So viele Zahlen und Buchstaben

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Freitag, 11. Januar 2019. Fast ein Monat nach der Operation.

Endlich erfahre ich, wie es mit mir behandlungstechnisch weitergeht. Zusammen mit meinem Mann Georg treffe ich mich mit einer jungen Ärztin auf der Station, wo ich auch nach der OP war. Ich habe eine lange Liste an Fragen zusammengestellt. Ich bin gespannt, ob sie mir beantwortet werden können.


Donnerstag ist immer Tumorkonferenz im Klinikum Ingolstadt. Dabei treffen sich die Ärzte aus den unterschiedlichen Fachrichtungen wie Onkologie, Gynäkologie, Pathologie, Radiologie und Strahlentherapie. Gemeinsam wird dabei jeder "Fall" durchbesprochen und eine Behandlungsempfehlung in einem Protokoll ausgestellt.


Darin steht unter anderem auch meine aktuelle Tumorformel:


TNM: G2, ypT3, ypN1a (3/8), L1, V1, Pn0, lokal knapp R0 (dorsal), Ki67; bis 40% Regressionsgrad nach Sinn:1

morphologisch vom duktulobulären Typ

Her2neu: negativ/0


Falls jemanden interessiert, was die Buchstaben und Zahlen übersetzt bedeuten:

G2: ein mittelmäßig agressiver Typ

y beutet nach neoadjuvanter (vorgezogener) Chemo-Therapie

p bedeutet postoperativ, durch eine histologische Untersuchung festgestellt

T3 ist ein Tumor über 5cm

N1a (3/8) nur Mikrometastasen (keine größer als 0.2 cm), 3 von 8 Lymphknoten (Nodi) sind befallen

L1 Tumorzellen sind in den Lymphbahnen nachweisbar

V1 Blutgefäße sind mikroskopisch befallen

PN0 umliegendes Gewebe und Nerven sind nicht betroffen

R0 kein Resttumor vorhanden, völlige Entfernung des Tumors bis ins gesunde Gewebe

Regressionsgrad nach Sinn: 1; Stufe 1 bedeutet: die Chemo hat nur sehr schwach gewirkt

duktulobulärer Typ: Der Tumor entstand in den Milchgängen und in den Brustläppchen (nach der Stanze wurde er noch als lobulärer Typ diagnostiziert)

Her2neu: negativ/0; Das heißt der Tumor hat keine Rezeptoren, die ein schnelles Wachstum der bösen Zellen begünstigen, es wird daher keine zusätzliche Antikörpertherapie gemacht


Ausschnitt aus dem Protokoll der Tumorkonferenz


Besprechung auf der Station


Mein Mann Georg ist wieder zu dem Arztgespräch mitgekommen, damit auch er gleich aus erster Hand informiert ist. Zudem hören vier Ohren mehr als zwei.


Die junge, sehr sympatische und - noch viel wichtiger - sehr kompetente Ärztin redet gar nicht lange herum. Sie kommt sofort darauf zu sprechen, dass mein Tumor noch vitale Zellen hatte und auch die Lymphe befallen waren. Der Tumor konnte zwar bei der OP als Ganzes entfernt werden, aber auf Grund der Größe von bereits 6 cm sollte man schon noch eine weitere prophylaktische Chemo anschließen. Ja, das leuchtet mir ein und das finde ich auch als beruhigende Maßnahme für mich wirklich auch gut. Ohne weitere Chemo hätte ich kein gutes Gefühl. Der Tumor war ja bis zum Schluss vital und konnte dadurch weiter seine bösen Zellen in meinen Körper streuen. Auch der Kapseldurchbruch eines Lymphknoten spricht eher dafür, noch eine weitere Chemo dranzuhängen. Aber da gibt es ja noch die Problematik, dass ich bereits meinen Port mit der OP entfernen lies. Bevor ich allerdings nachfragen kann, ob die Chemo vielleicht auch über die Vene am Arm verabreicht werden könne, berichtet die Ärztin: „Das Medikament, das Sie bekommen, nennt sich Capecitabine. Es wird in Tablettenform verabreicht." Ich stutze. Chemo in Tablettenform? Oh, das ist ja eine super Nachricht. Darauf wäre ich nie gekommen. Dann brauche ich ja gar keinen Port mehr!


