Ungemütlich und eiskalt

Aktualisiert: 21. Dez. 2020


Die 10. Infusion mit dem Wirkstoff Paclitaxel läuft in meinen Körper. Noch zwei weitere, dann habe ich es endlich geschafft. Mir gegenüber schläft eine Frau, deren Füße und Hände in Eisbeutel eingepackt sind. Interessant!


Mit Professor Aydeniz habe ich abgesprochen, dass ich die Chemo noch voll durchziehe. Prinzipiell geht es mir mit der Chemo auch nicht total schlecht. Nur die Muskulatur schmerzt und meine Hände und Füße kribbeln und werden langsam taub. Deswegen war ich auch letzte Woche noch einmal zum Entspannen im Hallenbad in Greding.


Schwimmbad und Sauna in Greding


Wärme tut mir total gut. In stressigen Zeiten ist die Sauna daher für mich eine ideale Möglichkeit zum Entspannen. Weit weg von jeglicher Arbeit und Ablenkung kann ich dort immer super meinen Gedanken nachhängen. Auch dieses Mal genieße ich meinen vierstündigen Aufenthalt in vollen Zügen. Ich habe erfahren, nach der OP und auch während der Bestrahlungen darf ich nicht mehr in die Sauna gehen. Dabei habe ich im Winter doch immer so gerne sauniert.




Mal schauen, wie das überhaupt nach der OP so im Schwimmbad bzw. in der Sauna wird? Mit nur einer Brust! Aber da gibt es sicher Lösungen. Momentan habe ich ganz andere Sorgen. Ich verliere das Gefühl in meinen Händen und Füßen. Im Schwimmbad gibt es Düsen mit einem starken Wasserstrahl. Ich habe in den letzten Jahren schon regelmäßig meine von Arthrose geplagten Knöchel davor gehalten. Mir hat das immer sehr gut geholfen. Der Massage-Strahl regt die Durchblutung an. Ich könnte meinen Knöchel stundenlang davor halten. Dieses Mal halte ich auch die Fußsohlen und die Oberseite meiner Füße darunter. Der Wasserstrahl kommt allerdings irgendwie nicht voll an. Das Gefühl ist tatsächlich so, als seien meine Füße wie mit Watte gepolstert. Eigenartig und beängstigend. Wenn das jetzt noch schlimmer wird...! Ich habe echt Angst, dass ich irgendwann gar nicht mehr laufen kann. Oft wirkt die Chemo ja auch noch nach.



Beim Rausgehen habe ich aber meinen Humor schon wieder gefunden. Ich gehe an den Föns vorbei. Jawohl, da gibt es schon wieder Haare auf meinem Kopf 😊. Voller Begeisterung stehe ich somit am 9.11.2018 nach ca. 4 Monaten ohne Haare wieder unter dem Fön. Ok, ich gebe ja zu: Da weht noch nichts! Aber immerhin muss ich ja aufpassen, dass ich mich mit nassen Haaren beim Rausgehen nicht erkälte!









Doch nun liege ich nicht mehr im Liegestuhl in der Sauna, sondern auf dem durchaus auch bequemen Liegestuhl in der onkologischen Arztpraxis. Die Frau mit den blauen Kühlbeuteln ist mittlerweile aufgewacht. Sie hat in einer Gefriertasche noch einen weiteren Satz mit diesen speziellen Hilfsmitteln dabei. Diese wechselt sie gerade.


Neugierig wie ich bin, spreche ich sie gleich an. Die Frau um die 55 Jahre hatte vor einigen Jahren bereits Brustkrebs und leider nun einen Rückfall. Sie bekommt nun wiederum eine Chemo. Allerdings dieses Mal sehr hochdosiert. Sie hat bereits damals unter Paclitaxel periphere Neuropathien davongetragen - also Nervenschädigungen an Händen und Füßen.

Ihr wurde daher empfohlen die Extremitäten bei der Chemo zu schützen. Die eisgekühlten Akkus lassen die Blutgefäße zusammenziehen. Dies bewirkt, dass die Zytostatika nicht so stark in diese Bereiche vordringen. Manche setzen sogar gekühlte Hauben auf den Kopf, damit sie dem Haarverlust vorbeugen können. Wieweit das Ganze aber wirklich hilft, ist noch nicht vollständig erforscht. Manche Kliniken bieten diesen prophylaktischen Schutz allerdings routinemäßig an.


Die Dame erzählt mir noch, dass sie wegen der hohen Dosis die Chemo nur alle 3 Wochen bekomme. Das lässt mich nun wiederum aufhorchen. Ich überlege. Soll ich, soll ich nicht. Hin- und hergerissen, ob es angebracht ist, frage ich schließlich ganz mutig: „Könnten Sie sich vorstellen, mir einen Satz für 2 Wochen zu leihen? Ich habe nur noch zwei Mal Chemo. Da lohnt es sich für mich nicht, diese Teile noch zu besorgen. Zumal ich sie ja später hoffentlich nie wieder brauche." Die Frau ist sofort einverstanden. Das finde ich jetzt aber stark. Ich habe ja schon von diesen Kälte-Akkus gelesen. Ich konnte mich aber nicht so richtig aufraffen, mich darum zu kümmern. Eigentlich sollte man ja alles machen, um sich vor Spätfolgen zu schützen. Dass ich jetzt doch noch auf so unkomplizierte Weise in den Genuss komme, empfinde ich wieder als ein kleines oder sogar großes Geschenk.


Vielleicht hilft es ja doch ein bisschen. Zumindest gibt es mir das Gefühl, aktiv etwas gegen die Neuropathien unternommen zu haben. Zu Hause lege ich mich gleich an diesem Tag noch einmal mit diesen gefrorenen Plastikteilen ins Bett. Die Zytostatika sind ja immer noch in meinem Körper, denke ich mir. Ach je, ist das unangenehm. Ich liebe es ja mit Wärmflaschen ins Bett zu gehen. Und jetzt habe ich Eis-Socken an meinen Füßen. Wie kann ich denn das aushalten? Ich ziehe mir noch ein paar dicke Socken an. Ok, nun ist es schon besser. Aber schlafen mit kalten Füßen geht bei mir gar nicht. Naja, da muss ich durch. Was macht man nicht alles. Irgendwie bin ich aber irgendwie auch nicht vollkommen traurig, dass ich diese Teile nicht schon früher hatte. Ich glaube, dass ich am Anfang diese Kältetherapie wahrscheinlich gar nicht so durchgezogen hätte - denn da hatte ich ja noch keine Beschwerden und der Leidensdruck von den tauben Füßen wäre noch nicht da gewesen.


Aber jetzt bin ich total glücklich, dass ich diese Teile habe. Und ganz stolz liege ich dann eine Woche später in der onkologischen Praxis in meinem neuen "Outfit".


Aber ehrlich gesagt: Mir kommt jetzt beim Anblick doch gleich wieder die Kälte hoch, um nicht zu sagen das kalte Grausen. Denn gemütlich war das in der Praxis während der Chemo dann nicht mehr!


Kalte Füße, kalte Füße ... und Hände!

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