Die Palme mit der schweren Last

Aktualisiert: 20. Okt. 2021

Eine kleine Palme wuchs kräftig am Rande einer Oase. Eines Tages kam ein Mann vorbei. Er sah die kleine Palme und konnte es nicht ertragen, dass sie so prächtig wuchs.

Der Mann nahm einen schweren Stein und hob ihn in die Krone der Palme. Schadenfroh lachend suchte er wieder das Weite. Die kleine Palme versuchte, den Stein abzuschütteln. Aber es gelang ihr nicht. Sie war verzweifelt.

Da sie den Stein nicht aus ihrer Krone bekam, blieb ihr nichts anderes übrig als mit ihren Wurzeln immer tiefer in die Erde vorzudringen, um besseren Halt zu finden und nicht unter der Last zusammenzubrechen.

Schließlich kam sie mit ihren Wurzeln bis zum Grundwasser und trotz der Last in der Krone wuchs sie zur kräftigsten Palme der Oase heran.

Nach mehreren Jahren kam der Mann und wollte in seiner Schadenfreude sehen, wie wohl verkrüppelt die Palme gewachsen sei, sollte es sie überhaupt noch geben. Aber er fand keinen verkrüppelten Baum.

Plötzlich bog sich die größte und kräftigste Palme der Oase zu ihm herunter und sagte:

„Danke für den Stein, den du mir damals in die Krone gelegt hast. Deine Last hat mich stark gemacht!“



Afrikanisches Märchen



Eine prächtige Palme, aufgenommen 2013 auf Sri Lanka.



Diese Weisheitsgeschichte habe ich bei meinem Vortrag den Zuhörern auf einem Infozettel als Gute Nachtgeschichte mit nach Hause gegeben.


Ich mag diese einfache Erzählung mit Tiefgang. Sie passt auch zur schweren Last, die mir durch meine Brustkrebserkrankung auferlegt wurde. Und was hat diese mit mir gemacht? Hat diese auch mich stärker werden lassen?


Vom Gefühl her schon. Auch ich musste in die Tiefe graben. Ich habe in meiner Auszeit, die ich mir nie freiwillig gegönnt hätte, viel über mein Leben und "Leben an sich" nachgedacht. Einiges ist mir dabei klar geworden. Dies werde ich noch als Resümee an anderer Stelle zusammenschreiben. Meine Erfahrungen dabei haben mich vermutlich in meiner Entwicklung wachsen lassen. Momentan versuche ich manche Dinge gelassener anzugehen. Einige Probleme relativierten sich nämlich für mich. Vielleicht kann ich die neuen Erkenntnisse auch bei weiteren Stürmen anwenden. Das muss aber erst die Praxis im alltäglichen Leben zeigen.


Man hat schon öfters gehört, dass Personen lebenstüchtiger wurden, wenn ihnen nicht alles nur ganz leicht zugefallen ist. Training, egal was, stärkt anscheinend sowohl Muskeln wie auch mentale Fähigkeiten. Dabei ist es klug, wenn man wie im Fitnessstudio mit Strategie vorgeht oder dem Rat professioneller Trainer folgt. Je nachdem wie stark die auferlegte Belastung eben ist. Die Palme konnte sich die Größe des Steines nicht selbst heraussuchen. Ob man dem auferlegten Druck stand halten kann, hängt sicherlich von mehreren Faktoren ab: Lebenserfahrung, Alter, eine gewisse angeborene Stresstoleranz und natürlich auch die Dauer der zugemuteten Schwierigkeit. Es kann dann schon auch vorkommen, dass jemand überfordert wird und unter der aufgesetzten Last zusammenbricht. Aber selbst da kann man sich wieder aufrappeln oder sich auch aufhelfen und stützen lassen. Danach geht es dann hoffentlich mit dieser Erfahrung reicher wieder gut weiter.


Natürlich kann Leid und Verletzungen einen aber genauso schwächen. Auch ich habe meiner Krankheit Tribut gezollt. Meine Füße, Knie und die Beschwerden um meine Lymphe nerven und belasten mich immer noch. Von daher würde ich mich nicht unbedingt bei meinem Bösewicht, dem Krebs, bedanken wollen, wie es die Palme am Ende der Geschichte so edel gemacht hat.



Wie geht man denn mit schwierigen Personen am besten um?


Der Fiesling in der Geschichte wollte der Palme dabei ja sogar absichtlich schaden. Er kommt sogar nach Jahren zurück, um sich mit Schadenfreude am Unglück der Palme zu ergötzen. Für mich ein bisschen unvorstellbar, dass es tatsächlich solche sadistischen Personen geben soll. Dass Menschen einem schaden, weh tun, diese Erfahrung hat sicherlich bereits jeder machen müssen. Ob das immer absichtlich ist oder nicht, sei dabei dahingestellt. Manchmal hilft da nur, diese Person, die einen beständig verletzt, so gut wie es geht zu meiden. Aber oft geht das nicht. Einen Menschen in seinem Kern zu ändern funktioniert leider meist auch nicht. So bleibt halt nur, sich einigermaßen abzugrenzen und die Angriffe auf Dauer nicht zu sehr an sich heranzulassen, um so wenig wie möglich verletzt zu werden.


Die sympatische Palme, die wohl jeder gleich als sogenanntes Opfer ins Herz geschlossen hat, konnte der Belastung nicht ausweichen. Zunächst war sie deswegen auch verzweifelt. Dann hat sie aber eine Strategie entwickelt, die ihr letztendlich zu einem besseren Leben verholfen hat. Bewundernswert geht sie dabei mit dem Bösewicht bei einer späteren Begegnung um. Sie trägt ihm seine böse Tat nicht nach. Im Gegenteil, sie bedankt sich sogar noch dafür. Sie ist auf jeden Fall die Klügere. Weiß sie vielleicht, dass Wut und Hass einem nur selbst schaden? Und alles, was uns schadet, bindet die eigene Energie und hindert uns am gesunden kräftigen Wachstum.


Vielleicht beschämt die Palme ja den "Deppen". So bezeichne ich alle, die ich nicht mag und blöd finde. Das habe ich von Günter Grünwald gelernt 🤣. Im besten Fall wird der Bösewicht über diese außergewöhnliche Grundhaltung und positive Entwicklung der Palme animiert über sich selbst nachzudenken. Das lässt die Geschichte offen. So wie auch wir es nie wissen können, wie ein anderer reagiert oder sich gar weiterentwickeln will. Wir müssen das einfach so stehen lassen. Das haben wir nicht in der Hand. Wir können nur immer selbst an uns arbeiten und uns verändern.


So wünsche ich uns allen, dass wir wie die kleine Palme, nie die Hoffnung auf ein positives Ende aufgeben - egal wie groß unsere auferlegte Prüfung auch ist. Der Lohn für unseren Kampf ist dann vielleicht auch, dass wir wie ein starker Baum fest verwurzelt, den weiteren Stürmen des Lebens bestens trotzen können.



Sich gelassen anlehnen an diesen beeindruckenden Baum, der wohl schon so manchen Sturm erlebt hat. Aufgenommen 2009 in Auckland, Neuseeland.


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