Meine Leidenschaft

Leidenschaft. Eigentlich ein positiv besetzter Begriff. Im Wort enthalten ist allerdings, dass sie "Leiden schafft". Meine Leidenschaft ist nun mal seit vielen Jahren Volleyball. Es schenkt mir Kraft und Energie, lässt mich alles um mich herum vergessen, ermöglicht mir hautnah mitten unter meinen Freunden zu sein und hinterher geht es mir stimmungsmäßig immer hervorragend.



Es ist Donnerstagabend, Volleyball mit meiner Kolpingsmannschaft. Ich habe nun genau zwei Wochen nicht gespielt. Seit ich meinen Port bekommen habe - den Zugang zu meiner Vene. Dieses 1€-Sück große Döschen wurde mir an meiner Schulter unter die Haut gepflanzt. Darüber wurde mir nun auch schon die erste Chemo verabreicht. Eigentlich sollte man mit dem Port alles machen können, sogar schwimmen gehen. Ich möchte damit aber vor allem eins: nämlich Volleyball spielen. Noch in Jeans bekleidet schnappe ich mir in der Turnhalle einen Ball und pritsche ihn ganz vorsichtig mehrmals über meinem Kopf. Ok. Meine Gesichtszüge hellen sich auf. Geht doch! Ich gehe zur Wand und baggere leicht dagegen. Ich grinse noch mehr. Auch das untere Zuspiel scheint zu funktionieren. Nun hält mich nichts mehr in meinen Klamotten. Der Volleyball-Virus hat mich bereits wieder ergriffen und ich ziehe mich schnell in der Umkleide um. So ein tolles Gefühl! Die Bewegungen, die ich für Volleyball brauche, scheinen mit dem Port zu funktionieren. Schmettern geht natürlich noch nicht mit der frischen Wunde, aber ich genieße es einfach, wieder beim Einspielen ein bisschen dem Ball hinterherzujagen. Mitspielen während des eigentlichen Spiels traue ich mir dann allerdings noch nicht. Das Risiko ist mir dann doch etwas zu hoch, dass während des Spiels jemand auf den noch neuen Port trifft.


Zwei Tage später beim samstäglichen Training mit den afghanischen Jungs werde ich dagegen schon etwas mutiger und stehe dort auch schon einmal im Feld. Konditionell ist das trotz Chemo eigentlich gar kein großes Problem. Aber natürlich tut der Arm mit seiner Wunde noch weh. Aber das wird schon. Ich bin total happy.


Heftige Schmerzen im Arm


Am Montag habe ich wieder Blutbild-Kontrolle. Anschließend gehe ich mit meiner Schwester shoppen. Sie ist zufällig auch in Beilngries. Sie hilft mir, mich an- und auszuziehen. Ich kann nämlich kaum noch meinen rechten Arm heben. Er tut furchtbar weh. Das ging bereits am Tag zuvor los. Ich ging davon aus, dass das vom Port kommt und tippte in Google: "Port schmerzt". Eine Antwort war: Thrombosegefahr. Ich erzähle das meiner Schwester beim Einkaufen und sie rät mir, dies doch gleich überprüfen zu lassen. Damit sei nicht zu spaßen. Also zurück in die Praxis zum Ultraschall.


So liege ich nun auf einer Liege in einem kleinen Raum in der Praxis meines Onkologen, in der auch ein Kardiologe beschäftigt ist. Ich bin oben bereits ausgezogen. Eine aufmerksame Arzthelferin hat mich mit einer Decke zugedeckt und mich mit einem „der Arzt kommt gleich“ hier zurück gelassen. Thrombosegefahr. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Mir tut einfach der Arm total weh und das kommt mit Sicherheit von diesem blöden Port. Diesen konnte ich von Anfang an nicht leiden, weil er so weit außen an der Schulter gesetzt wurde. Vielleicht muss er nun neu gesetzt werden. Das bedeutet alles nochmal von vorn. Bis das dann abheilt, vergehen wieder Wochen. Aber werde ich nach dieser ganzen Prozedur diesen Sommer überhaupt noch Volleyball spielen können? Dankbar bin ich über die kuschelige Decke. Langsam entspanne ich. Bilder ziehen an meinem inneren Auge vorbei.


