Schräg sein kann helfen ...

Aktualisiert: 5. März 2020

„Es freut mich, dass ich Sie wieder treffe", kommt meine Bekannte Frau Müller (Name geändert) auf mich zu. „Ich wollte mich schon lange bei Ihnen bedanken." Etwas verwundert begrüße ich die attraktive Frau. Sie sagt gerade heraus: „Ich bin nun auch Betroffene."


Ich schweige erst einmal. Höre Frau Müller zu, während sie auf meinen fragenden Blick antwortet: Ja, sie habe auch Brustkrebs, bzw. hatte. Das Ganze war nämlich bereits letztes Jahr. Sie fühle sich momentan als geheilt. Deswegen könne sie nun darüber sprechen. Bis nur auf ganz wenigen Personen habe sie niemandem gesagt, dass sie Brustkrebs habe. Auch mir konnte sie es bisher nicht erzählen. Auch nicht, als wir uns bereits ein anderes Mal getroffen hatten.


Offen über meine Krankheit zu sprechen, war mir wichtig


Sie bewundere mich dafür, dass ich so offen mit meiner Krankheit umgehe. Sie persönlich habe davon profitiert. Gebannt folge ich ihren Ausführungen. Sie erzählt wie ergriffen sie war, als ich ihr vor ungefähr eineinhalb Jahren von meiner Erkrankung erzählte. Gerne nahm sie damals mein Angebot an, den Tumor an meiner Brust zu ertasten.


Da wir uns damals im Arbeitskontext getroffen hatten, frage sie dann sogar: „Kann eine meiner jungen Kolleginnen auch den Tumor ertasten?" Auch diese nutzte diese außergewöhnliche Gelegenheit einmal selbst zu spüren, wie sich so ein Knoten anfühlt. Frau Müller habe diese Erfahrung schwer beeindruckt. Noch mehr: Sie war dadurch so sensibilisiert, dass sie sich von da an beständig selbst abtastete. Und welch ein Schreck. Bereits ein paar Monate später fühlte auch sie bei sich einen Knoten. Sie wandte sich daraufhin sofort an ihren Frauenarzt. Dieser untersuchte sie mit Ultraschall. Er war sich aber unsicher und schickte sie zum MRT. Der Arzt dort meinte wiederum, es wäre nichts Auffälliges zu sehen. Die Frau beharrte aber darauf, dass sie etwas spüre und bat um eine Biopsie. Tja, und ein paar Tage später bekam sie dann die Diagnose: Bösartiger Tumor.


Er war Gott sei Dank früh erkannt und noch kleiner als 1 cm. Daher konnte Frau Müller brusterhaltend operiert werden. Ein Glück war auch, dass die Lymphe noch frei von Metastasen waren. Daher bekam sie keine Chemo, lediglich - wie bei dieser Diagnose üblich - 28 Bestrahlungen. Während dieser Zeit habe sie bereits wieder gearbeitet. Da der Tumor ebenfalls hormonabhängig ist, nehme sie wie ich Tamoxifen. Auch bei ihr sind als Nebenwirkung die Gelenke vor allem nach dem Aufstehen steif. Aber damit könne sie leben.


Wow. Ich bin überwältigt. Gerührt von dieser Schilderung bedanke ich mich nun wiederum, dass sie mir ihre Geschichte nun doch noch erzählt hat. Wir verabschieden uns herzlich. Verbindet uns nun eine gemeinsame Erfahrung. Wir wünschen uns einander alles Gute.


Tiefe Dankbarkeit


Zu Hause reflektiere ich das Ganze noch einmal in Ruhe. In meinem Herzen habe ich ein unheimliches Glücksgefühl. Ich bin so unendlich dankbar, dass sich mein schon etwas eigenartiger Einsatz anscheinend doch für jemanden gelohnt hatte.


Mir ist bewusst, dass das befremdlich klingt: Jemandem anzubieten, seinen Tumor zu ertasten. Das ist schon schräg. Mir war das aber in den Momenten egal. Ich wollte unbedingt andere Frauen auf die Gefahr aufmerksam machen. Ich selbst war ja total blind in diese Krankheit gelaufen. Wenn ich das Gefühl hatte, ich solle einer bestimmten Frau diesen Vorschlag machen: Dann machte ich es auch. Lediglich eine Person lehnte das Angebot ab. Sie hatte bereits Erfahrung mit Krebs bei jemand Anderem gemacht und ihr ging das Ganze zu nahe. Für mich war das okay, bzw. ich war froh über das klare Signal. Ich wollte mich ja auf gar keinen Fall aufdrängen.


Aber für die meisten war das schon in Ordnung. Man konnte meinen Tumor ja auch durch ein T-Shirt erspüren. Er saß in der Nähe der Achsel und war so groß wie ein kleines Taubenei.



