Volleyball

Unser letztes Spiel für heute Abend. Wir sind heute wieder sehr viele Spieler. So wechseln wir nach jedem Punkt einen Spieler ein. Ich sitze gerade draußen auf der Bank und beobachte das Spielgeschehen.

Die Jungs sind echt gut geworden. Mit vollem Einsatz kämpfen sie um jeden Ball. Die Annahme funktioniert immer besser. Der Ball fliegt gezielt zum Steller und jetzt kommt für die meisten der schlagkräftigen Männer das Wichtigste: Ein harter Schmetterball. Dieser wird allerdings geschickt abgewehrt und auf den Steller zurückkatapultiert. Das Spiel ist sehr aufgeheizt. Es steht bereits 27:28. Normalerweise ist bei 25 Schluss. Aber man braucht zu einem Sieg immer zwei Punkte Unterschied. Echt spannend.


Wie alles begann


Mir kommen die Anfänge unserer internationalen Mannschaft in den Kopf. Vor drei Jahren lud ich vor allem die Leute ein, die damals unsere ehrenamtlichen Deutschkurse besuchten. Nigerianer, Eritreer, jemand aus Sierra Leone, Palästina, Syrien. Erst später kamen die Afghanen hinzu. Es war anfangs eine echte Herausforderung. Viele hatten vorher noch nie Volleyball gespielt. Gut, dass ich als Übungsleiterin bereits vorher in Plankstetten eine gemischte Hobbymannschaft und später dazu noch eine Mädchenmannschaft trainiert hatte. Daher war es für mich eher leicht, Techniken wie Pritschen, Baggern, Angaben machen, Schmettern und Bloggen beizubringen. Anfangs sprach ich noch viel englisch, später dann mehr und mehr deutsch. Als es dann um Spielsysteme und Taktiken ging, lies ich dies manchmal auch von den bereits gut deutsch sprechenden Mitspielern in die verschiedenen Sprachen der Teilnehmer übersetzen oder ich visualisierte Spielzüge auch auf Papier. Aber der Vorteil von Sport ist - Gott sei Dank - ,dass man doch viel mit Händen und Füßen vormachen kann.



In unserer Anfangszeit drehte Sebastian Geller - damals noch Student an der Universität in Brighton - einen Film mit dem Titel Crises . Als jemand, der im Ausland lebte, beobachtete er, wie Deutsche auf die vielen Geflüchteten reagierten. Er machte dies an Beispielen von Stadt (München) und Land (Beilngries) sichtbar. Ab Minute 10 wird über Beilngries berichtet und auch unsere Volleyballmannschaft gezeigt:

https://www.youtube.com/watch?v=LOnBj7TFBqw&t=6s&fbclid=IwAR377-P57xpCoztT9z7O9Ijd-82sE40bSJRFeWWe1h63Ep1nD0in3Re8nj8&app=desktop



Faire Spielweise - Ein Training fürs tägliche Leben


Wichtig war mir aber nicht nur das Beherrschen der Techniken, sondern vielmehr ein faires und harmonisches Zusammenspiel. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, was die größere Herausforderung war. Die vielen Nationen und Temperamente friedvoll zusammenzubringen, war zeitweise schwierig. Obwohl sehr viel gelacht wurde, kam es immer wieder zu kleinen Streitigkeiten. Rücksichtnahme auf Schwächere, Geduld mit den Fehlern der anderen, aber auch Toleranz mit den eigenen Fehlern, der Umgang mit Sieg und Niederlage. All diese Dinge, die ja auch im realen Leben vorkommen, mussten zum Teil mühsam erlernt werden. Die Bereitschaft dazu war nicht bei allen da. Zudem war natürlich auch nicht jeder von seiner körperlichen Konstitution her für einen guten Volleyballspieler geeignet. Und das Niveau stieg von Monat zu Monat. Waren wir beim ersten ganztägigen Turnier in Dietfurt noch in der letzten Gruppe, spielten wir uns von mal zu mal hoch, bis wir nun in der ersten Gruppe gelandet sind. So sind mittlerweile auch einige Spieler ausgestiegen. Leider auch unsere deutschen Madls und Jungs. Auch meine Freundin Julia, die mich vor allem am Anfang sehr unterstützt hatte. Sie meinte, ihr sei es nun einfach zu hart geworden. Meine Tochter Anna ist berufsbedingt auch nicht mehr vor Ort. Das ist besonders schade. Konnte ich mich doch mit ihr immer gut absprechen, wenn irgendetwas wegen der Mannschaft anstand. Sie korrigierte mich immer sehr gut, wenn ich irgendetwas übersah oder falsch beurteilte. Bei einer so großen Gruppe mit manchmal bis zu 20 Spielern verliert man leicht den Überblick und wird nicht immer jedem gerecht. Gut, dass Andreas Hiltner mich noch unterstützt. Er ist bei den Jungs total beliebt und als Mann ein wichtiges Gegenüber und Vorbild. Er organisiert auch meist einen Kleinbus von Audi, wenn wir zu den Turnieren in der Umgebung fahren. Gemeinsam in einem Teambus zu fahren, ist natürlich ein besonderes Erlebnis.






