt sicherlich auch davon ab, wie schnell man aus dieser weltweiten "Erkrankung" wieder herauskommt und wie stark die Folgeschäden sind. Bei mir selbst verlief die Genesung ja etwas unerwartet: Der Tumor wurde nicht kleiner. Die Lymphe waren dann doch befallen. Meine Therapie wurde durch eine weitere Chemo von fast einem halben Jahr verlängert.


Auch bei dieser Pandemie weiß man jetzt noch nicht, wie sie sich entwickeln wird. Leider ist man oft erst im Nachhinein schlauer. Hätte man dies oder das eher gewusst, hätte man vielleicht anders reagiert. Hätte man bei mir z.B. gewusst, dass der Tumor nicht kleiner wird, hätte man auf jeden Fall eher operiert. Hätte man vorher gewusst, dass sich die Epidemie so schnell ausbreitet, hätte man vielleicht früher Ausgangssperren verhängt: Das sagt sich im Nachhinein vermutlich nun so manches Land.


Wo Menschen Empfehlungen machen oder gar Entscheidungen treffen (müssen), werden auch Fehler gemacht. Dies ist in der Politik genau so. Sind wir dankbar, dass wir in der Regel schon von klugen Köpfen regiert werden - zumindest in unserem Land. Und wie heißt es so schön: Aus Fehlern wird man klug. Soweit man eine Chance dazu hat.


Ob unsere Gesellschaft etwas lernt oder in ihren alten Strukturen verhaften bleibt, wird sich zeigen. Veränderungen gibt es sicherlich. Diese müssen wie bei mir auch nicht immer nur positiv sein. Aber zumindest sind wir wachgerüttelt. Vieles werden wir überdenken. Ob sich etwas grundlegend ändert oder ob uns die alten Denkmuster daran hindern, wissen wir jetzt noch nicht. Und wir werden auch einiges wieder vergessen. Und das ist gut so. Nicht alles ist für unser weiteres Leben von Bedeutung.


Was aber für unser Leben wirklich Bedeutung hat, was für den einzelnen wertvoll ist, das erfahren wir vielleicht nun in dieser Krise. Und alleine das zu entdecken und vor allem danach bewusster zu leben oder gar sein Leben neu zu orientieren: Das kann bereits ein großer Gewinn sein.



Erfahrungswerte


Ich hatte das Glück, auf die Erfahrung von Ärzt/innen und auch der betroffenen Frauen im Forum oder im privaten Umfeld zurückgreifen zu können. Im Fall Corona ist das schon schwieriger. Immerhin ist uns China mit seinen Erfahrungen um ca. 2 Monate voraus. Die Wissenschaftler/innen haben dadurch schon mehr Einblick. Kurven und Animationen zeigen die Verbreitungsgeschwindigkeit der Viren an - je nachdem wie umsichtig wir uns verhalten. So kann man den Sinn der verschiedenen Maßnahmen wie z.B. Ausgangssperren eher verstehen. Aber vieles ist auch hier noch Annahme - noch gibt es zu wenig langfristige Erfahrungswerte.


Mutmachendes tut in dieser Situation einfach immer gut. Neulich tauchte ein Brief auf Facebook auf: Ein Deutscher, der in China lebt, berichtet von seinen Erfahrungen dort. Er erzählt darin, wie die geschlossenen Läden und das "zu Hause bleiben" irgendwann Alltag wurden. Die bedrohliche Situation langsam abnahm. Nun öffnen nach 2 Monaten die Läden und Restaurants nach und nach wieder. Er schreibt sehr bildlich: "Das öffentliche Leben sprießt langsam wieder."


Am Ende meinte er noch ermunternd: Auch in Deutschland werden die Betroffenenzahlen irgendwann wieder abnehmen und es wird ein Leben nach Corona geben.



Das Leben ist nicht fair


Ich lebe ja jetzt auch ein Leben nach dem Krebs. Es ist immer noch eigenartig. Anders. Ich habe sehr viel über Brustkrebs, aber auch über mich selbst gelernt. Ich schaue noch täglich ins Forum der betroffenen Frauen. Mich interessiert, wie es so manchen Frauen geht ... Eben musste ich lesen, dass eine junge Frau verstorben ist. Ich hatte zumindest virtuell Kontakt mit ihr. Es war schrecklich mitzuerleben, dass ihr letztendlich niemand helfen konnte.


