Resümee: Die Lust auf Leben bewahren

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Meine Quintessenz aus der Krankheitsphase in wenigen Worten zusammenfassen: Leichter gesagt als getan. Und so kaue ich auf diesem Beitrag wie auf einem Stück zähem Fleisch, das man nicht hinunterbringt. Irgendwie ist dieses Thema auch so komplex. Soll ich auf Allgemeingültigkeit achten oder wirklich nur auf das, was mir persönlich in meiner Krisenzeit wichtig geworden ist? Ich entscheide mich für das zweite - denn eines habe ich kapiert: Es geht hier vor allem um mich.



Was habe ich aus meiner Krankheit Wichtiges gelernt?


1. Ich habe nur ein Leben


Und es ist mein Leben. Ich allein habe die Verantwortung, es so zu gestalten, dass ich am Ende sagen kann: Es war gut. Für mich und auch für andere.


Das ist doch selbstverständlich. Mag der eine oder die andere sagen. Klar, vom Prinzip her wusste ich das auch. Ich war ja bereits immer jemand, die sich schon viel über philosophische Themen Gedanken gemacht hat. Die Krebsdiagnose hat mich aber noch einmal hart darauf hingewiesen: Leben ist tatsächlich endlich. Es kann sehr schnell aus sein. Gott sei Dank musste ich das noch nicht endgültig "erleben". 😉 Eine zweite Chance?


Ein Großteil meines Lebens ist bereits gelebt. Wenn ich Glück habe, habe ich noch mein letztes Lebensdrittel vor mir. Das wären dann wohl so 30 Jahre. Wie will ich diese Zeit gestalten? Will ich mich von äußeren Umständen treiben lassen oder mein Leben noch einmal aktiv selbst formen? Klar, die grobe Richtung ist mir bereits durch meinen bisherigen Lebensweg vorgegeben. Aber Nuancen kann ich wohl noch gestalten. Auf jeden Fall will ich keine Langweile aufkommen lassen.



2. Ich bin wichtig.


"Jetzt bist du für dich die wichtigste Person", sagte mir zum wiederholtem Male ein Freund. Diese Aussage machte mich vor allem am Anfang meiner Erkrankung schon fast aggressiv. "So ein Schwachsinn", dachte ich mir. Mich intensiv um mich selbst kümmern zu müssen, das nervte mich einfach.


Vielleicht ist das auch Erziehung. Erst neulich schickte mir meine beste Freundin aus meiner Kindheit einen Eintrag, den ich mit 9 Jahren in ihr Poesiealbum geschrieben hatte: "Sei wie das Veilchen im Moose, immer bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein."



Mein Poesieeintrag mit 9 Jahren. Schon damals ein bisschen perfektionistisch. Allerdings war Schönschrift noch nie meine Stärke."


Großteils wurde mir anerzogen, wie ich mich zu geben habe. Das vorgelebte Rollenbild der Frau aus meiner Kindheit spielte da sicher auch mit hinein. Die Frau steht im Hintergrund zu Hause und der Mann bekommt das große Stück Fleisch.


Sogar ein Mönch aus meinem Kloster meinte unlängst zu mir: "Du musst selbst für dich sorgen, sonst macht das keiner."


Klar bedeutet das nun natürlich nicht: Egoismus pur oder gar ausschließlich: Ingrid first.

Das geht bei mir ja gar nicht.


Sondern eher wie es in unserer jüdisch, christlichen Tradition heißt: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst.


Eine Ausgewogenheit zwischen mir und dir: Dazu habe ich ein schönes Bild auf der Reha bekommen.

Die Psychologin lässt uns in unserer Brustkrebs-Gruppenstunde unsere beiden Arme mit offenen Hände vor den Körper halten. Die Hände seien dabei wie Waagschalen. Sie fragt uns: "Welche fühlt sich denn schwerer an und ist dabei weiter unten. Die, welche nimmt, oder die, welche gibt?"


Bei den meisten der Frauen liegt die Gebende tiefer. Bei mir auch.