Die zusätzliche Chemo stützt sich auf eine japanische Studie


Die Ärztin berichtet von der asiatischen Studie „Adjuvant Capecitabine for Breast Cancer after Properative Chemotherapy". Den in englisch verfassten Original-Artikel gibt sie mir zum Nachlesen mit. Darin steht kurz zusammengefasst: Frauen, die wie ich nach einer neoadiuvanten Chemo noch einen Resttumor haben - und sei er auch nur im mm Bereich -, haben ein hohes Rückfallrisiko. Die Überlebensprognose wird besser, wenn man sich nach der neoadjuvanten Chemo noch dieser Tablettenchemo unterzieht. Eine genauere Zusammenfassung von dem relativ neuen Medikament gibt es auch bei "Deutsches Gesundheitsportal".


Für mich ist sofort klar, dass ich diese weitere Chemo machen werde. „Aber wann kommt dann die Bestrahlung?" fragt mein Mann sofort nach. Oh, da ist die Ärztin auch überfragt. Sie telefoniert mit einer anderen Ärztin darüber und meint dann: „Als Erstes kommt die Tablettenchemo und danach die Bestrahlung." Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mich innerlich als nächsten Schritt schon auf die Bestrahlung eingestellt. Jetzt kommt mein Plan ein bisschen durcheinander. Ich lasse das aber nun erst einmal so stehen. Schließlich habe ich noch eine riesige Liste an Fragen aufgeschrieben.


Viele Fragen sind nach der Operation aufgetaucht


Meine erste Frage lautet: „Wäre eine andere Chemo geeigneter gewesen? Die, die ich bekommen habe, hat ja anscheinend nicht so gewirkt. Der Tumor ist dabei ja sogar von anfangs 3 cm auf 6 cm gewachsen."

Die Antwort der Ärztin darauf ist in etwa: Meine Chemo sei bei diesem Tumor die Standard-Chemo. Dass sie gar nicht gewirkt habe, kann man so nicht sagen. Der Kern des Tumors war ja fibrös, das bedeutet soviel wie im Inneren angegriffen. Zudem lasse sich mein Tumor vom lobulären Typ (gemäß der Stanze im Mai 2018) über Ultraschall bei den Voruntersuchungen nicht so genau messen. Er habe oft Ausläufer und wachse in das umgebende Gewebe hinein. Die Ärzte gingen nicht davon aus, dass er während der Chemo gewachsen sei.


„Wäre eine sofortige OP nicht vielleicht doch sinnvoller gewesen? Letztendlich waren nun ja schon die Lypmphknoten befallen - und bei einem hatte ich sogar einen Kapseldurchbruch. Das wurde am Anfang ja nicht diagnostiziert. Hätte man dies nicht vermeiden können?", will ich nun wissen.

Die Ärztin meint dazu: Auch das könne man im Nachhinein nicht klar sagen. Der Vorteil der vorgezogenen Chemo sei auf jeden Fall, dass man jetzt den nicht so großen Erfolg des Medikaments sehen kann. Hätte man diese Chemo erst nach der OP gemacht, hätte man dies nicht gewusst. Nun bekomme ich eine weitere Chance durch die Tabettenchemo. Diese hätte ich sonst nicht erhalten.


„Warum sind eigentlich gerade 8 Lymphe gezogen worden?", ist dann meine nächste Frage. Die Antwort der Ärztin darauf lautet: „Die Lymphknoten hängen oft an einem Strang zusammen. Der Operateur greift oft einfach ein paar heraus und erst danach werden sie gezählt."


