Tegernsee: Gemeinsame Heimat erkunden

Aktualisiert: 23. Aug. 2021


Ein Ausflug in die Berge mit den Geflüchteten. Ich mag die Berge. Ich mag vor allem, mit meinen Freunden unterwegs sein. Aber es ist in der selben Woche, in der ich Chemo bekomme. Schaffe ich einen so langen Tagesausflug überhaupt?



Wir treffen uns zur Vorbereitung des Ausflugs beim Eisessen. Monika, Kirstin und Anja habe ich über die Flüchtlingshilfe kennengelernt. Nach drei Jahren ist nun Sprachunterricht und ähnliche Unterstützung von Seiten der Ehrenamtlichen nicht mehr notwendig. Aus verschiedenen Spendentöpfen ist allerdings noch etwas Geld übrig. So beschließen wir, dies unter der Überschrift "Bayerische Kulturvermittlung" sinnvoll zu verwerten. Einladen wollen wir vor allem die Jungs, die sich in irgendeiner Weise während der drei Jahre verdient gemacht haben. Schade ist dann, dass einige zu dem Termin nicht kommen können, weil sie arbeiten müssen oder weil kurzfristig noch etwas dazwischen gekommen ist.


Ich bin offiziell Wackel-Kandidat. Der Samstag in meiner Chemo-Woche ist immer noch etwas kritisch. In der Regel habe ich an diesem Tag vom Kortison Heißhunger, bin leicht aufgedunsen, kurzatmig und habe Muskelschmerzen. Es könnte sogar eine Überraschung mit einem neuen Symptom auftauchen. Soviel Erfahrung habe ich nach zwei Behandlungszyklen ja noch nicht. Aber eigentlich ist mir klar: Ich will da mit.


So treffen wir uns am Samstag, 4. August, um 7 Uhr vor dem Bürgerbegegnungszentrum in kleiner Runde - aber vollgepackt mit Essen wie für eine große Runde. Yes, ich bin dabei! Auf in die Berge!






Kulturelles Programm in Bad Tölz


Erste Station ist Bad Tölz. Kulturelles Programm. Hoch geht es zu einer Kirche auf den Kalvarienberg. Monika stellt diese kurz vor. Dies ist sowohl für die Christen als auch die Muslime unter uns interessant.




Ein Schild oben am Berg mit einer herrlichen Aussicht über Bad Tölz soll uns zum Nachdenken bringen.




Dann geht es nach einer Kaffeepause im Stadtzentrum von Bad Tölz weiter in die schöne bayerische Natur.



Auf in die bayerischen Berge


In Wildbad Kreuth posieren wir vor dem langjährigen Tagungsgebäude der CSU. Danach machen wir uns auf zur Königsalm. Eigentlich sollte ich dort abgesetzt werden, während die anderen weiter auf den Berg steigen. Allerdings ist das Wetter extrem heiß und die meisten schnaufen und stöhnen bereits während des kurzen Anstiegs bis zur Hütte. Sie wollen auch nicht weitergehen. Spannend. Ehrlich gesagt, ist das Laufen für mich bisher gar kein Problem. Ich wäre noch gerne den Berg weiter hoch gelaufen. Aber auch gut. So bleibe ich halt mit den anderen für eine kleine Brotzeit bei der Hütte.



Schwimmen im Tegernsee


Jetzt geht es zum Tegernsee. Chillen ist wohl wirklich das Vernünftigste an diesem heißen Tag. Auf unseren Handtüchern liegen wir entspannt im Gras. Irgendwann habe ich Lust auf Abkühlung. Im Badeanzug ohne Perücke schlendere ich mit meiner Schwimmbrille in der Hand zum See. Ich spüre, dass die Menschen mich beobachten: Eine Frau ohne Haare! Ein geeigneter Einstieg ins Wasser ist gar nicht so leicht zu finden. Ein Schiff hupt. Der Kapitän beschimpft etwas ungehalten unvernünftige Badegäste, die zu nah an sein Boot gekommen sind. Ok, darf man hier überhaupt ins Wasser? Ich sehe nirgends ein Verbotsschild.


Vorsichtig klettere ich über die Uferböschung. Oh, die Steine sind ja extrem glitschig. Und das Wasser eiskalt. Auch andere aus unserer Gruppe sind nun gekommen. Ich hoffe, die können alle schwimmen. Das Wasser fällt hier nämlich sofort steil ab. Ich beobachte sie. Ok, Schwimmen in unserem Sinne ist das nicht unbedingt. Hektisches Kraulen mit Kopf aus dem Wasser oder paddeln wie ein Hund hält aber alle zumindest über Wasser.