Auch Corona kann tödlich sein. Besonders die aktuellen Bilder aus Italien und nun auch aus Spanien sind beängstigend. Mittlerweile trifft die Krankheit sogar junge Menschen.


Der Virus und auch andere Krankheiten sind kein Spiel. Können grausam sein.

Leben ist nicht gerecht.



Mit Optimismus lebt es sich leichter


Und dennoch wollen wir uns nicht nur auf das Negative fixieren. Sonst wird das Grauen noch schrecklicher. Ich habe während meiner Krise gelernt, dass ein realistischer Optimismus für den Kopf das Beste ist. Das bedeutet, positiv, aber nicht unbedingt nur blauäugig zu sein. Man sollte eher genau hinschauen, dass man nichts Wichtiges oder Bedrohliches übersieht. Gegebenenfalls muss man nämlich klug auf eine bestimmte Situation reagieren. Eigentlich ist es das, was man unter Achtsamkeit versteht.


Und glücklich kann sich schätzen, wer dabei noch ein gewisses Ur- oder gar Gottvertrauen hat, dass alles irgendwann wieder gut wird.



Das Beste daraus machen: Eine Lebensweisheit


Für Corona - wie auch für jede andere Krankheit - bleibt daher nichts anderes übrig, als diese neue Situation erst einmal anzunehmen. Zu akzeptieren, dass es nun mal so ist wie es gerade ist. Man kann es ja eh nicht ändern. Es empfiehlt sich, immer das Beste aus negativen Gegebenheiten zu machen. Bleibt man nämlich im Negativen verhaftet, zieht einen das nur weiter nach unten. Es entwickelt sich eine gewissen Abwärtsspirale. Manchmal braucht man dann einfach einen bewussten Blickwechsel. So kann man dieses "zu Hause bleiben müssen" als Entschleunigung unseres oft so hektischen Lebens sehen. Vielleicht sogar als geschenkte Zeit begrüßen.


Ich war ja bereits durch meine Krankheit schon sehr lange nur zu Hause. Für mich war diese Zeit sehr wertvoll. Konnte Sie nutzen um zu hinterfragen, was mir denn nun wirklich wichtig ist und auf was ich dagegen ganz gut verzichten kann. Ich habe sehr viel über mich in meiner unfreiwilligen Auszeit gelernt. Weiß nun besser, was ich will und was ich nicht unbedingt brauche. Letztendlich verplempere ich nicht mehr meine kostbare Lebenszeit mit Dingen, die mich sinnlos belasten oder mir einfach nichts bringen.


Gut zusammengefasst empfinde ich die wertvollen Dinge des Lebens in diesem Video zu Corona. Es ist sehr emotional aufgezogen, beinhaltet aber viele Kernsätze, was Leben ausmacht:






Gebranntes Kind


Ich habe mich oft als "gebranntes Kind" bezeichnet, das nun hoffentlich weiß, wie es nun ein bisschen besser auf sich aufpasst. Ich habe das Gefühl, ich bin noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Dies wünschen sich ja auch so manche Expert/innen bei der Coronakrise.


Wir werden hoffentlich alle sensibler, achtsamer durch diese Ausnahmesituation werden. Mit Sicherheit werden wir nach dem unfreiwilligen Verzicht auf Freiheit und soziale Kontakte die Schönheiten des Lebens wieder besser genießen können. Was auch immer das für den Einzelnen sein mag.



Ausblick


Und es wird ein Leben nach Corona geben. Wie dieses aussieht, haben die meisten von uns zumindest ein Stück weit selbst in der Hand. Das ist die Eigenverantwortung, die jedem Erwachsenen gegeben ist.


Und wer sich schwer tut mit Winter oder eben jetzt mit dieser "isolierten" Coronazeit, der kann sich an der Natur orientieren. Sie macht es uns gerade vor. Es wird allmählich wieder wärmer, die Blumen beginnen zu blühen und die Vögel zu pfeifen. Neues Leben beginnt. Nach der Dunkelheit kommt immer wieder Licht.





So schließe ich diesen Beitrag wie auch viele meiner Mails seit meiner Erkrankung mit:


"Pass gut auf dich auf! Bleib gesund!"






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