Dann interessiert mich noch, ob der mikroskopisch kleine Befall der Blutgefäße (V1) rein in meiner abgenommenen Brust gewesen sei oder ob schädlichen Zellen auch jetzt noch irgendwo im Körper in den Venen seien. Darauf meint die Ärztin, dass der Befund rein von dem Ablatat sei - also dem entfernten Gewebe. Ich habe das schon vermutet. Aber das klar zu hören beruhigt mich. Denn der Gedanke daran, dass in mir noch infiltrierte Blutgefäße sein könnten, war mir nicht so geheuer. Die Ärztin gibt mir dann noch das Ergebnis der histologisch und zytologischen Untersuchung meiner Brust mit. Sie hatte ein Gewicht von 485 g. Recht viel mehr versteht man in dem mit lateinischen Begriffen gespickten Bericht allerdings nicht. Aber ich finde es trotzdem ganz interessant, das mal zu lesen.


Und als letztes frage ich noch nach dem Stadium. Anna hat das gelesen, dass es da eine Einteilung in vier Gruppen gäbe. Sie interessiert das. Auf diese Frage lies sich die sehr einfühlsame und vor allem diplomatische Ärztin aber gar nicht ein. Sie meinte dazu nur: Wir verwenden keine solche Gruppeneinteilung. Die Untersuchungsergebnisse, ausgedrückt durch die Tumorformel, zeigen eigentlich ganz gut, wie es um einen steht. Wie es letztendlich ausgeht, wisse dabei aber niemand. Jede Frau ist einfach sehr individuell.


Das sehe ich auch so. Statistiken helfen mir nicht unbedingt weiter. Machen vielleicht eher Angst. Es kommt eh wie es kommt. Oder hoffentlich eben auch nicht.


So verlasse ich zufrieden über das Ergebnis der Tumorkonferenz das Krankenhaus. Für mich passt es. Ich bin total happy. Kein Port mehr notwendig! Dieses unbeliebte Hilfsmittel will ich auch nie mehr haben!


Ich hoffe, die Talsohle mit den vielen negativen Nachrichten ist nun durchschritten und es geht wieder langsam den Berg hoch Richtung Sonne! Mit Sicherheit bedeutet diese Krankheit immer eine Berg- und Talfahrt. Aber das gibt es ja im normalen Leben auch. Vielleicht sind die Berge und Täler dort nicht immer ganz so steil und gefährlich. Mit Sicherheit bringt eine hügelige Landschaft mehr Abwechslung als ständig in einer ebenen, vielleicht auch monotonen Landschaft dahin zu laufen. Aber Geschmäcker sind auch dabei bekanntlich sehr verschieden. Den gewissen Kick, wie so manche bei gefährlichen Freizeitaktivitäten freiwillig aufsuchen, braucht auch nicht jeder. Das Leben bringt die Adrenalinausschüttung zuweilen ja schon von selbst mit. Ich bin eher der Typ, der Abwechslung liebt. Dabei bin ich allerdings in der Regel sehr vorsichtig. Auf sich achten ist schon wichtig. Leben ist kostbar und sehr verletzlich.


Gesundes, asiatisches Essen


So und jetzt auf in den Asia Palast. Ein riesiges Büfett wartet auf uns. Ich liebe diese gesunde Vielfalt. Der weltweite Austausch hat schon seine Vorteile. Die Studie über meine Tablettenchemo kommt ja auch aus Japan. Es kann zwar sein, dass sich die asiatische Genetik von uns ein bisschen unterscheidet und die Wirksamkeit des Medikaments bei uns ein bisschen anders ist. Aber es gibt über mein neues Medikament auch schon bei uns kleinere, vielversprechende Studien.


Vielversprechend ist auf jeden Fall dieses asiatische Essen. Soviel leckeres Gemüse. Den Brokkolie - das angebliche Gemüse gegen Krebs - nehme ich fürs gute Gewissen gleich in doppelter Portion. Dazu gibt es viel Fisch, Hähnchen und weitere Leckereien. Als Nachspeise liebe ich die frittierten Bananen und Ananas. Gesünder soll so manch asiatische Ernährung ja sein. Zumindest werden etwa die Japaner durchschnittlich älter als wir. Und das ist auch mein Ziel. So esse ich dieses Mal auf jeden Fall überreichlich. Nach dem Motto: Viel hilft viel!


Schließlich fahren wir dann mehr als satt, vor allem aber sehr zufrieden über das weitere Vorgehen bei der Behandlung, ins heimatliche Biberbach zurück.






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