Der Tumor bewegt sich

Aktualisiert: 10. Apr. 2020

Ich liege in unserem Garten und lasse meinen Tumor von der Sonne bescheinen. Irgendwann soll er ja eh einmal bestrahlt werden. Dabei bemerke ich, dass er sich bewegt. Ich schaue genauer hin. Tatsächlich. Er zuckt und vibriert. Oh Gott! Mir wird etwas unheimlich bei dem Gedanken. Wächst er vielleicht?



Ich gehe ins Haus und google nach "Tumor bewegt sich". Ich kann nichts finden. Stoße aber auf alles mögliche Unerfreuliche. Das kann ich gerade nicht brauchen. Vor allem keine gruseligen Fotos von Brustkrebs. Ich rufe meine Schwester, die Arzthelferin ist, an. Sie hat davon allerdings auch noch nie etwas gehört.


Mich nervt der Gedanke, dass der Tumor aktiv sein könnte. Es ist natürlich Samstag und ich kann niemanden fragen. Also versuche ich jetzt erst einmal nicht daran zu denken. Allerdings fällt mein Blick immer wieder auf meine Brust und den bebenden Tumor.

Gut, dass abends Volleyball mit den Geflüchteten ist. Den Jungs habe ich noch nichts gesagt. Schließlich habe ich noch kein offizielles Ergebnis. Da kommt mir aber der Gedanke, ich möchte wenigstens Murtaza informieren. Er hat gerade eine Ausbildung im Krankenhaus als Pfleger begonnen und war bereits Sanitäter in Afghanistan. Ihm kann ich meine Vermutung von meinem Krebs zumuten.


Während ich ihn anrufe, kommt mir noch ein Gedanke. Ich wollte schon immer gerne ein Fotoshooting mit den Jungs aus Afghanistan machen. Ob das in nächster Zukunft noch klappen kann, bezweifle ich gerade. Daher frage ich Murtaza, ob er Lust dazu hätte. Dabei möchte ich ihm etwas Wichtiges erzählen.


Murtaza ist einverstanden und wir treffen uns eine Stunde vor Volleyball an der Altmühl.

Wie ich vermutet habe, kann Murtaza gut mit meiner schwierigen Nachricht umgehen. Er erzählt mir, dass seine nächste Station im Krankenhaus auch die Onkologie sein wird. Ich vertraue ihm an, was mir seit heute nicht mehr aus dem Kopf geht: Ich habe gesehen, dass mein Tumor sich bewegt. Er hört mir genau zu und fragt dann, auf welcher Seite denn der Tumor sei. Ich deute, da mein Links und Rechts nicht so spontan funktioniert. Er lächelt. „Da kann ich dir wenigstens diese Sorge nehmen.“ Ich bin etwas verwirrt. „Das kommt von deinem Herz!“ Ich verstehe immer noch nicht. „Das ist ganz normal. Das ist bei jedem. Das Herz löst diese Bewegungen aus. Glaub mir.“


Das Fotoshooting ist dann etwas entspannter für mich. Dabei bin ich am Ende nicht ganz zufrieden mit der Qualität meiner Bilder. Ich muss da noch üben. An meinem Model lag es nicht.




Ich bin Murtaza sehr dankbar. Fürs einfühlsame Aufnehmen meiner Botschaft, für sein medizinisches Wissen und dass er mir den Wunsch erfüllt hat, von ihm Fotos zu machen.


… und etwas habe ich dabei für mich gelernt: Spreche aus, was du denkst. Was dir Angst macht! Nur so wird dein Kopf wieder frei, können dir Sorgen genommen werden.


Übrigens: Mein Sohn Andreas meinte zu Hause dann ganz lapidar. „Das mit dem Herz hätte ich dir auch sagen können. Das weiß doch jeder.“


Scheinbar nicht!

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