Durch so ein dünnes T-Shirt lässt sich mein Tumor gut ertasten. Hier nach meiner 1. Chemo.


Ich überlegte damals: Jede zehnte Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs. Mit Sicherheit habe ich mehr als 10 Personen den Tumor fühlen lassen. Rein statistisch gesehen, müsste daher jemand dabei sein, der dieses Schicksal ereilt.


Und nun offenbarte sich tatsächlich eine Frau, dass sie durch meine Aktion vermutlich vor einer Chemo und vielleicht noch Schlimmeren bewahrt wurde. Das ist nun tatsächlich das Erfüllendste, das ich bisher im Zusammenhang mit meiner Erkrankung erleben durfte. Es macht mich glücklich, dass ich tatsächlich einer Person einen vielleicht beschwerlicheren Leidensweg ersparen konnte.


Jede zehnte Frau


Es bestätigte mich auch darin, dass meine öffentlichen Aktionen nicht einfach für die Katz waren: mein Blog, Zeitungsberichte über meine Krankheit, mein Vortrag und viele Gespräche über die Erkrankung. Ja, jede zehnte Frau bekommt Brustkrebs. Mit Sicherheit folgen da noch mehr, die etwas von mir gelesen oder gehört haben und hoffentlich ihre Krankheit dadurch früher wahrnehmen.


Von einer weiteren Frau wusste ich es ja auch schon bereits. Sie hatte mein Zeitungsartikel so beeindruckt, dass sie ihn ausschnitt und aufhob. Als bei ihr dann Krebs festgestellt wurde, hat sie den Bericht wieder hervorgekramt. Über meinen Blog nahm sie schließlich Kontakt zu mir auf. Auch bei ihr war der Tumor noch so klein, dass sie brusterhaltend operiert werden konnte. Sie ist auch in meinem Alter. Wir haben schon öfters miteinander telefoniert. Ich empfand sie bereits am Telefon als sehr sympatisch. Mittlerweile haben wir uns sogar schon getroffen.


Dass Betroffene aus meiner Region mich irgendwann ansprechen, erlebte ich ja sogar schon öfter. Auch daraus haben sich herzliche Beziehungen entwickelt.


Ich wünsche keiner Frau, dass sie eine Krebserkrankung erleben muss. Aber bei 70 000 Neuerkrankungen jedes Jahr in Deutschland, weiß ich auch: Es wird diese auch in meiner näheren Umgebung geben. So hoffe ich, dass bei ihnen die Krankheit wenigstens so früh als möglich entdeckt wird. Ist der Tumor nämlich im Millimeter-Bereich, besteht eine 90%ige Heilungschance. Und durch eine engmaschige Nachsorge ist die Frau lebenslang recht gut geschützt. Und vielleicht bewirkt diese lebensbedrohliche Krankheit dann auch bei ihr, dass sie achtsamer mit sich umgeht und ihr Leben bewusster und vielleicht sogar positiver gestaltet.


So hat das Ganze vielleicht doch irgendeinen Sinn.



PS:

Dieser Beitrag viel mir besonders schwer zu schreiben. Bisher konnte ich einfach immer geradeaus erzählen, wie und was so passiert ist. Doch dieses Mal wollte ich die Frau schützen, die sich mir persönlich anvertraut hat. Deshalb erwähne ich hier keine personenbezogenen Details, die sie erkennbar machen.


Ganz klar möchte ich noch einmal betonen: Jede Frau soll den Weg gehen, der für sie passt. Wenn es ihr unangenehm ist, über die Erkrankung zu sprechen, dann sollte sie es auch nicht tun. Gerade mit einer solchen Diagnose ist es besonders wichtig, dass man auf sich hört und sich wohl fühlt in seiner Haut mit dem, was man tut.


Vielleicht erscheint es jemanden als zu hoch gegriffen, dass jede zehnte Frau Brustkrebs bekommen soll. Das dachte ich anfangs ehrlich gesagt auch. Aber wie in dieser Geschichte sprechen viele Frauen ja nur in ihrem engsten Familien- oder Freundeskreis über ihre Erkrankung. Wird der Tumor sehr früh entdeckt, bekommt die Betroffene ja häufig auch keine Chemo und es zeigen sich dadurch keine sichtbaren Veränderungen. So bekommt ein Außenstehender eine Burstkrebserkrankung oft auch gar nicht mit.


Aus meinen Erfahrungen heraus ist diese Zahl, die sogar mit jede achte Frau im Internet zu finden ist, durchaus realistisch. Daher werde ich auch in Zukunft - um der Gesundheit Willen - vor so mancher Frau immer wieder mal etwas schräg sein. Denn schräg sein hilft tatsächlich manchmal ...



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