Säen und Ernten

Aktualisiert: 24. Sept. 2019

Keine Arbeit mehr. Das bedeutet viele Stunden mehr freie Zeit. Was stellt man damit an? Was habe ich mit dieser geschenkten Zeit gemacht?


Vieles habe ich ja bereits durch meine Blogbeiträge geschildert. Fotografieren, Volleyball spielen, Reisen ... Diese Ereignisse waren vielleicht eher die Besonderheiten. Aber wie verlief denn so mein Alltag?


Mein Alltag während der Zeit mit der Chemo


Der Alltag einer Krebspatientin beinhaltet natürlich so manchen Arztbesuch. In der Regel ist dies ein- bis zweimal pro Woche. Also durchaus machbar. Zumal mein Onkologe in Beilngries seine Praxis hat. Eine Chemositzung dauert im Schnitt so ca. 2 bis 3 Stunden. Bei mir war sie das erste viertel Jahr nur alle 3 Wochen und danach ein viertel Jahr lang wöchentlich. Zusätzlich sollte man einmal pro Woche sein Blutbild kontrollieren lassen. Das dauert normalerweise nur eine halbe Stunde. Vorausgesetzt man tauscht sich in der Praxis nicht allzu lange mit Leidensgenoss/innen über die aktuellen Nebenwirkungen aus. Irgendeinen Bekannten habe ich aber meistens getroffen. Für mich ist es schon wichtig, nachzufragen, wie es anderen mit ihrer Krankheit geht. Ein „passt schon" bedeutet dabei in der Regel: „Eigentlich nicht so gut. Aber ich will nicht jammern." Wir sitzen alle im gleichen Boot. Und keiner weiß, wohin es fährt. Doch wir machen uns gegenseitig Mut, dass wir diesen über uns hereingebrochenen Hurrikan irgendwie überstehen.


Denn jede Chemo hat natürlich auch so seine Tücken. Die Reaktionen des Körpers wie Gliederschmerzen, Unwohlsein und vor allem Müdigkeit fordern ihre Zeit für Ruhe. Ein täglicher Mittagsschlaf und/oder auch ein Nickerchen am Abend ist Pflicht. Aber ich kann das ja locker ohne schlechtes Gewissen machen. Immerhin bin ich ja krank geschrieben. Mir tut es oft auch gut, einfach nur dazuliegen und nachzudenken. Kräfte sammeln, Gedanken sortieren. Beides ist wichtig für mich, um auch mental stabil zu bleiben. Und durch das Ruhen am Tag sind dann auch meine geliebten Nächte um so länger. So ab 21 Uhr Abends werde ich erst so richtig fit. Im Haus ist es ruhig, wenn ich die Tür des Wohnzimmers schließe. Dort schläft nämlich mein Mann als ausgesprochener Frühaufsteher oft bereits vor dem Fernseher. Der PC ist nun meine Welt. Facebook, WhatsApp und Mails verbinden mich mit meinen Freund/innen. Jetzt ist auch die Zeit, in der ich konzentriert schreiben kann. Wenn mir die Stimmung danach ist, dann klicke ich mich auch noch durch meine Lieblingsmusik auf Youtube und vergesse dabei die Zeit. So kann es schon mal auch 2 Uhr nachts werden, bis ich mich leise in mein Bettchen schleiche.


Aber ich erledige am PC auch meine Pflicht als Kranke. Nämlich: Informationen zu sammeln, was für die Behandlung wichtig ist.