Nach kurzem Abspritzen springe ich ins kühle Nass. Wow! Ich finde es gigantisch. Ich tauche. Mein ganzer Körper nimmt die Kühle des Bergsees mit Begeisterung auf. Der Port unter der Haut an der Schulter ist unbeeindruckt. Ich schwimme los. Brustschwimmen: Kopf rauf, Kopf runter. Ich schwimme und schwimme und schwimme. Schaue zurück. Und schwimme. Irgendwann drehe ich mich um. Das Ufer ist mittlerweile weit weg. Ich halte inne. Weit draußen im See, umgeben von auf dem Wasser glitzernder Sonne und Bergen. Welch ein Geschenk. Ich fühle mich total glücklich. Ich könnte ewig da draußen sein. Die Ruhe und den gigantischen Eindruck der Berge rings um mich herum genießen. Muss aber irgendwann wieder zurück. Beim Zurückschwimmen merke ich, dass ich wohl doch sehr weit draußen gewesen sein muss. Irgendwie komme ich an kein Ende. Ok, nun lässt die Kraft langsam nach. Mir kommt in den Sinn, dass es vielleicht auch nicht ganz ungefährlich war, alleine so weit raus zu schwimmen. Ich konzentriere mich und ziehe das Ganze durch. Schon etwas geschafft klettere ich leicht wackelig über die schlüpfrigen Steine ans Ufer. Hui! Die anderen planschen noch. Einfach klasse hier!


Später picknicken wir noch mit vielen internationalen Speisen, spielen Badminton oder Volleyball. Ein paar von uns machen auch eine kleine Bootsrundfahrt quer über den See zu verschiedenen Orten. Auch ein schönes Erlebnis und durchaus empfehlenswert.




Stimmung am See


Das Highlight ist dann allerdings der Sonnenuntergang am Abend. Welch eine Stimmung! Wir können uns gar nicht satt sehen. Anja fotografiert unsere Silhouetten mit ihrem Tablett. Die Bilder finden wir alle stark. So beginnt ein wildes Fotoshooting. Jeder möchte so ein romantischen Bild mit der tiefstehenden Sonne.




Irgendwann müssen wir dann aber zusammenpacken. Ein wunderschöner Tag endet.

Ein Dank an Monika, die dies alles so perfekt für uns organisiert hat.




Elyas aus Afghanistan hat dazu einen sehr emotionalen Beitrag im Beilngrieser Mitteilungsblatt verfasst:


„Man sagt, jeder Mensch braucht ein bisschen Liebe; wenn es ein bisschen Liebe ist, dann würde es auch reichen. Mit der fortsetzenden Liebe der Deutschen haben wir zusammen einen phantastischen Ausflug gemacht. Der Ausflug war sehr schön, voller unvergesslicher Erinnerungen und nützlicher Informationen. Es hat uns viel Spaß gemacht!


Unser Ausflug fängt jetzt an: wir besuchen die historische Kirche auf dem Kalvarienberg in Bad Tölz, das zeigt den ursprünglichen Glauben der Menschen dieser Stadt; wir bewundern die überwältigend großen Alpen in der Nähe von Wildbad Kreuth; wir spielen Volleyball, Badminton und schwimmen, wir tauschen Gedanken aus bis wir unser Abendessen auf einer voller Liebe gedeckten Picknick-Decke gemeinsam gegessen haben. Dann war der Ausflug beendet.


Ich kann noch über diesen Ausflug sagen, dass bei uns ein Dichter geschrieben hat: „Zwei Dinge sind am wichtigsten im Leben: eines ist das Heimatland, das andere ist die Mutter.“ Vom Anfang unseres Ausflugs bis zum Ende des Ausflugs das Anschauen der schönen Orte von Deutschland in diesem Ausflug erinnert mich an das Schönste von meinem Heimatland wenn es dort sicher wäre. Mit Besuchen der Kirche auf dem Kalvarienberg haben wir von Gottesmutter Maria gehört; dort versteht man, was es für eine Mutter bedeutet, wenn es ihrem Sohn schlecht geht. Das erinnert mich an meine Mama, ich bin weg von meiner Familie gegangen und meine Mama hat viele Sorgen um mich. Ein Mutter wie die heilige Mutter Maria ist die einzige die sich vorstellen kann, wie sich ihr Sohn fühlt.

Mit dem Ausflug wird auch Deutschland ein bisschen mehr zu meiner Heimat geworden."



Ich finde, Elyas hat es sehr gut erfasst, worauf es im Leben ankommt: Ein bisschen Liebe für jeden.

Zudem bekennt er ganz offen, wie sehr er seine Mutter und auch seine Heimat vermisst.


Gerade in diesem Sommer hat unser damaliger Heimatminister Markus Söder nahezu überschwänglich von unserer schönen bayerischen Heimat geschwärmt. Die Einzigartigkeit unseres weiß-blauen Himmels herausgestellt. Aber irgendwie hat sich das auch immer so angehört wie: "Meine Heimat gehört mir. Und ausschließlich mir." Nach dem Motto: Hauptsächlich mir geht' s gut. Die Haltung einer christlichen Partei!


Unser Ausflug hat mir gezeigt: Egal, in welchem Land man geboren wurde - wir genießen und gestalten unsere (neue) Heimat gemeinsam! Der weiß-blaue Himmel gehört uns allen ...





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