Was der Kopf so macht ...

Aktualisiert: 7. Nov. 2019

Körper und Seele sind eine Einheit. Wie sehr habe ich am Anfang meiner Chemo erleben dürfen:


Ich werde nachts wach und schaue instinktiv auf mein Handy, das neben mir liegt. Darauf entdecke ich ein neues Profilbild von einem Geflüchteten. Ich scrolle es gleich wieder weg. So ein finsteres Bild. Aber irgendwie bin ich auch neugierig. Ich hole es noch einmal her. Der Text dazu ist in einer anderen Schrift geschrieben. Ich klicke auf "übersetzen". Darin lese ich etwas von Tod, nicht mehr leben wollen oder ähnlichem. Ich bin erst einmal total irritiert. Ein sehr unangenehmes Gefühlt kommt in mir hoch. Ich schließe mein Handy wieder und will das Ganze einfach nur vergessen. Doch die Gedanken beginnen nun zu kreisen. Warum hat der junge Mann nur so ein schwarzes Bild geposted. Dabei hat er doch auch andere Fotos. Ich habe bei einem Fußballspiel ein paar Tage zuvor sehr schöne Bilder von ihm gemacht. Portraits und eines, wie er im Rasen sitzt. Er hatte mich tags zuvor erst gebeten, sie ihm zu schicken. Er wollte sie an seine Eltern weiterleiten. Ein schauriger Gedanke kommt mir. Diese Botschaft klingt wie eine Abschiedsnachricht. Wollte er die schönen Bilder von mir, um sie seinen Eltern zu schicken und sich dann das Leben zu nehmen? Der junge Mann wirkte immer schon eher etwas betrübt. Ich öffne Facebook noch einmal, kann das Bild kaum anschauen. Der Text setzt mir zu. Was mache ich nur? Mir ist speiübel. Ich muss mich übergeben. Kann mich kaum auf den Beinen halten. Zum 1. Mal geht es mir während der Chemo super schlecht. Ich schlafe für kurze Zeit wieder ein.


Wo habe ich Verantwortung zu handeln?


Schweißgebadet wache ich wieder auf. Mir ist immer noch total schlecht. Keine Ahnung ob das noch von meiner ersten Chemo, die ich vor einer Woche erhalten habe, kommt oder von dieser Nachricht. Für mich ist klar, ich muss dem Ganzen nachgehen. Damit ist ja nicht zu spaßen. Ich will jemanden aus der Unterkunft des Mannes anrufen. Dieser soll bei ihm einmal klopfen. Doch ich muss wenigstens noch bis 6 Uhr warten. Endlich schlägt die Kirchturmuhr. Ich rufe einen jungen Geflüchteten an. Dieser erzählt: „Hi! Ja mir geht es gut. Ich habe heute meine Qualiprüfung." „Ok. Dann wünsche ich dir viel Glück!" Ich bringe es nicht übers Herz ihm von meinen Bedenken zu berichten. Ist ja vielleicht schon ein bisschen abstrus das Ganze. Zudem will ich ihn vor seiner Prüfung in keinster Weise noch zusätzlich belasten.


Ich schreibe einem anderen Freund und erkläre ihm mein Anliegen. Ich bekomme von ihm zur Antwort: „Keine Angst, so etwas macht der nicht. Aber ich kann schon nach ihm schauen."

Erleichtert falle ich wieder in meine Kissen zurück. Mir ist immer noch hundeelend. Der Gedanke, dass sich der junge Mann etwas angetan haben könnte, lässt mich nicht mehr los. Müsste ich nicht die Polizei verständigen? Mache ich mich schuldig, wenn ich dahingehend nicht gleich etwas unternehme? Ist es vielleicht auch schon zu spät? Oder ist einfach gar nichts dran? So ein Mist. Ich habe unwahrscheinliche Angst. Das schreiben nervt mich und ich rufe dieses Mal gleich bei seinem Mitbewohner an. „Was, du hast noch gar nicht geschaut?", schreie ich ins Telefon. „Mach das bitte sofort, sonst muss ich die Polizei einschalten." „Der macht das nicht, du musst keine Angst haben!", versichert er mir noch einmal. „Ich habe aber furchtbar Angst und ich kann das nicht abstellen. Ich muss das genau wissen, was mit ihm ist. Geh bitte sofort!", flehe ich ihn an. Mittlerweile habe ich versucht aufzustehen. Ich will schauen, ob ich mich vielleicht selbst mit dem Auto auf den Weg machen kann. Mit Tränen in den Augen werfe ich mich aber wieder ins Bett. So miserabel ging es mir schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin fix und fertig.


