Gartentage

Sonntagmorgen! Sonnenschein. Ich wache um 9 Uhr auf. Was tut mir heute weh? Ich fühle in mich. Momentan scheint alles gut zu sein. Somit ziehe ich mich schnell an. Heute sind Gartentage im Kloster. Davor ist noch ein Schöfpungsgottesdienst im Freien auf der landwirtschaftlichen Hofstelle "Staudenhof".


Beim Hochfahren auf den Bauernhof oberhalb von Plankstetten merke ich schon, dass die Leute, die mir entgegen kommen, alle etwas wärmer angezogen sind als ich. Als ich aussteige und mir die eiskalte Luft entgegen weht, weiß ich auch warum. Für mich ist es immer warm, sobald ich Sonnenstrahlen durch unsere Fenster fallen sehe. Aber hier war es echt frisch und ich hatte nur ein Kleid ohne Jacke an. Aber immerhin hatte ich an einen Hut gegen die Sonne gedacht. So werde ich auch gleich mehrmals angesprochen: "Ist dir nicht kalt?", "Du bist aber luftig angezogen!" Mich friert aber nicht einmal. Erstens heizt die Chemo immer ziemlich ein und zweitens wird die Sonne nun stärker. Für einen Außenstehenden würde mein ärmelloses Kleid wohl nun passen. Aber paradoxerweise nun nicht mehr für mich. Denn ich habe mich in meiner Eile heute Morgen natürlich nicht mehr eingekremt und mache mir nun wiederum Sorgen, dass die Sonne meiner von der Chemo empfindlichen Haut schaden könnte. Da wäre eine Jacke, wie alle anderen sie anhaben, jetzt tatsächlich für mich als Sonnenschutz wünschenswert ...

Ich habe das Ganze natürlich schadlos überstanden. Mir kam dabei allerdings in den Sinn, dass es im Leben vermutlich sehr oft so ist, dass ein Außenstehender nur das sieht, was vor Augen ist. Man bildet sich eine Meinung oder fällt über etwas oder jemanden ein Urteil, ohne Genaueres über die eigentliche Situation oder Person zu wissen. Unsere Sicht- und Denkweise ist eben immer auch ein Stück weit begrenzt.


Nach dem Gottesdienst treffe ich viele Bekannte. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ich krank bin. Ich spreche mit einem Mann, dessen Frau und Tochter bereits Krebs hatten. Beide hatten damals parallel alternative Heilmethoden im Bereich Akupunktur und Ernährung zusätzlich zur Chemo angewendet. Ich höre mir das zwar an, aber momentan kommt das für mich nicht in Frage. Ich verlasse mich voll auf die Allgemeinmedizin.Wir hatten damals bei unserem Sohn Michael, der mit 4 Jahren in Erlangen wegen eines Lymphoms Chemotherapie hatte, auch keine zusätzlichen Heilmethoden angewandt. Sein Tumor hatte sich damals Ohne Operation allein durch die Chemo aufgelöst.


Eine wunderbare Nachricht


Bei Michael und Josefa sind wir auch heute Mittag zum Essen eingeladen. Als er Georg und mich einlud, meinte ich noch zu ihm: "Ich finde es ja total nett von dir! Aber du musst wegen meiner Krankheit jetzt nicht besonders Rücksicht auf mich nehmen." Er sagte darauf bloß wie meistens: "Passt schon!"

Zu Mittag gibt es hervorragenden Rinderbraten. Michael ist ein leidenschaftlicher Koch. Allerdings ist die Nachspeise dann fast noch umwerfender. Denn er sagt nach dem Essen in einem Satz: "Und übrigens, ihr werdet Großeltern!"

Wow! Damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet.

Ich stehe auf und umarme meine zukünftige Schwiegertochter. Ich mag Josefa total gerne. Sie passt hervorragend zu Michael und ich bin überzeugt, sie wird auch eine ganz liebevolle Mama. Im Januar soll das Baby zur Welt kommen.

Ich freue mich riesig.

Was geht hier denn ab. Ich habe zwar schon immer ein bisschen kokettiert damit, dass ich gerne Oma würde. Aber ehrlich gesagt, hatte ich mir bisher immer gedacht, mit meinen vielfältigen Beschäftigungen habe ich für ein Enkelkind gar keine Zeit. Und nun erfahre ich in meiner ersten Chemowoche, dass ich Oma werde. Durch meine Krankheit habe ich auf einmal Zeit. Was für ein Geschenk!


Spannend für mich ist dabei auch folgender Aspekt: Mein Sohn zeigt dadurch, dass er tatsächlich keinerlei Spätfolgen aus seiner Chemo als Kind hat. ... und genau das ist auch mein Ziel! Ich will aus der Chemo ohne bleibenden Schäden kommen. Super, dass das bei Michael so ist. Mit dieser Zuversicht begeben wir uns zusammen in die Gartentage.


Ein Garten wie im Paradies


Unsere erste Anlaufstelle ist der wunderschöne Garten unserer Freunde. Teresa Wiechova und Armin Kollinger wohnen in einem alten oberpfälzer Wohnstallhaus am Waldrand. Dieses Haus kenne ich noch sehr gut aus der Zeit, als noch meine liebe Freundin Minna darin gewohnt hat. Sie war damals sicher schon über 70 Jahre alt. Ich habe sie immer sehr gerne besucht. Sie war jemand, die immer gut drauf war. Sie strahlte Zufriedenheit und eine unbändige Lebensfreude aus. Als Pferdemagd hatte sie dabei sicherlich kein leichtes Leben. Gepeinigt war sie auch von dauernden Kopfschmerzen. Deswegen hatte sie auch immer eine Mütze auf. Irgendwann musste sie wegen Eigenbedarf dieses alte Haus verlassen. Sie hatte darin über viele Jahre unter einfachsten Bedingungen gewohnt. Sie war anfänglich sehr traurig darüber. Sie arrangierte sich aber sehr schnell, als sie den Komfort einer kleinen Wohnung mit Zentralheizung im Altenheim kennen lernen durfte. Als das selbständige Kochen dort später auch nicht mehr ging, zog sie schließlich in ein Zimmer im Altenheim. Dort habe ich sie immer wieder bis zu ihrem Tod besucht. Für mich ist sie mit ihrer Großherzigkeit und ihrer lebensbejahenden Haltung ein großes Vorbild.