Informationen über die Krankheit sammeln


Einen enormen Zeitraum nimmt dieses Informieren über die Krankheit ein. Am Anfang tat ich dies eher noch widerwillig und rein notgedrungen. Im Laufe der Zeit interessiert mich aber immer mehr das Thema Krebs. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich selbst damit auseinanderzusetzen. Kein Arzt der Welt hat soviel Zeit, einem alles zu erklären. Und man muss einfach selbst viel mitdenken. Für mich ist neben einem Buch, Broschüren und Zeitungen das Internet eine gute Informationsquelle. Viele sehr seriöse Plattformen sind dort zu finden. Hilfreich ist für mich dabei vor allem die Seite der Deutschen Krebsgesellschaft. Auch manche Blogbeiträge sind eine klasse Informationsquelle. Viele Betroffene haben die gleichen oder zumindest ähnliche Therapieformen. Ihre Erfahrungen sind dabei oft übertragbar. So habe ich über einen sehr gewissenhaft geführten Blog gleich am Anfang meiner Chemo erfahren, wann meine Haare ausgehen werden. Dass sie dann bereits nach 3 Monaten wieder kommen und wann die betroffene Frau dann wieder das 1. Mal zum Friseur ging. So wusste ich: Eine Perücke und ein bis zwei Tücher sind auf jeden Fall genug, da die Überbrückungszeit ja gar nicht lange ist. Spannend ist dabei auch zu lesen, wie unterschiedlich Frauen mit Diagnose und Symptomen umgehen. Was bei der einen ein großes Problem ist, sieht eine andere eher locker. Dies konnte ich gerade beim Thema Haare oder auch Brustentfernung erleben.


Vor allem auf dem Forum der Frauenselbsthilfe nach Krebs konnte ich sehr viele Erfahrungswerte für mich gewinnen. Ein riesiges Potenzial an Fragen und Antworten sind dort über eine Suchmaschine leicht auffindbar: Therapieformen, Ernährung, Mittel gegen Beschwerden durch die Chemo, Rehamaßnahmen, Rente .... Man könnte stundenlang die Berichte der unterschiedlichsten Frauen nachlesen. Wahnsinn, was einige mitmachen müssen. Oft ein Auf und Ab von Gefühlen, je nach aktueller Diagnose. Für manche ist das Serven und Lesen von Erfahrungsberichten sicher auch beängstigend, aber ich blicke gerne der Realität ins Auge. Zudem herrscht in diesem Forum eher eine positive, Mut machende Atmosphäre. Wer das möchte, wird dort ein bisschen durchgetragen. Ich bin momentan eher noch eine stille Mitleser/in.


Back to the roots


Aber was habe ich sonst mit all der Zeit gemacht, die ich sonst in der Arbeit verbracht habe?


Ich habe mir wieder mehr Zeit zum Kochen genommen. Und mir hat das sogar wieder ein bisschen Spaß gemacht. In Ruhe Essen vorzubereiten hat schon was. Georg hat sich auf jeden Fall darüber gefreut, dass ich auch mal wieder kreativere und aufwendigere Mittagessen produziert habe.


Spagettikürbis alla Carbonara mit Ofenkartoffeln



Gartenarbeit und Chillen in einer Oase


Und ich war wieder mehr im Garten. Meine eigene Power war zwar nicht so groß. Aber mir hat ein Freund aus Afghanistan geholfen. Wie haben dabei Aufgaben angepackt, die ich alleine nicht angegangen wäre. So entfernten wir zusammen Unkraut zwischen unserem Kopfsteinpflaster vor dem Haus. Wir bekämpften wahre Brennnessel-Meere im Hühner-Garten. Sie hatten sich über die Jahre endlos vermehrt. Es war dann anschließend für mich sehr befriedigend, diesen warmen Sommer in einer wohlgestalteten Oase verbringen zu dürfen. In meinem hektischen Alltag vorher hatte ich nur wenig Zeit, um darin zu arbeiten - geschweige denn ihn auch richtig zu genießen.






Vorräte für die kalten Wintertage anlegen


Und der heiße Sommer brachte auch eine reichliche Ernte ein. Tomaten, Zucchini und Paprika gediehen im Übermaß. So konnte ich die bunte Vielfalt mit einem Apfelsaft-Essig-Sud in Gläser für den Winter bevorraten. Auch Zwetschgen bescherte uns der Herbst in rauen Mengen. Mir machte es echt Spaß, diese mit Rotwein verfeinert in Gläser zu füllen. Ebenso kochte ich zuckerfreies Zwetschgenmus im Ofen ein und dörrte die blauen Früchte und Apfelringe im Kachelofen für die kalten Wintertage.