Mit 16 Jahren auf meinem 1. Turnier mit meiner Dollnsteiner Volleyballmannschaft (1980)

Es ist das Jahr 1980. Ich bin am Gabrieli-Gymnasium in Eichstätt. Michl, ein für uns damals attraktiver junger Mathelehrer, gibt dort jeden Freitag Volleyball für Lehrer, Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Altersstufen. Volleyball ist eigentlich nicht unbedingt meine Traumsportart. Ich würde lieber etwas spielen, bei der ich meine Schnelligkeit besser einsetzen könnte. Handball oder eventuell Basketball. Aber besser als nichts. Denn eine Mannschaftssportart möchte ich auf jeden Fall ausüben. Meine Schwachstelle sind allerdings meine Finger. Die Bälle machen einfach nicht, was ich so will. Daher bekomme ich im Abi auch beim Pritschen nur eine zwei (was auch so in Ordnung ist), was mich als Ehrgeizling aber furchtbar nervt. Immerhin spiele ich in einer Liga-Mannschaft - wenn auch nur als Aushilfe, da meine Mannschaft in Dollnstein ist. Das liegt von meinem Wohnort Kipfenberg beinahe 50 km weit entfernt. Der Trainer holt mich bei Bedarf in seinem Audi 200 immer wieder mal von zu Hause ab.

Auch in Kipfenberg spiele ich in einer gemischten Mannschaft. Ich bin dort mit Abstand die Jüngste. Einige der Männer sind bereits über 50 Jahre und einer bereits 60 Jahre alt. Mich fasziniert, wie dieser sich dabei immer noch geschickt auf den Boden wirft. Cool, wie lange man doch Volleyballspielen kann.


Als ich dann heirate und Kinder bekomme, spiele ich nicht. Im Jahr 2002 fange ich dann mit 38 Jahren wieder an. Zunächst spiele ich in Schweigersdorf, einem kleinen Dorf auf dem Berg. Danach gründe ich in Plankstetten selbst eine Mannschaft. Wir sind dabei sogar sehr erfolgreich und holen gleich zwei Mal bei dem beliebtesten Volleyball-Event der Region den Pokal.

Etwas gechillter geht es eher bei den Madls zu, die ich für ein paar Jahre in der Kloster-Turnhalle trainiere. Der Spaß steht hier im Vordergrund. Als die Halle dann zum Abriss ansteht, lassen wir die beiden Mannschaften auslaufen. Es war eh immer schwierig, in diesem doch sehr kleinen Ort genügend Spieler zusammen zu bringen.

So wechsele ich zu Kolping Beilngries. Eine total nette, wiederum gemischte Mannschaft, die nicht so ehrgeizig ist und vor allem Wert auf Geselligkeit legt.


Ja, und dann kam 2015 die bunte Flüchtlingsmannschaft dazu. Diese bringt über das Volleyball hinaus einen ganz neuen Kulturkreis mit in die Halle. Eine total spannende und faszinierende Herausforderung. Die Jungs sind eine echte Bereicherung für mein Leben. Diese Aufgabe und auch viele dieser starken Persönlichkeiten geben mir nun in Zeiten meiner Erkrankung umgekehrt Halt.



Aber jetzt liege ich erst einmal auf dieser Pritsche und mein schmerzender Arm nimmt mir jegliche Lust auf Volleyball. Nun kommt der Arzt und trägt Gel auf meine Schulter auf. Mit der Ultraschallsonde fährt er den gesamten Arm genau ab. Nein, eine Thrombose kann er nicht erkennen. Alles in Ordnung.


Untersuchung im Klinikum


Ich fahre wieder nach Hause. Selbst beim Autofahren schmerzt mein Arm. Was kann das denn nun sonst sein? Ich bespreche mit meiner Schwester, dass ich nun endgültig abklären lassen will, ob das Ganze dennoch vom Port kommt. Ich hatte ja von Anfang an das Gefühl, dass dieser zu weit außen sitzt und er nun tatsächlich durch jede Bewegung meines Arms gereizt wird. Da ist sicher was bei der Operation schief gelaufen. Ich male mir schon in Gedanken aus, dass er in einer neuen Operation entfernt oder im besten Fall ein Stück weit verschoben werden muss. Das bedeutet wieder ein paar Wochen mehr bis ich wieder Volleyball spielen kann. Dann ist auf jeden Fall das zweitägige Beach-Turnier im Schwimmbad vorbei. Dort würde ich gerne wieder mitspielen - so wie im letzten Jahr...