Den Zusammenhalt fördern - Heimat geben


Ein Ziel war es nämlich auch, den Jungs, die ja alle ein Stück weit entwurzelt sind, zumindest ein wenig Verortung zu schenken. So wurde der Vorschlag von einem Mannschaftstrikot begeistert aufgenommen. Ganz stolz tragen manche dies sogar in ihrer Freizeit. Wir gehören zusammen.



Mit meinem Mann Georg und seinem Hund Lina erkundeten wir auch die Natur rings um Beilngries. Vielleicht auch neue Heimat nahe bringen. Sommer wie Winter. Beide Zeiten haben ihren Reiz. Und sogar Weihnachten feierten wir gemeinsam.





Wir sind zudem integriert in einen größeren deutschen Verein, nämlich Kolping Beilngries. Sehr dankbar bin ich, dass wir von Kolpingsvorsitzenden Edi Babiel wohlwollend unterstützt werden. Immer wieder schaut er bei unserem Training oder auch einem Spiel vorbei. Teil eines großen Ganzen zu sein. Nicht alleine unterwegs sein zu müssen. Das tut einfach gut. Für diese Integrationsarbeit bekamen wir auf Diözesan-Ebene sogar einen Preis verliehen.



Verleihung des Kolping-Förderpreises 2017 in Eichstätt

Und dies alles ist jetzt in Gefahr zu zerbrechen. Zu dem Zeitpunkt, als ich auf der Bank sitze und den Jungs beim Spiel zuschaue, habe ich noch keine Ahnung wie es mit mir weitergeht. Am Dienstag soll ich das Ergebnis meiner Diagnose bekommen. Am Donnerstag habe ich dann den Vorstellungstermin beim Arzt in Ingolstadt. Vielleicht werde ich wie bei meiner Freundin gleich einen Tag später schon operiert. Das würde bedeuten, ich sehe die meisten der Jungs eventuell so schnell gar nicht mehr. Bekomme ich danach noch Chemo? Werde ich damit weiterspielen können? Wenigstens die Jungs trainieren?


Sieg


Nun steht es 28:29. Meine Mannschaft lag am Anfang so weit zurück. Nun haben wir aufgeholt. Wir haben auch wahnsinnig dafür gekämpft. Der letzte Spielzug will nicht enden. Schon interessant. Vor allem am Ende wird volle Kanne gefightet. Die afghanischen Jungs schreien wild in ihrer Landessprache Dari durcheinander. Deutsch ist dabei völlig vergessen. Ich beobachte wie der letzte Ball Richtung hintere Linie fällt. Beide Mannschaften jubeln. Der Blick der Spieler fällt auf mich. Ich grinse. Ganz genau habe ich es ehrlicherweise gar nicht gesehen. Aber ich denke eher, der Ball war aus. Das bedeutet, meine Mannschaft hat tatsächlich noch gewonnen. Ein Sieg am Ende! Mir war das wichtig. Vielleicht war das ja mein letzes Spiel für lange Zeit.


Ein schwieriger Gang


Ausgerechnet dieses Mal sind so viele ins Volleyballtraining gekommen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Soll ich ihnen nun doch schon erzählen, was mit mir los ist? Ich springe von der Bank herunter, schlage voller Freude jeden einzelnen meiner Mannschaftskameraden ab. Anschließend klatschen wir - wie immer am Ende des Abends - wie bei einem Reißverschluss jeden einzelnen Spieler der gegnerischen Mannschaft unterm Netz ab. „Danke, Danke, tashakor, tashakor, danke ..."