Den Sammeltrieb befriedigen


Auch reichlich Nüsse schenkte uns dieser Herbst nach zwei Nuss-freien Jahren wieder.

Beinahe jeden Tag sammelte ich eimerweise die runden und ovalen Schalenfrüchte. Sie sollen ja sehr gesund sein und positive Auswirkungen auf das Gehirn haben - und auch gegen Krebs helfen. Auf riesigen Gitter trockneten wir sie dann im Wohnzimmer. Doch die Hauptarbeit ist ja, diese zu knacken um an den energiereichen Kern zu kommen. Für diese Aufgabe habe ich Gott sei Dank noch meinen Vater. Stundenlang und mit einer Engelsgeduld öffnet er die Nüsse vor dem Fernseher. Für mich ist es dann sehr leicht, diese nur noch in Plastikgefäße zu verpacken und die Nüsse einzufrieren. So kann ich sie dann portionsweise zur weiteren Verarbeitung für Kuchen, Müsli oder Salaten das ganze Jahr über verwenden ohne dass sie ranzig werden.


Und mein Mann Georg ist glücklich, dass ich meine Sammeltrieb hier auslebe. Denn unser Speicher ist bereits voll mit allem möglichem Krusch, der sich so finden lässt 😍.



Unser Bayrischer Gebirgsschweißhund Lina hilft beim Sammeln auch gerne mit.


Kuchen backen


Ja, Kuchen backen. Auch das habe ich lange vernachlässigt. Das habe ich vor allem an vielen abgelaufenen Zutaten gesehen. Ich backe wie schon immer jedes Rezept in doppelter Menge - denn ich bin ja praktisch veranlagt. Ich gefriere diesen dann lieber für kurze Zeit noch einmal ein. Denn lohnen soll sich der Aufwand schon allemal, wenn ich die Rührschüssel und den Ofen schon mal angeworfen habe.


Mein Favorit: Mandarinen Quarkkuchen


Ja, so geht ein "arbeitsfreies" Jahr vorbei.


Aber immer so ausschließlich zu Hause? Könnte ich mir das für immer vorstellten? Nein!!!!! Für ein Ausnahmejahr war das schon ok. Aber meine Welt ist das nicht unbedingt. Natürlich bringt das schon auch Befriedigung, die Familie mit einem leckeren Essen um sich zu scharen. Aber wenn ich mir aussuchen kann, mach ich dann doch lieber etwas anderes. Mit quirligen Enkelkindern könnte so ein Hausfrauendasein dann allerdings auch wieder einen neuen Reiz bekommen.


Für dieses Jahr war es auf jeden Fall für mich ok. Wie es weitergeht wird sich zeigen.


Säen und Ernten lässt sich auf viele unserer Tätigkeiten übertragen


Säen und Ernten - ganz ursprüngliche Tätigkeit des Menschen - verh elfen im wahrsten Sinne des Wortes bodenständig zu bleiben. Sich in und mit der Natur bewegen. Das Werden und Vergehen zu erleben. Gesunde Nahrungsmittel zu verarbeiten und zu genießen, können einem Leben hohe Befriedigung geben. Aber Säen und Ernten gibt es auch in vielen anderen Bereichen und Arbeitsstellen. Man kann beim Entwickeln oder Bauen eines Autos mitwirken, das dann irgendwann auf der Straße zu sehen ist. Oder jemand strickt einen schöne Pullover, der von vielen bewundert wird. Jemand unterrichtet Schüler und sieht die vielen Fortschritte, die sie machen ... Für mich war es immer wie Ernte, wenn viele Kunden bei einem Marktwochenende im Kloster froh gelaunt mit ansprechender Ware den Laden verließen. Zufriedenstellend vor allem auch, wenn abends dann noch die Kasse stimmte. Auch hier war viel Vorarbeit vergleichbar mit Säen, Begießen und Pflegen notwendig, dass die Ernte eingebracht werden konnte. Von nichts kommt halt auch nichts. Und was gibt es befriedigenderes, als reiche Ernte ein zu fahren.


Detailaufnahmen von unserem Garten, fotografiert und zusammengestellt von unserer Tochter Anna.


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