Aber das ist mir jetzt auch egal. Da muss etwas mit meiner Schulter gemacht werden. Ich bin jetzt so weit, dass ich mich von einem Volleyball-Sommer verabschiede. Ich akzeptiere, dass meine Gesundheit vorgeht und lasse los, was mir bisher so wahnsinnig wichtig war: Volleyball. Dann halt nicht! Ausnahmsweise lasse ich die Vernunft siegen. 🙂 So mache ich telefonisch für Mittwoch einen Termin in der Frauenklinik in Ingolstadt aus, um die Sache mit dem Port nun endgültig abklären zu lassen.

Am nächsten Tag wache ich auf … und die Schmerzen sind weg. Ich überlege, ob ich noch träume. Ich verrenke meinen Arm in alle möglichen Richtungen. Schon eigenartig, ich spüre keine Schmerzen mehr. Ich überlege schon, den Termin wieder abzusagen. Dann entscheide ich mich aber doch, nach Ingolstadt zu fahren. Es könnte ja sein, dass die Schmerzen wieder kommen. Außerdem muss ich sowieso dort noch etwas erledigen.


Der Arztbericht zur Portkontrolle

Der junge Arzt, der mich im Klinikum untersucht, hört sich meine Geschichte in aller Ruhe an. Meint dann nach der Untersuchung, der Port liege genau richtig. Im Klinikum würde der Port immer so gesetzt. Die Narbe sei zwar noch ein bisschen rot, aber unauffällig. Alles in Ordnung. Die Schulterschmerzen kämen definitiv nicht vom Port. Und gegen Volleyballspielen spreche prinzipiell nichts.


Schon etwas verrückt. Kaum hatte ich meine Leidenschaft losgelassen, sie bewusst ad Acta gelegt, bekam ich sie nun neu zurückgeschenkt. Glücklich, aber vorsichtshalber nicht mehr ganz so euphorisch, fahre ich wieder nach Hause.

Wer weiß, was noch alles kommt.


Als der Port dann später vollständig verheilt ist, konnte ich übrigens die Schulterschmerzen eindeutiger lokalisieren. Ich bekam sie vor allem, wenn ich Angaben von oben machte oder viel schmetterte. Sie stammen von mehrjähriger Belastung. Sehr stark schmerzt es allerdings vor allem seit Herbst 2017. Ein Schulter-Spezialist hatte mir damals bereits erklärt, meine Sehne sei wie bei einer Schnur aufgezwirbelt und eine OP in den nächsten Jahren unvermeidbar. Mein Hausarzt meinte allerdings, die Natur kann auch sehr viel selbst heilen!

Und darauf hoffe ich.


Start der Beachvolleyball-Saison


Aber jetzt habe ich erst einmal grünes Licht zum Volleyballspielen und so stehe ich bereits ein paar Tage später wieder auf dem Platz. Dieses Mal im Sand. Ich trainiere zum ersten Mal die Geflüchteten draußen für das bevorstehende zweitägige Beach-Turnier. Das erste Mal im Sand ist immer etwas gewöhnungsbedürftig. Man ist es nicht gewohnt, dass alles ein bisschen langsamer geht. Im Sand erläuft man einfach nicht so leicht die Bälle wie in der Halle. So ist das ganze heute etwas mühselig. Die andere Seite hat gerade Aufschlag. Der Ball fliegt Richtung Firouz und mich. Vielleicht eher zu ihm, aber ich bin ebenfalls schon unterwegs. Ich ziehe zwar noch zurück, aber wir tuschieren uns noch ganz leicht am Bein. Völlig unerwartet läuft mir daraufhin ein Blutstrom das Bein herrunter. Firouz schaut ganz entsetzt. Ich sage ihm, dass das nicht seine Schuld sei. Ich bin ja ihm reingelaufen. Ich verarzte mich draußen. Schon eigenartig. Wir haben uns kaum berührt und gleich diese Menge an Blut. Meine Haut scheint sehr dünn zu sein. Ich gehe wieder ins Feld. Ich bitte die Jungs, ein bisschen auf mich aufzupassen. Doch es dauert keine fünf Minuten, als ein anderer Spieler rückwärts läuft und mich mit seinem Fuß noch streift. Die andere Seite meines Fußes blutet nun auch. So ein Mist. Was geht hier denn ab? Das nächste Pflaster ist fällig. Na, das kann ja heiter werden. Nun bleibe ich lieber draußen. Die Jungs trauen sich ja sonst gar nicht mehr spielen.