So ein Ungleichgewicht auf Dauer oder gar ein Leben lang, ist wohl für das Rückrat ungesund. Ich merke ja jetzt schon, wie ich eine Fehlhaltung und dadurch Schmerzen bekommen habe, nur weil mir auf einer Seite ein paar Gramm Brust entfernt wurden.


Klar, es gibt immer wieder Zeiten, bei denen ich mal mehr gebe, als ich nehme. Aber dann sollte sich das auch wieder ändern. Ich darf dann sagen: "Aber jetzt bin ich dran."



3. Die Balance muss passen


Genauso ist das mit den Arbeits- und den Entspannungszeiten. Es sollte auch in diesem Bereich eine Ausgewogenheit herrschen. Beruhigend fand ich die Aussage der Psychologin, als ich ihr erzählte, dass ich gerne sehr extrem unterwegs sei. Ich powere manchmal bis zum Anschlag. Da meinte sie ganz verständnisvoll: Das ist schon ok so, wenn das für mich ein Bedürfnis sei. Dann brauche ich halt dementsprechend danach eine entsprechend effektive Erholungszeit, damit die Balance wieder passt.


Für mich war das eine befreiende Antwort: Denn ich dachte schon, ich müsse mich nun eher etwas monoton, bedächtig durchs Leben bewegen. Das wäre für mich der blanke Horror. Einfach furchtbar langweilig. Ich liebe Aktion! ... und dann natürlich auch wieder die entschleuningende Ruhe dazwischen.



4. Klarer nach außen sein

Je klarer ich bin, um so besser können mich meine Mitmenschen einschätzen. Eigentlich logisch. Aber ich will andere oft nicht verletzen, nett sein. Daher versuche ich manchmal Dinge gar nicht, oder nur indirekt anzusprechen. Dabei wissen wir alle: Welcher Mann versteht schon indirekte Anweisungen 😉? Oft holt mich dann die nicht klare Ansage wieder ein.


Ein gutes Beispiel ist dabei meine Volleyballmannschaft. Ich will niemandem weh tun: Deshalb habe ich manchmal umgangen, direkt von Anfang an zu sagen, wer bei einem Spiel spielen darf und wer nicht. Dadurch habe ich oft bei Spielern Erwartungen geweckt, dass sie noch auf den Platz dürften. Für sie war es vermutlich dann schlimmer, als wenn ich das gleich von Anfang an offen besprochen hätte.


Aber selbst, wenn ich alles richtig mache, schließt es natürlich nicht aus, dass mein Gegenüber sich dennoch verletzt und minderwertgeschätzt fühlt. Als emphatischer Mensch setzt mir selbst dies zu. Das muss ich lernen abzustellen. Ich muss mich nicht für jede Gefühlslage meines Gegenübers verantwortlich sehen. Empathie hat auch seine Grenzen. Nämlich meine. Meine persönlichen Grenzen wahrnehmen und diese auch nach außen zu signalisieren. Auch das ist etwas, was für mich ein hartes Trainingsfeld werden wird.



5. Menschenfreundlicher sein


Klarheit soll aber nicht Härte bedeuten. Ich möchte eher gnädiger mit meinem Gegenüber und auch mit mir umgehen. Unstimmigkeiten kommen ja in der Regel nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Missverständnissen, unterschiedlichen Prägungen, Meinungen und Sichtweisen. Warum sollte man da mit dem Hammer kommen? Wie viel schöner ist es doch, einander gut zu tun. Zu versuchen, in Frieden neben- oder besser noch miteinander zu leben. Sich gegenseitig beschenken, unkompliziert und natürlich.


Liebe üben: Für mich bleibt das das höchste Gut.



6. Leben macht nicht immer nur Spaß


Für mich ist der Spaßfaktor bei meinem Tun nicht das Wichtigste. Ich bin eine absolute Pragmatikerin. Ich brauche einen Sinn für mein Tun. Erst dies gibt mir eine innere Zufriedenheit. Sich auch mal durch etwas durchbeißen, wie eben gerade jetzt durch so einen Blogbeitrag. Das ist für mich echt anstrengend und macht nicht unbedingt Spaß. Aber ist er dann erst einmal hochgeladen, dann schenkt die getane Arbeit letztendlich doch noch ein gewisses Glücksgefühl.