Es dauert noch eine gefühlte Ewigkeit bis ich dann die Entwarnung bekomme. Er hat ihn gesehen. „Schau mal der ist gut. Habe ich dir doch gesagt", kommt die Nachricht per WhatsApp. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich lege mich nun noch einmal zum Schlafen hin. Die Nacht war für mich ja viel zu kurz. Ich muss dies ganze erst einmal verarbeiten. Später bekomme ich dann noch ein WhatsApp-Bild, auf dem ich sehen kann, wie er sich gerade mit einem anderen Mitbewohner in der Unterkunft unterhält.


Klärung dieser Nachricht


„So ein Idiot!", kommt es mir dann irgendwann. Jetzt bin ich eher wütend. Wie kann man nur so etwas posten. Ich will das noch einmal anschauen und lesen. Mit großer Überwindung mute ich mir noch einmal diesen Text zu. Die Übersetzung lautet tatsächlich: „Um die Ankündigung meines Todes zu hören. Ich werde für dich weinen, ich weine." Eindeutig. Er spricht von seinem Tod. Das geht gar nicht, so etwas öffentlich zu schreiben. Keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat. Auch andere zeigen sich besorgt und schreiben unter diesen Post dementsprechende Kommentare.


Ich kann das für mich nicht so stehen lassen. Ich will dem Schreiber erzählen, welche Ängste er bei mir dadurch ausgelöst hat. Und will auch wissen, was ihn dazu bewogen hat, will ihm vielleicht auch irgendwie helfen. Ich mache mit ihm ein paar Tage später einen Termin aus. Mir fällt das Gespräch mit ihm furchtbar schwer und ich möchte hier auch gar nicht weiter darauf eingehen. Nur berichten, dass sich der junge Mann für sein Verhalten letztendlich entschuldigt hat.


Das Leben ist für viele Menschen eine Überforderung


Ich habe sehr lange überlegt, ob ich von dieser Begebenheit überhaupt berichte. Vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt auch super sensibel, weil ich erst ein paar Wochen vorher schon einmal mit einem sehr jungen Geflüchteten über Suzidgedanken und die Freude am Leben sprechen musste. Wir standen oberhalb eines Steinbruches über Beilngries. Tage vorher hatte sich nicht weit davon entfernt tatsächlich ein junger Mann aus Deutschland hinabgestürzt, wie im Donaukurier zu lesen war.


Ich hatte an diesem Tag die medizinische Auswertung bekommen, dass ich Krebs habe und er ziemlich zeitgleich einen Brief mit einer weiteren Ablehnung. Dadurch war nun seine Aussicht auf ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland ziemlich erloschen. Er sah für sich daher keine Zukunft mehr. Ich drehte schier durch, als er sich immer weiter dem Abgrund näherte. Bat ihn sofort zurückzukommen. Ja, wir beide hatten heute unsere "Ablehnung" bekommen, aber nun gehe es darum, die nächsten Schritte zu überlegen. Leben kann dennoch positiv weitergehen... Ich merkte, das war alles kein Spiel mehr, sondern es ging hier tatsächlich um Leben oder Tod. Das eine ist vom anderen nur einen Wimpernschlag entfernt.


Der junge Geflüchtete stieg wieder mit mir den Berg hinab. Keine Ahnung, was alles in ihm vorging. Das wissen wir bei keinem Menschen. Was jeder bereits alles in der Vergangenheit erlebt hat, welche Schlussfolgerungen er daraus für sein Leben gezogen hat und wie er dieses dadurch gestaltet. Beinahe niemand wächst mit Idealbedingungen auf. Es gibt nirgends die „heile Welt", vor allem aber nicht für die Geflüchteten. Ein klares Ja zu diesem oft anstregenden Leben ist nicht selbstverständlich.


Warum berichte ich über diese Erlebnisse zum Ende meiner Chemo hin nun schließlich doch noch?


