Glück oder Unglück, wer weiß das schon?

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Eine alte Parabel aus China.


Im alten China lebte einst ein armer alter Bauer, dessen einziger Besitz ein

wundervoller weißer Hengst war. Selbst der Kaiser träumte davon, dieses Pferd

zu besitzen. Er bot dem Alten Säcke voller Gold und Diamanten, doch der Alte

schüttelte beharrlich den Kopf und sagte: "Mir fehlt es an nichts. Der Schimmel

dient mir seit vielen Jahren und ist mir zum Freund geworden. Und einen Freund

verkauft man nicht; nicht für alles Geld der Welt." Und so zogen die Gesandten

des Kaisers unverrichteter Dinge wieder ab.


Die Dorfbewohner lachten über soviel Unvernunft. Wie konnte der Alte bloß

wegen eines Pferdes soviel Reichtum und Glück ausschlagen?


Eines Morgens war das Pferd verschwunden. Die Dorfbewohner liefen aufgeregt

vor dem leeren Stall zusammen, um das Unglück des alten Bauern zu beklagen.

"Sag selbst, Alter, hat sich deine Treue gelohnt? Du könntest ein reicher Mann

sein, wenn du nicht so eigensinnig gewesen wärst. Jetzt bist du ärmer als zuvor.

Kein Pferd zum Arbeiten und kein Gold zum Leben. Ach, das Unglück hat dich

schwer getroffen."


Der alte Bauer blickte bedächtig in die Runde, nickte nachdenklich und sagte:

"Was redet ihr da? Das Pferd steht nicht mehr im Stall, das ist alles, was ich

sehe. Vielleicht ist es ein Unglück, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon so

genau?" Tuschelnd gingen die Leute auseinander. Der Alte musste durch den

Schaden wirr im Kopf geworden sein. Anders ließen sich seine Worte nicht

erklären.


Einige Tage später, es war ein warmer, sonniger Frühlingstag und das halbe Dorf

arbeitete in den Feldern, stürmte der vermisste Schimmel laut wiehernd die

Dorfstraße entlang. Die Sonne glänzte auf seinem Fell, und Mähne und Schweif

flatterten wie feinste Silberfäden im Wind. Es war ein herrlicher Anblick, wie er

voller Kraft und Anmut dahergaloppierte. Doch das war es nicht allein, was die

Dörfler erstaunt die Augen aufreißen ließ. Noch mehr Staunen riefen die sechs

wilden Stuten hervor, die hinter dem Hengst hertrabten und ihm in die offene

Koppel neben dem leeren Stall folgten.


"O du glücklicher, von den Göttern gesegneter Mann! Jetzt hast du sieben Pferde

und bist doch noch zum reichen Mann geworden. Bald wird Nachwuchs deine

Weiden füllen. Wer hätte gedacht, dass dir noch einmal soviel Glück beschieden

wäre?" riefen sie, während sie dem alten Mann zu seinem unverhofften Reichtum

gratulierten.


Der Alte schaute gelassen in die aufgeregte Menge und erwiderte: "Ihr geht zu

weit. Sagt einfach: Jetzt hat er sieben Pferde. Ob das Glück bringt oder Unglück,

niemand weiß es zu sagen. Wir sehen immer nur Bruchstücke, wie will man da

das Ganze beurteilen. Das Leben ist so unendlich vielfältig und überraschend."

Verständnislos hörten ihm die Leute zu. Die Gelassenheit des Alten war einfach

unbegreiflich. Andererseits war er schon immer etwas komisch gewesen. Na ja,

sie hatten andere Sorgen.


Der alte Bauer hatte einen einzigen Sohn. In den folgenden Wochen begann er

die Wildpferde zu zähmen und einzureiten. Er war ein ungeduldiger, junger Mann,

und so setzte er sich zu früh auf eine der wilden Stuten. Dabei stürzte er so

unglücklich vom Pferd, dass er sich beide Beine mehrfach brach. Obwohl die

Heilerin ihr Bestes tat, war allen klar, dass seine Beine nie wieder ganz gesund

werden würden. Für den Rest seines Lebens würde er ein hinkender, behinderter

Mann bleiben.


Wieder versammelten sich die Leute vor dem Haus des Alten. "O du armer, alter

Mann!" jammerten sie, "nun entpuppt sich dein Glück als großes Unglück. Dein

einziger Sohn, die Stütze deines Alters, ist nun ein hilfloser Krüppel und kann dir

keine Hilfe mehr sein. Wer wird dich ernähren und die Arbeit tun, wenn du keine

Kraft mehr hast? Wie hart muss dir das Schicksal erscheinen, das dir solches

Unglück beschert."


Wieder schaute der Alte in die Runde und antwortete: "Ihr seid vom Urteilen

besessen und malt die Welt entweder schwarz oder weiß. Habt ihr noch immer

nicht begriffen, dass wir nur Bruchstücke des Lebens wahrnehmen. Das Leben

zeigt sich uns nur in winzigen Ausschnitten, doch ihr tut, als könntet ihr das

Ganze beurteilen. Tatsache ist, mein Sohn hat beide Beine gebrochen und wird

nie wieder so laufen können wie vorher. Lasst es damit genug sein. Glück oder

Unglück, wer weiß das schon."


Nicht lange danach, rüstete der Kaiser zum großen Krieg gegen ein Nachbarland.

Die Häscher ritten durchs Land und zogen die Väter und Söhne zu Kriegsdiensten

ein. Das ganze Dorf war von Wehklagen und Trauer erfüllt, denn alle wussten,

dass die meisten Männer aus diesem blutigen und aussichtslosen Krieg nicht

mehr heimkehren würden.


Wieder einmal liefen die Dorfbewohner vor dem Haus des alten Bauern

zusammen: "Wie recht du doch hattest. Jetzt bringt dein verkrüppelter Sohn dir

doch noch Glück. Zwar wird er dir keine große Hilfe mehr sein können, aber

wenigstens bleibt er bei dir. Wir sehen unsere Lieben bestimmt nie wieder, wenn

sie erst einmal in den Krieg gezogen sind. Dein Sohn aber wird bei dir sein und

mit der Zeit auch wieder mithelfen können. Wie konnte nur ein solches Unglück

über uns kommen? Was sollen wir nur tun?"


Der Alte schaute nachdenklich in die Gesichter der verstörten Leute, dann

erwiderte er: "Könnte ich euch nur helfen, weiter und tiefer zu sehen, als ihr es

bisher vermögt. Wie durch ein Schlüsselloch betrachtet ihr das Leben, und doch

glaubt ihr, das Ganze zu sehen. Niemand von uns weiß, wie sich das große Bild

zusammensetzt. Was eben noch ein großes Unglück scheint, mag sich im

nächsten Moment als Glück erweisen. Andererseits erweist sich scheinbares

Unglück auf längere Sicht oft als Glück, und umgekehrt gilt das gleiche. Sagt

einfach: Unsere Männer ziehen in den Krieg, und dein Sohn bleibt zu Hause. Was

daraus wird, weiß keiner von uns. Und jetzt geht nach Hause, und teilt die Zeit

miteinander, die euch bleibt."

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