Vor allem da, wo ich meine Fähigkeiten sinnvoll einsetze, da bin ich gut und erfolgreich. Dort bekomme ich letztendlich auch meine Wertschätzung und Anerkennung. Das Endergebnis ist dann auf jeden Fall für mich zufriedenstellend. Auch wenn der Weg dahin nicht immer nur etwas mit Freude und Spaß zu tun hatte.



7. Humor ist wichtig.


Humor ist das, was mir wirklich leicht fällt. Der ist mir anscheinend in die Wiege gelegt. Yeah, Lachen erwünscht! Sogar, wenn es eigentlich nichts mehr zu lachen gibt. Galgenhumor ist besser als gar keiner. 😁



8. Menschen sind verschieden


Es gibt allgemeingültige Faktoren, die helfen das Leben angenehm zu machen. Dennoch ist jeder Mensch individuell verschieden. Besonders aufgefallen ist mir das bei meiner Behandlung während meiner Chemo. Die Frauen reagierten auf das gleich Medikament total unterschiedlich. Jeder Mensch ist einfach special!

So möchte ich auch die Buntheit der Menschen um mich herum akzeptieren. Auch meine eigene.



9. Familie und Freunde geben Halt


Man kann die eigene Energie überall einbringen. Braucht man allerdings selbst Hilfe, sind es wohl vor allem die Familienangehörigen und gute Freunde, die Halt geben und einen notfalls auch tragen. Gut, wenn man Familie und liebe Freunde hat, auf die man sich ohne Einschränkung verlassen kann. Ich habe gewusst, viele stehen hinter mir. Aber ehrlicherweise muss ich auch sagen, so lange ich kann, versuche ich lieber alles alleine zu machen. Bin jedoch dankbar, dass ich auch jemand um Hilfe fragen könnte.



10. Der Kopf macht's


Gedanken kann man positiv wie negativ beeinflussen. Die Werbung macht das vor. Genauso können wir unser Denken bewusst manipulieren. Wenn es uns gut tut, warum nicht? Positives Denken zieht auf jeden Fall nach oben und schenkt Lebenskraft. Mit dieser Haltung bin ich sehr gut durch meine Krebserkrankung gekommen. Dies möchte ich mir weiterhin bewahren. Denn Krisen kommen, in welcher Form auch immer, das ganze Leben hindurch. Manchmal von einen auf den anderen Tag - siehe Corona.


Den Blick auf das wenden, was noch im Glas ist. Was ich durch die neue Situation sogar gewinnen kann. Das will ich auf jeden Fall auch in Bereichen anwenden, bei denen es mir nicht so leicht fällt. Und da habe ich genug Übungsfelder.



11. Bauchgefühl


Die Summe aller aufkommenden Gefühle können mehr wissen, als unser Gehirn auf die Schnelle kombinieren kann. Man sollte daher die eigenen Emotionen auf jeden Fall ernst nehmen, sonst bringt man sich vielleicht um einen ganz wichtigen Impuls. Dies könnte man später vielleicht bitter bereuen.


Ich möchte auf jeden Fall meinem Herz mehr Gehör schenken. Denn was mich am meisten traurig werden ließ, waren nicht wahrgenommene Chancen: Obwohl mein Gefühl mir eigentlich sagte, ich solle es tun.



12. Krisen annehmen ist ein wichtiger erster Schritt


Eine negative Diagnose wirft viele erst einmal aus der Bahn. Schock, Verzweiflung, Angst, Wut oder einfach nur Traurigkeit drücken uns eher zu Boden. Als erste Reaktionen sind sie aber durchaus normal. Manches davon erst einmal zu durchleben, kann auch hilfreich bei der Verarbeitung sein. Irgendwann sollte man aber wieder aufblicken. Schauen, wo stehe ich gerade. Akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Was anderes bleibt einem ja nicht übrig. Nur zu lamentieren hilft leider nicht weiter. Das Beste aus der neuen Situation machen, ist wohl der Schlüssel, der mir in vielen Lebensbereichen weiterhelfen kann. Und in der Regel kommt am Ende des Tunnels auch immer wieder das Licht.