Und nun haben sich unsere Freunde dieses uralte Haus angenommen. Krumme Wände durch einen Hang, der in Bewegung ist, waren eine große Herausforderung. Sie haben sie vorbildlich gemeistert und aus dem alten Gemäuer wieder ein wahres Schmuckstück entstehen lassen. Der Lohn ist ein Wohnen in einer besonders schönen Atmosphäre, mit einem gigantischen Blick über das Sulztal und ein Staatspreis. Dieser wurde ihnen 2017 verliehen. Als sie während ihrer Umbauphase einen Tag der offenen Tür hatten, hatte ich parallel im Gartenhaus des Klosters eine Ausstellung über Jurahäuser organisiert. Ich bin nämlich ein absoluter Fan von diesen alten schlichten Häusern.




Der Garten von Teresa und Armin ist ein Traum. Viele kleine Details machen ihn zu einem Paradies. Als Kind eines Architekten wuchs Teresa in einer großen Villa in Tschechien auf und hat dort ihre Liebe zum Garten entdeckt. In Deutschland hat sie Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Druckgrafik und Illustration studiert. Daher haben sie auch ein sehr stilvolles Atelier angebaut. Dieses reicht über zwei Stockwerke und gleicht von außen einer Scheune. Darin sind vermutlich auch die Tafeln mit tiefsinnigen Sprüchen entstanden, die zum Tag der offenen Gartentür quer über die Bepflanzungen verteilt sind ... und Teresa malt dort momentan viele Bilder inspiriert von der Buntheit in ihrem Garten!




Die Leute in dem kleinen Garten werden nun immer mehr. Georg zieht sich da lieber erst einmal zurück. Er will erst abends wieder kommen, um dann noch den Klostergarten zu besichtigen. Ich mache mich sofort auf den Weg nach unten ins Kloster. Wie ich nun so alleine den Berg runterlaufe, merke ich schon, dass mein Körper ganz schön mit sich kämpft. Ich spüre alle meine Muskeln. Irgendwie ist mir auch leicht übel. Mal schauen wie sich das weiter entwickelt. Ich will wenigstens kurz in meinen Buchladen schauen. Der Vorhof bei dem Baum mit dem Wasserbecken ist wie bei jedem Markt mit Büchertischen und Kartenständern voll gestellt. Dieses Mal natürlich alles zum Thema Garten und Natur. Ich habe das meiste noch eingekauft. Zum ersten Mal seit 15 Jahren stehe ich aber dieses Mal nicht hinter der Theke. Schon ein bisschen eigenartig. Ganz kann ich mich natürlich nicht raushalten, gebe kleine Tipps oder berate Kunden. Geht gar nicht anders. Und wenn ich schon da bin, kann ich ja auch zur Lesung von Christine Olma auf der Terrasse des Klostergartens gehen ...


Ich schlängle mich durch die Menschenmassen. Eine Arzthelferin hat mir gesagt, das sei im Sommer auch kein Problem. Vor allem im Freien verfliegen Vieren wie im Wind.

So genieße ich es, mit vielen Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich spreche auch eine Freundin an, die vor einigen Jahren ebenfalls Brustkrebs hatte. Ihr geht es sehr gut. Sie erzählt mir von ihrer Therapie. Als ich ein paar Mal nach Details frage, stellt sich heraus, dass sie diese bereits vergessen hat. Eigentlich ein gutes Zeichen.


Letztendlich gehe ich erst nach 8 Stunden wieder nach Hause.

So ein voller Tag.

Jetzt darf es mal ruhiger werden. Die vielen Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden.


Neues Leben entsteht


Vor allem das Schönste: Ich werde Oma. Als Oma steckt ja auch ein Stück von mir in diesem werdenden Kind. Mein Leben geht auf jeden Fall weiter. Meine biologische Funktion habe ich somit schon einmal erfüllt. Egal, ob ich auf dieser Erde bleibe oder nicht.

Aber natürlich will ich noch mehr weitergeben als rein meine Gene ... und auch meine auf dem Speicher aufgehobenen Spielsachen und Bastelmaterialien.😊Was das noch alles ist, das kann ich mir noch gar nicht so vorstellen. Aber fast alle, denen Georg und ich in den nächsten Wochen erzählen, dass wir Großeltern werden, meinen fast unisono: Das sei das Schönste, was ihnen hätte passieren können.


Auch für meine Eltern und meine Schwiegermutter freue ich mich sehr, dass sie auch noch erleben dürfen zum ersten Mal Urgroßeltern zu werden. Wenn das Kind im Januar auf der Welt ist, sind alle drei jeweils 88 Jahre alt. Und wie war gleich wieder das Lied von Udo Jürgens? Mit 66 Jahren?


Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss Mit 66 ist noch lange nicht Schluss


Ich würde eher sagen: Leben kann jeden Tag neu anfangen, egal wie alt man ist, ... solange man es zulässt.


Im Januar fängt nun tatsächlich ein neues Leben an und wir alle dürfen dieses neue Menschenkind ins Leben und hoffentlich auch ein Stück weit durch das Leben begleiten.


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