Die Jungs beginnen das Netz abzubauen. Ich überlege immer noch. Soll ich, soll ich nicht. Ich hasse es, jemandem etwas Negatives sagen zu müssen. Ich habe ja auch noch kein offizielles Ergebnis. Aber Murtaza ist heute da: Ihn habe ich ja schon eingeweiht und er könnte übersetzen. Vermutlich hat er das nächste Mal im Krankenhaus wieder Wochenenddienst. Wie soll ich es sagen? Ich habe mir ja noch gar nichts überlegt. Wenn, dann aber jetzt sofort. Die ersten machen sich schon auf den Weg zur Tür. Mein Herz klopft. „Könntet ihr alle noch einmal herkommen?“ Meine Stimme geht unter in der ausgelassenen Aufbruchsstimmung „Hallo! Kommt doch bitte noch einmal hier her.“ Mein Blick fällt hilflos auf Ahmad. Er versteht sofort und wiederholt energisch mein Anliegen in Dari.


Während die Jungs sich langsam um mich versammeln, frage ich Murtaza, ob er für mich übersetzen möchte. Für mich ist er nun eine wichtige Stütze. Er weiß von meiner Geschichte, kennt die medizinischen Begriffe und sein Deutsch ist auch hervorragend. Ich habe immer noch keine Ahnung, was und wie ich das jetzt sagen soll. So bin ich selber überrascht, was ich da so spontan von mir zu hören bekomme: "Ich war diese Woche beim Arzt und ich habe ziemlich sicher Krebs. Was genau gemacht wird, erfahre ich aber erst nächste Woche. Es kann sein, dass ich heute mein letztes Training für die nächste Zeit hatte. Es kann aber auch sein, dass ich noch einmal kommen kann." Murtaza übersetzt fleißig. Mir kommt es vor, als ob der Inhalt in Dari viel länger als im Deutschen sei. Aber es ist gut, so kann ich nun doch noch ein bisschen überlegen: "Wir sitzen jetzt im gleichen Boot. Ihr wisst nicht, ob ihr in Deutschland bleiben dürft und ich weiß nicht, ob ich auf dieser Welt bleiben darf. Ihr müsst dafür etwas tun und ich auch. Manchmal ist das so wie beim letzten Spiel gerade. Wir lagen ganz weit zurück. Niemand hat mehr gerechnet, dass wir gewinnen können. Aber wir haben gekämpft bis zum Schluss. Wisst ihr noch, wer gewonnen hat? Meine Mannschaft. Und ich werde auch kämpfen und gewinnen. Auch für euch!"


Die Jungs hören ruhig an, was Murtaza übersetzt. Nun stehen sie wie versteinert da. Um die Anspannung etwas zu nehmen, gehe ich etwas lächelnd auf die Jungs zu: "Das wird schon. Ihr wisst, ich kann kämpfen!" Wie kann ich jetzt diese Betroffenheit bloß wieder lösen? Die ersten reagieren. „Gute Besserung, Frau Ingrid.“ Die meisten sprechen mich immer noch mit Frau Ingrid an. Ihr Respekt vor meinem Alter verbietet es ihnen, nur Ingrid zu sagen. Es war für einige schon schwer genug mich zu duzen, wie es die Sportler in Deutschland untereinander meist machen.


Vor allem diejenigen, die besser deutsch sprechen, kommen nun auf mich zu und sagen etwas Nettes. Andere bleiben sprachlos. Vermutlich hat auch noch nicht jeder begriffen, was hier gerade gesagt wurde. Ich versuche jeden anzulächeln und Zuversicht auszustrahlen. Ein einziger, der eigentlich bereits in Nürnberg arbeitet und heute nur Gast ist, umarmt mich. „Du schaffst das auch! Du hast soviel für uns Flüchtlinge gemacht. Wir brauchen dich!“ Boah! Das geht tief. Jetzt werde ich sprachlos. Ich durchlebe ein emotionales Wechselbad zwischen Kraft geben und empfangen.


Ich bedanke mich bei Murtaza fürs Übersetzen. Wäre er nicht da gewesen, hätte ich mit Sicherheit noch nichts gesagt. Jetzt ist es raus.


Was habe ich gesagt? Ich werde für die Jungs kämpfen. Zum ersten Mal habe ich laut formuliert, dass ich etwas tun will, um hier am Leben zu bleiben. Für die Jungs, die mir so wichtig geworden sind.


Ja, ich will für die Jungs kämpfen, wie in den Spielen oder wie bei einzelnen auch in ihren Asylverfahren. Für andere sich einsetzen. Das mache ich einfach gerne. Da bringe ich ungeheurere Energien auf.


Ich habe Volleyball als Mannschaftssportart gewählt. Ich bin keine Einzelkämpferin. Sich für ein großes Ganzes einsetzen. Das ist meins. Ich denke, ich habe den Jungs einiges gegeben. Nun bekomme ich wohl so einiges an Kraft von ihnen zurück.

Ja, wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass diese Mannschaft und ich bleiben.







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