13. Leben im Jetzt


Gerade der Buddhismus bringt diese Lebensweisheit mit. Achtsam sein, das Hier und Jetzt genießen. Nicht zuviel Multitasking. Schönes nicht auf den nächsten Tag verschieben. "Carpe diem", pflegen wir in unserer Kultur zu sagen. Koste deinen Tag aus. So schnell kann alles anders sein. Alleine Corona hat uns gezeigt, wie schnell Leben sich von einem Tag auf den anderen total verändern kann. Daher mache das, was du tun willst, gleich. Irgendwann kann es zu spät dafür sein.


Volleyball ist dafür wiederum mein passendes Beispiel. Als ich um die 35 Jahre alt war, fühlte ich mich zu alt, um mit den jungen Leuten beim Beachturnier mit zu spielen. Später war es mir egal und ich spielte noch mit 55 Jahren und sogar ohne Haare während der Chemo bei Turnieren mit. Nun geht es wegen Corona gerade wirklich nicht. Ob ich nach der Krise körperlich noch in der Lage sein werde, wird sich zeigen. Aber ich hätte mich furchtbar geärgert, wenn ich es nicht bis zuletzt ausgekostet hätte. Denn irgendwann werde ich sicherlich sagen müssen: Jetzt sind meine Knochen dafür wirklich zu alt.


Ein Dachziegel bei einer Kapelle auf meiner Reha in Aulendorf.


14. Urvertrauen


Die Hoffnung nicht aufgeben, dass letztendlich alles wieder wird und zu einem guten Ende kommt. Mir ist bewusst, dass ich jederzeit einen Rückfall haben kann. Mittlerweile weiß ich auch, dass man selbst da noch nicht gleich Todeskandidatin ist. Und letztendlich ist der Tod nicht unbedingt das Schlimmste. Er kann vielleicht sogar irgendwann das geringere Übel sein. Und dann ist es eben Zeit zu gehen. Ich vertraue darauf, dass es dann auch gut ist.



15. Lebensfreude bis zum Ende


„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Auch wenn er es vermutlich gar nicht selbst gesagt hat, so steckt doch sehr viel Weisheit in diesem Satz. Wir sollen unsere Überzeugungen weiterleben. Egal wie es um uns steht. Man weiß nie, wie eine Situation ausgeht. Egal wie negativ diese auch aussehen sollte. Die Hoffnung stirbt zuletzt.



Eine kleine Tanne, frisch gepflanzt auf unserer neu angelegten Christbaumkultur.

Auch ich habe gerade erst wieder Christbäume gepflanzt. Zusammen mit meiner Familie. Wir haben viel dabei gelacht und uns auch spielerisch geärgert. Das war richtig schön. 8 bis 10 Jahre brauchen diese Bäumchen, bis sie dann hoffentlich einmal in warmen Stuben stehen werden. Eine lange Zeit? Relativ.




Mein Mann Georg achtet sehr darauf, dass die Bäumchen auch schnurgerade gepflanzt werden. Lina überwacht das Ganze.



Ich weiß nicht, ob ich bei der Ernte noch dabei sein darf. Ich gehe zwar davon aus. Aber keiner kann es wissen. Für die Bäumchen ist es egal. Auch für die Menschen, die die Bäume in ihre Wohnungen stellen. Leben dreht sich weiter. Ich werde dennoch - soweit ich kann - bis zum Schluss am Geschehen in dieser Welt mitwirken.


Auch meine Mutter lebt dies. Vor drei Wochen hatte sie einen kleinen Herzinfarkt. Sie musste ins Krankenhaus und bekam zwei Stands. Kurz darauf war sie schon wieder fit und erledigt trotz ihrer 89 Jahre den Haushalt für sich und ihren Mann bis auf Kleinigkeiten selbst. Kein Klagen, sondern ein frohes Schaffen. Ich bin dankbar für dieses Vorbild.



Ich hoffe auch mir gelingt es, mir meine Freude am Leben zu bewahren.

Denn das ist mir bewusst geworden: Der Sinn des Lebens ist wohl das Leben selbst.




Und so werde ich wohl säen, pflanzen und ernten - bis die Sonne irgendwann untergeht.


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