Wie schnell vergisst man alles auch wieder...?

Aktualisiert: 22. Feb.

Während der Krankheitszeit kann man sich gar nicht vorstellen, dass es hinterher wieder ein ganz normales Leben gibt. Man glaubt, danach sicherlich einiges anders zu machen: Bewusster leben, entschleunigter handeln, klüger sein... Ähm, das klingt ein bisschen nach guten Vorsätzen. Wo stehe ich nun tatsächlich nach mehr als einem Jahr Therapieende? Einem Jahr zurück in der ganz normalen Arbeitswelt. Hat der Alltag meine guten Vorsätze schon wieder überrollt? Heißt das umgekehrt aber dann auch: Habe ich die negative Dimension meiner Krebserkrankung somit auch wieder vergessen?


Schon längst wollte ich wieder schreiben. Eigentlich habe ich geplant, zumindest anfänglich monatlich ein Update im Blog zu geben. Mein letzter Beitrag ist nun bereits 3 Monate her. Aber ehrlich gesagt: Ich komme einfach nicht dazu. Mir fehlt die Muse. Die ersten fragen bereits über die sozialen Medien oder auch auf der Straße nach, wie es mir denn gehe - man lese nichts mehr von mir.


Schon einmal vorweg: Mir geht es gesundheitlich sehr gut.


Mein Körper hat die Chemie, die meinen Organismus geschwächt hatte, mittlerweile vollkommen ausgeschwemmt. Zeichen dafür ist für mich, dass ich wie eh und je sehr kraftvoll und reaktionsschnell Volleyball spielen kann. Daher trifft meine während der Chemo oft getätigte Aussage immer noch voll zu:


Wenn ich Volleyballspielen kann, geht es mir gut.


Die Corona-bedingte Pause vom Teamsport hat der verletzten Schulter meines Schlagarms total gut getan. Das Schmettern funktioniert wieder einwandfrei. Lediglich die Angaben mache ich weiterhin von unten. Ich will ja nicht gleich wieder eine neue Überbeanspruchung heraufprovozieren.


Den Sommer über haben wir donnerstags und auch fast jeden Samstag beim Beachfeld an der Kratzmühle gespielt - natürlich nur in dem Rahmen, wie es zu Zeiten von Corona gestattet war. Anschließend bin ich dann noch bei Sonnenuntergang - manchmal mutterseelenalleine - im See geschwommen. Für mich war das traumhaft. Sogar 2 gegen 2, so wie Beachvolleyball ja eigentlich gespielt wird, war mir wieder möglich. Ich mag das totale Auspowern bis zum Limit immer noch. Ich habe dadurch nun auch 2 - 3 kg verloren und fühle mich gleich wieder wohler in meiner Haut.


Den Liga-Betrieb habe ich für dieses Jahr allerdings schweren Herzens abgesagt - während Corona ist das einfach zu aufwändig und risikobehaftet. Vor allem ist es auch schwer für mich, wenn ich als Trainerin schwächere Spieler ständig enttäuschen muss, wenn sie bei einem wichtigen Spiel schließlich doch nicht spielen dürfen. Mir ist gerade bei den Geflüchteten die Teambildung wichtiger als der reine Wettkampf. Auch wenn ich mich sehr gerne messe. Aber letztes Jahr haben wir ja bereits bewiesen, dass wir eigentlich ganz gut mit anderen Mannschaften in der Liga mithalten können 😊.


Meine kampfstarke Truppe "United Beilngries". Das Team wird von Jahr zu Jahr besser.

Ein weiterer Faktor, warum ich die Liga abgesagt habe, ist auch der Stress. Besonders, wenn Spiele verlegt werden müssen. Dies zu koordinieren ist sehr zeitaufwändig, vor allem weil die afghanischen Spieler in unterschiedlichen Schichten arbeiten. Die Organisiererei hat im letzten Jahr viel Zeit und Kraft gekostet. Diese habe ich momentan wegen anderer Projekte als ehrenamtliche Integrationsbeauftragte nicht mehr. Früher hätte ich das vielleicht trotzdem einfach durchgezogen. Mittlerweile muss ich (leider) genauer auf meine Ressourcen achten.


Zudem bin ich ja auch immer noch die einzige Frau im Team. Eigentlich müssten in der Liga mindestens zwei Frauen pro Mannschaft mitspielen. Da wurde eh schon eine Ausnahme bei uns gemacht. Für mich heißt das aber: Ich muss permanent durchspielen, während die Jungs auch mal auswechseln können. Nach fünf Spielen auf höchstem Niveau komme ich mittlerweile schon auch an meine Grenzen.



