Endlich Chemo

Dienstag, 19. Juni 2018.

Gestern habe ich während meiner Arbeit in der Buchhandlung einen Anruf aus der Arztpraxis bekommen: "Möchten Sie die Chemo bereits einen Tag früher als geplant anfangen?" Liebend gerne. Langsam nervt mich nämlich mein Tumor. Ich spüre ihn täglich, habe das Gefühl er wächst beständig …


Da fällt mir ein: „Oh, morgen kommt aber noch eine Autorin wegen einer Lesung zu mir in den Buchladen. Wie fit bin ich denn eigentlich nach der Chemo noch? Kann ich diese danach noch empfangen?“ Die Arzthelferin meint: „Das dürfte kein Problem sein. Bei der Chemo, die Sie bekommen, merkt man in der Regel am ersten Tag noch gar nichts davon.“ „Ok, dann komme ich natürlich gerne!“


So freue ich mich, dass es nun nach genau 3 Wochen seit meinem ersten Arztbesuch bereits mit der Chemo losgeht. Das ist nun echt schnell gegangen. Ich bin total happy.


Erste Chemo


Bewaffnet mit meinem Laptop sitze ich erwartungsfroh im schwarzen Ledersessel der Gemeinschaftspraxis Dr. Zörerbauer in Beilngries. Ich habe am Wochenende viele Fotos von unserem 35-jährigen Klassentreffen und von der Sommermatinee des Symphonischen Blasorchesters für deren Homepage gemacht. Diese will ich nun während der 3-stündigen Chemo am Laptop bearbeiten. Zu Hause bin ich einfach nicht dazu gekommen und ich möchte die Bilder bald verschicken.


Die Arzthelferin ist total nett zu mir. Ich bekomme sogar Kaffee. Das ist ein Service. Geht' s mir gut.


Aufmerksam beobachte ich, wie sie mich anstöpselt. Sie desinfiziert dabei mit einem Spray die Haut über meinem Port. „ Bitte Luft anhalten!" Ein kurzer Picks …und die Infusion hängt an meiner Schulter.

„Der Port liegt super. Sehr weit oben an der Haut. Man braucht dazu nur eine ganz kurze Nadel.“ Schön zu hören. Diesen Port kann ich aber dennoch immer noch nicht leiden! Bei vielen Armbewegungen stört er mich. An Volleyball denke ich jetzt lieber nicht.

Die erste Infusion läuft. Der sogenannte Vorlauf: Eine klare NaCl-Lösung mit drei Substanzen: Cortison, Granisetron, einem Mittel gegen Übelkeit und Uromethason. Dies soll die Blase vor den aggressiven Zytostatika vorbeugend schützen.

Ich klappe meinen Laptop auf und beginne Bilder zu bearbeiten. Weit komme ich damit nicht. Viel zu neugierig versuche ich nebenbei wahrzunehmen, was noch alles im Raum passiert. Bei einigen anderen Patienten laufen ebenfalls Infusionen.


Darunter ist auch ein älterer Bekannter, den ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe. Ich mag ihn total gerne. Immer fröhlich strahlend ist er jemand, bei dem es einem besser geht, wenn man mit ihm zusammen ist. Offen erzählt er mir sofort seine Krankheitsgeschichte. Als er vor mehr als 10 Jahren von seiner Prognose Blutkrebs hörte, dachte er, er habe nicht mehr lange zu leben. Ich erinnere mich noch gut an diese schwere Zeit. Mit regelmäßiger Chemo hat er diese Krankheit im Griff. Leider auch ein Stück weit sie dadurch auch ihn.


Noch ein weiterer guter Bekannter kommt herein. Auch er ist schon seit längerem hier in Behandlung. Es ist wirklich schön diese beiden sympatischen Männer hier zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Nun haben wir etwas gemeinsam, sitzen im gleichen Boot. Beide waren zudem auch einmal begeisterte Sportler. Sie meinen aber, dass Volleyball und Tennis für sie jetzt nicht mehr möglich seien. Aber sie hätten diese Zeiten in guter Erinnerung. Fahrradfahren geht aber noch. Sie arrangieren sich mit ihrer Krankheit und machen alles, was noch möglich ist. Ihren Humor haben sie nicht verloren. Ihre Haltung ist bewundernswert und macht Mut.