Mir geht es dabei um zwei Aspekte:


Angst lähmt und ist nicht so leicht steuerbar


Zum einen: Angst kann man nicht einfach einmal auf Knopfdruck abstellen. Ich konnte am eigenen Leib spüren, wie es ist, wenn man um einen Menschen panische Angst hat. Ich erlebte, was diese Angst mit meinem Körper anstellt und dass ich meine Sorgen nicht einfach über den Verstand auf die Seite schieben kann. So hatte ich auf einmal auch mehr Verständnis für meine Angehörigen, wie z.B. meine Schwiegermutter. Sie hat einfach auch nur Angst um mein Leben. Das kann man nicht einfach mit leeren Worten abspeisen und dann sind die Sorgen weg. Um dies zu überwinden braucht es schon klare Hilfestellungen. Daher machte ich ja mit ihr für jeweils am Sonntag um 11 Uhr eine feste Gesprächszeit aus, in der ich ihr Woche für Woche konkret schildere, wie es mir gerade geht. Ihre Angst um mich hätte ich ohne dieses Ereignis vermutlich nicht so nachvollziehen können.


Das zweite, was ich daraus erfuhr, war:


Die Psyche beeinflusst den kompletten Körper


Die Psyche kann den Körper so durcheinander bringen, dass er wie lahmgelegt ist.

Ich hatte kein einziges Mal Probleme mit Übelkeit wegen der Chemo. Und durch diese Extremsituation musste ich mich sogar mehrmals übergeben. Mein Körper rebellierte total wegen dieser psychischen Belastung.


Während der ganzen Chemotherapie ging es mir fast ausschließlich gut. Sowohl körperlich wie psychisch. Ich hatte nie schlechte Blutwerte, konnte beinahe alles machen, was ich wollte. Über meinen Verstand versuchte ich mich so zu stabilisieren, dass ich in Volleyball bei allen Trainingseinheiten und sogar bei allen Turnieren dabei sein konnte. Ich wollte das unbedingt. Allein um mir zu beweisen: Es geht mir gut. Denn mein Spruch lautete: „So lange ich Volleyball spielen kann, geht es mir gut." Das war für mich eine hilfreiche mentale Stütze.


Zwei Tiefpunkte fallen mir zwar ein: Das eine war, als ich merkte: Mein Tumor wird einfach nicht kleiner. Dies habe ich dann versucht medizinisch abklären zu lassen. Der andere schwarze Moment war, als ich im Krankenhaus erfuhr, dass meine Lymphe doch befallen waren. Dadurch verschlug es mir tatsächlich kurzzeitig den Appetit. Aber ich habe mich sehr schnell wieder gefangen. Mein Verstand sagte mir: Die Sorgen um etwas, das ich nicht ändern kann, ziehen mich nur herunter - dadurch schade ich mir nur.


Mentales Training


Die mentale Stärke bewirkt enorm viel im Körper. Davon bin ich überzeugt. Ich persönlich denke sogar, dass ein gesunder stabiler Körper Krebszellen abtöten kann.


Diese Theorie habe ich nicht alleine. Die neuesten Erkenntnisse gehen ja immer mehr dahin, dass man das eigene Immunsystem stärken soll, um den Kampf gegen Krebs zu gewinnen.


Natürlich ist nicht immer alles über die Psyche machbar. Das wäre zu einfach oder auch zu schön. Der Körper unterliegt natürlich noch anderen Mechanismen. Aber der Kopf ist sicher die halbe Miete. So wie man sich beim Sport mental zum Sieg pushen kann, so kann man sich auch gegenüber Krankheiten stark machen.


Leider funktioniert dies auch beim Sport nicht immer! Manchmal hat man z.B. die Kraft nicht, sich zu motivieren. Oder der Gegner ist tatsächlich stärker als man selbst. Aber den Kampf sollte man auf jeden Fall bis zur letzten Minute durchziehen. Soweit es natürlich Sinn macht. Denn ein Spiel ist erst mit dem Schlusspfiff vorbei.


Dieses Ereignis war dann Gott sei Dank auch das dramatischste während meiner ganzen Therapie. Bezeichnenderweise ging es dabei gar nicht um mein Leben, sondern um das eines anderen Menschen. Mit meiner eigenen Endlichkeit komme ich anscheinend eher klar als mit der von anderen.


Diese Erlebnisse waren eine harte Schule für mich. Das brauche ich nicht öfters. Das zehrt und kostet Kraft. Kraft die ich momentan zum Kämpfen für mein eigenes Leben brauche. Aber noch ist viel Kraft da. Darüber bin ich einfach nur dankbar. Und so kämpfe ich weiter für mein Leben - und das Leben anderer. ... und hoffe, dass dabei meine Seele und mein Körper nicht wieder Kopf stehen.

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