Mein Körper zeigt mir, dass er in die Jahre kommt


Irgendwo zwackt es immer. Mal ist es der Ischiasnerv, mal das Knie, dann die Schulter und natürlich eigentlich immer mein Lymph-Arm. Anfangs hatte ich mich ja total gewehrt, den Gedanken an wöchentliche Lymphdrainage überhaupt zuzulassen. Vor kurzem habe ich mir - nach immerhin eineinhalb Jahren - nun doch einen Dauertermin bei der Physiotherapeutin eintragen lassen. Ich habe gemerkt: Die regelmäßige Behandlung raubt mir nicht nur Zeit für Wichtigeres. Nein, der Termin tut mir einfach gut. Geht es doch vor allem um mein Wohlbefinden. Warum wehre ich mich denn dann eigentlich dagegen?


Mein Arm wird bei Wärme - etwa durch Sonneneinstrahlung im Sommer - immer dick und spannt. Ich lege ihn dann hoch oder streife das eingelagerte Wasser selbst aus. Zudem mache ich Übungen wegen meiner verkürzten Sehnen am Hals. Dabei habe ich mitbekommen, dass dieses Problem mit verspanntem Nacken auch andere Frauen in meinem Alter haben und ebenfalls Dehnübungen machen müssen. Ja, je älter man wird umso mehr muss man sich um die Funktionsfähigkeit des eigenen Körpers wohl kümmern. Viel mache ich ja eh nicht.


So nehme ich mir jetzt fest vor, mir die halbe Stunde am Freitagvormittag einfach zu gönnen. Und vielleicht hänge ich dann auch hin und wieder eine 20 Minuteneinheit manuelle Therapie mit dran. Vor allem, wenn es mal wieder mehr zwickt und zwackt. Zumal meine Therapeutin mich auch jedes Mal am Anfang fragt, was wir denn heute konkret machen sollen. Da kann es auch mal sein, dass sie meinen Hexenschuss oder auch mal Verspannungen im Rücken behandelt. Wer hat denn sonst schon so einen Luxus?!



So hat die Lymphtherapie wohl auch etwas Gutes?


Meine ursprüngliche Theorie war: Den Lymph-Arm habe ich wohl, damit ich meine Krankheit nicht gleich wieder komplett vergesse. Das könnte tatsächlich aufgehen. Meine lädierte Achsel und das Ziehen in Arm und der abgenommenen Brust: Das sind wohl schon die signifikantesten Einschränkungen, die ich von meiner Krebsbehandlung her habe. Sie lassen mich tatsächlich täglich an meine Erkrankung denken. Mein Arm erinnert mich immer: Da war doch etwas. Er ist wie ein Mahnmal wider des Vergessens.


Momentan mache ich nämlich echt wieder zu viel. Komme einfach nicht zur Ruhe. Auch wenn vieles davon so richtig Spaß macht. Manches muss allerdings auch sein.


Mein stressbedingtes Ohrpfeifen hat sich dadurch bereits wieder gemeldet. Als ob mich da tatsächlich jemand bewusst zurückpfeifen möchte. Herpes ist ein weiteres Signal meines Körpers, das sagt: Mach ein bisschen ruhiger, übertreib es nicht schon wieder. Sonst schwächst du deinen Körper.


Und mein Körper soll doch stark bleiben im Kampf gegen böse Zellen, die vielleicht doch noch irgendwo schlummern oder sich auch irgendwo ganz neu entwickeln.



Ich lebe in vollem Bewusstsein, dass es auch jeden Tag wieder anders sein kann


Nein, ich habe das ganze Ausmaß meiner Krebserkrankung nicht vergessen. Ich habe durch meine bewusste Auszeit und das Aufarbeiten über diesen Blog, die Reichweite möglicher Folgen schon mehr als verinnerlicht. Ich schaue auch fast jeden Tag ins Forum der krebskranken Frauen. Verfolge die Geschichten der aktuell Erkrankten und freue mich mit den Frauen, die ihre überlebten krebsfreien Jahrestage feiern. Jedoch leide ich auch mit denjenigen mit, deren Weg nicht so gerade läuft oder deren Lebensweg viel zu früh endet. Auch das erdet mich immer wieder. Denn eigentlich hofft ja jede Frau, dass sie es schafft.



Mein Leben ist gerade schön


Das Leben birgt täglich neue Herausforderungen. Es gibt Zeiten, da denke ich: Wo bin ich denn jetzt gelandet? Horrorfilm, Krimi oder Komödie? Aber so ist Leben. Auch wenn das Leben im Moment wieder an Fahrt aufgenommen hat: Ich plane schon zu gegebener Zeit das Pensum wieder zu reduzieren. Nach der entschleunigten Corona-Zeit ist mein damals unterdrückter Tatendrang nun bereits auch wieder zu genüge gestillt 😉. Ich bin mir sicher, es wird irgendwann schon wieder etwas ruhiger.


Im Großen und Ganzen kann ich sagen: Ich mag mein Leben wie es gerade ist. Kunterbunt, abwechslungsreich, spannend und immer noch prickelnd!



Und manchmal stehe ich einfach gerne Kopf und freue mich, dass das trotz lädiertem Arm immer noch möglich ist. 😊








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