Nun wird es ernst. Die Arzthelferin steckt die Infusion um. Die rote Flüssigkeit Epirubicin läuft unverdünnt in meinen Körper. Was wird sie in mir bewirken? Momentan merke ich gar nichts. Irgendwann wird es langweilig, dem knallroten Tropf zuzuschauen. Wir nennen ihn auch immer nur Cocktail oder Aperol. Dabei mag ich dieses bittere Getränk normalerweise gar nicht. Auf jeden Fall nicht wie jetzt bereits zum Frühstück!


Nun ist die rote Flüssigkeit durch und ich bekomme die nächste Infusion: Cyclophosphamid. Diese wird in einer 0,9- prozentigen NaCl-Lösung serviert. Irgendwie ist es mir nun schon ein bisschen schummrig. Ist es mir auch leicht schlecht? Ich fühle in mich. Keine Ahnung. Aber ich merke schon, dass irgendetwas mit mir passiert.


Ich packe meinen Laptop weg. Diesen habe ich dann auch nie wieder mitgenommen. Ich war vermutlich eh die einzige, die bei ihrer Chemo in dieser Praxis einen Laptop dabei hatte. Die meisten Leute hier sind auch ältere Personen. In Gesprächen hört man immer wieder heraus, dass die Chemo sie zu müde zum Lesen macht.


Nun ist mein letzter Beutel durchgelaufen. Die Arzthelferin stöpselt mich wieder ab und klebt ein Pflaster auf die Einstichstelle am Port.

„Geht es Ihnen auch gut? Sie schauen ein bisschen blass aus?“, fragt die Arzthelferin besorgt. „Geht schon.“ "Werden Sie abgeholt?" Ich versuche zu lächeln: "Nein. Man hat mir gesagt, ich könne bei dieser Chemo selber fahren." Ganz leicht schwankend erhebe ich mich. „Ja, passt schon.“ Muss passen. Immerhin will ich noch schnell was für meinen Mann Georg beim Metzger holen und dann in die Arbeit gehen.


Die Arzthelferin gibt mir noch folgende Anweisungen mit auf den Weg: „Morgen kommen Sie bitte wieder, dann bekommen sie eine Spritze mit Lonquex. Diese ist dazu da, dass das Knochenmark die Produktion der Leukozyten anregt. Ansonst bekommen Sie jetzt noch weitere vorbeugende Tabletten für zu Hause mit."



Weiter in die Arbeit: Zur Kinderbuchautorin Christine Olma


Es hat doch ein bisschen länger gedauert bei der Chemo und ich komme etwas später in die Buchhandlung. Christine Olma, die Autorin von " Anton und der Geheimbund der Tiere" ist bereits da. Ihr Erstlingswerk wurde sehr schnell zum regionalen Erfolgstitel. Ich mag dieses wunderschön illustrierte Kinderbuch. Es hat sehr viel Tiefgang und ist durchaus auch für Erwachsene geeignet. Das Buch handelt von der Waldmaus Anton. Diese stammt aus einem Dorf im Altmühltal und landet unfreiwillig auf dem Wochenmarkt in Ingolstadt. Dort durchlebt der kleine Nager viele spannende Abenteuer. Dabei lässt sich viel über Freundschaft und Verantwortung füreinander lernen.


Ich kenne Christine Olma bereits von ihren Fotokursen im Kloster. Ich erzähle ihr, von wo ich gerade komme und wie ich mit meiner Krankheit umgehe. Dass ich diese nicht als Bedrohung, sondern auch als Chance sehe. Ich freue mich, dass sie mich sofort versteht. Das tut mir gut. Mittlerweile dachte ich schon, ich bin eine totale Exotin mit meiner Haltung. So biete ich ihr eine Wegbegleiter-Medaille an, die sie gerne annimmt.

Danach besprechen wir die Lesung, die bei den Gartentagen am Wochenende im Kloster stattfinden soll. Ich hätte sehr gerne die Einführung dazu auf der Terrasse im Klostergarten gemacht. Frater Bruno wird dies nun für mich übernehmen. Er meint schließlich, ich sehe sehr blass aus. So fühle ich mich auch. Irgendwie schlaucht mich diese erste Chemo doch ganz schön.