Beachturnier im Juli mit langer Hose

Beim zweitägigen Beach-Turnier drei Wochen später spiele ich dann fast alle Spiele durch. Konditionell ist das kein Problem, da es in meine dritte Chemowoche fällt, bei der es mir körperlich immer sehr gut geht. Trotz großer Hitze spiele ich allerdings in langer Hose und anfangs auch in langem Shirt. Ich habe Angst vor weiteren Verletzungen mit meiner dünnen Haut und lege mir durch die Kleidung sozusagen eine zweite Haut zu.


Denn wie heißt es so schön: Wer Volleyballspielen will muss leiden? Zumindest ich. Denn mit meiner Arthrose im unteren Sprunggelenk humple ich grundsätzlich nach jedem Volleyballspiel am nächsten Tag. Früher bin ich sogar nach Turnieren, als ich noch bei jedem gegnerischen Angriff geblockt habe, am Morgen das Treppengeländer heruntergerutscht. Vor allem nach dem Aufstehen konnte ich nämlich keinen Schritt mehr laufen. Das habe ich übrigens nun schon seit 35 Jahren. Ein Sportarzt hatte mir damals schon empfohlen, als Sportart eher Schach zu wählen. Keiner hätte je gedacht, dass ich noch so lange spielen kann.


Ich habe es nie bereut, immer weiter gespielt zu haben - auch wenn mir Volleyball so manche Schürfwunden und Schmerzen verursacht hat. Ich bin der Meinung: Leidenschaften sollte man leben, so lange man kann, und sie einem mehr Kraft geben als nehmen. Natürlich nicht total unverantwortlich. Aber es wäre wirklich schade, wenn man darauf verzichten würde und sich dadurch Lebensfreude nimmt. Man weiß ja nie, wie lange etwas geht. Auch wenn ich nicht pessimistisch eingestellt bin. Aber Krebs kann nun auch mal ein schnelles Ende herbeiführen. Und ehrlich gesagt, wäre es traurig, hätte ich aus Rücksicht auf ein vielleicht besseres Leben im Alter auf Volleyball verzichtet. Nur um mit etwas gesünderen Knochen zu sterben? Viele wunderschöne Begegnungen mit den vielen Spielern der unterschiedlichsten Mannschaften, in denen ich einmal spielte, hätte ich nicht gehabt. Manches sollte man einfach im Jetzt tun, ohne nur nur an später zu denken. Denn für manches kann es irgendwann einmal zu spät sein und man kann es auch nicht mehr nachholen.

Dazu gibt es auch eine wunderbare Geschichte von Gisela Rieger aus dem Buch „Inspirationen für`s Herz“: "Der Tanz des Lebens"


Positive Wirkung von Sport bei Chemo


Für mich gesprochen ist klar: Ich habe vielleicht ein bisschen früh nach meiner Port OP angefangen, wieder Volleyball zu spielen. Es ist halt "meine Leiden-schafft". Aber für mich ist Volleyball während dieser Chemo-Zeit Gold wert. Eine wissenschaftliche Studie hat übrigens ebenfalls belegt, dass aktiver Sport die Heilungschancen bei Krebs erhöht. Zu spüren, was man trotz Krankheit noch alles leisten kann, schenkt Selbstvertrauen und gibt dadurch Stabilität und Zuversicht. Das sind alles Komponenten, die für die lebenserhaltende Immunabwehr sehr wichtig sind. Für mich ist es dabei auch immer ein Anliegen, nach außen zu signalisieren, dass man als Krebspatient mit Chemo nicht nur im Bett liegen muss, sondern noch aktiv am Leben teilnehmen kann. Ich will dadurch ein bisschen Angst vor dieser sicherlich schrecklichen Krankheit nehmen.


… und so hoffe, ich dass ich meine Leidenschaft noch viele Jahre lang mit Begeisterung ausleben darf ... trotz Schürfwunden, Arthrose- und Schulterschmerzen!

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