Übelkeit


Ich fahre wieder vorsichtig nach Hause. Eigentlich sollte ich doch noch gar nichts spüren. Ich lege mich hin. Stehe wieder auf. Bin total aufgekratzt. Ich bereite die Unterlagen für die Übergabe an den neuen Vorsitzenden der Freunde des Gymnasiums vor. Herr Krauß will heute um 19 Uhr kommen. Ab 18 Uhr wird mir leicht übel. So ein Mist. Was mache ich denn, wenn es mir noch schlechter wird?

Ich rufe mal wieder meine Schwester an. Sie rät mir, ich solle mit Dr. Zörerbauer Kontakt aufnehmen. Dafür hat er mir ja die Notfallnummer gegeben.

Er ist auch tatsächlich gleich am Telefon und meint, ich kann gerne eine Tablette, die für morgen vorgesehen ist, vorziehen, falls es noch schlimmer werden sollte. Kurz darauf ruft Herr Krauß an. Es wird etwas später. Oh! Da kann ich für nichts mehr garantieren. Ich erkläre ihm meine Situation und wir vereinbaren einen neuen Termin. Darüber bin ich jetzt erst einmal sehr erleichtert. Um 21 Uhr nehme ich dann schließlich die Tablette gegen die Übelkeit und lege mich sofort ins Bett. Herrje, das geht ja schon gut los.


Mein Körper rebelliert total. Woher soll er auch wissen, dass die Zytostatika in mir, mir eigentlich helfen sollen. Ok. Natürlich vernichten sie nicht nur die Krebszellen, sondern greifen dabei auch intakte Zellen an. Gesunde Zellen haben aber im Gegensatz zu den Krebszellen die Möglichkeit, sich wieder schnell zu regenerieren.


Die Nacht über stehe ich immer wieder auf. Ich bin total aufgedreht. Das Cortison hebt nicht nur die Stimmung, sondern putscht einen so richtig hoch.


Wieder in der Praxis


Am nächsten Tag bringt mich Georg in die Praxis. Ich könnte nicht selber fahren. Mir ist immer noch hundeelend. Die Arzthelferinnen erschrecken ein bisschen. Ich bin total blass. Ich beteuere, es geht schon. Ich bekomme, die Lonquex gespritzt. Die nächsten Male spritze ich mir diese zu Hause selbst. Dann brauche ich wenigstens an meinem anstrengendsten zweiten Tag der Chemo das Haus nicht verlassen.

Wir fahren noch in die Apotheke. Georg holt die restlichen Medikamente. Gut, dass ich jetzt noch mehr gegen Übelkeit zu Hause habe. Dort schaue ich, dass ich in mein Bett komme. Nur noch schlafen.


Hohe Leberwerte


Später rufen mich die Arzthelferinnen an. Ich solle doch bitte am nächsten Tag noch einmal kommen. Meine Leberwerte seien sehr hoch.

Bei der Blutentnahme am nächsten Tag meint eine Arzthelferin, wie es mir denn gehe. Ich sage ihr, es passt schon alles. Für mich seien Schmerzen kein Problem, ich halte schon was aus. Sie meint aber: "Sie müssen gar nichts aushalten!" Ich solle immer sagen, wenn ich ein Problem habe. Dann versuchen sie dies abzustellen.


Interessanterweise sind alle anderen Chemos bei Weitem nicht mehr so krass wie die erste. Auch die Leber- und Blutwerte sind die anderen Male immer in Ordnung.

Irgendwie scheint sich mein Körper vor allem das erste Mal stark vor diesen chemischen Substanzen gewehrt zu haben. Vielleicht habe ich mich aber auch mit meinem - noch nicht heruntergefahrenen - Aktivismus noch nicht auf krank sein eingestellt. Viele Faktoren tragen vermutlich dazu bei, wie man eine Chemo verträgt ...


... so werde ich in den nächsten 6 Monaten noch viele weitere Erfahrungen sammeln können.

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