Operation

Aktualisiert: 10. Feb. 2020

In aller Frühe um 8 Uhr darf ich mein schickes Hemdchen und meine Thrombose-Strümpfe anziehen. Ich bin dankbar, dass ich so zeitig drankomme. Froh, wenn es endlich rum ist. Die Nerven sind mittlerweile doch etwas angespannt.


Der Laptop und das Weihnachtskarten-Schreiben vertreiben mir die Zeit bis ein junger Pfleger kommt und mich abholt.


Gut, dass ich meinen Laptop dabei habe. Noch ein bisschen an meinem Blog arbeiten?

Der Weg zum Operationssaal


Kraftvoll schiebt mich der junge Pfleger in meinem Bett durch die Gänge. Vorbei geht es an den Besucheraufzügen, dem Bettenlager und der Entbindungsstation. Ich muss grinsen. Meine letzten OPs waren Kaiserschnitte. Die letzten beiden waren mit periduraler Injektion. Bei dieser sogenannten Rückenmarkanästhesie bekommt man alles mit. Das war für mich schon eine sehr stressige Situation. Aber das Ergebnis war großartig. Drei wunderbare Kinder durfte ich jeweils anschließend in den Händen halten. Nun wird mir etwas weggeschnitten. Ok. Ich brauche meine Brust nicht mehr. Vor allem, weil ein böser Untermieter sich eingenistet hat. Er will sich darin ausbreiten und mir das Leben zur Hölle machen. Von daher freue ich mich, dass nun dieser Schnitt gemacht wird.


Angekommen beim Operationssaal nehmen mich zwei aufmerksame Pfleger in Empfang. Sie holen ein großes Tuch aus einem Wärmeschrank und breiten es auf einer metallenen Liege aus. Danach heben sie mich hinüber. „Oh, das ist aber kuschelig warm," entfährt es mir. „So ein Service!" Die Pfleger lachen erfreut. Die Atmosphäre ist schon mal gut hier.


Nun geht es weiter in einen großen, hellen Saal. Auch hier scherzen alle miteinander. Normalität tut gut, soweit man vor einer OP davon sprechen kann. Nun werden mir die Elektroden für die Herzüberwachung angeklebt. Hier ist es ganz schön kalt. Die Schwester erklärt mir, dass das wegen der Keime so sein muss. Es ist auch alles sehr steril und optisch eher kühl. Ok. Die Farben wirken schon freundlich, ein helles Gelb. Aber es ist dennoch halt Krankenhaus. Nun geht es aber schon wieder weiter. Ich liege jetzt vor dem Operationssaal und muss warten bis der Raum frei und von der vorigen Operation gesäubert ist.


Schließlich werde ich in einen kleinen Raum der Anästhesie geschoben. Nun wird es ernst. Die Narkoseärztin spritzt mir etwas über den Zugang zur Vene am rechten Unterarm. Gut gelaunt meint sie noch: „Wo möchten Sie denn im Traum Urlaub machen?" Ich antworte noch: „Ich will momentan nirgendwo hin." Denke jedoch noch kurz darüber nach. Da kommen mir die schöne Landschaft und der Strand von Neuseeland in den Sinn. Ach vielleicht wäre das doch ein traumhafter Urlaubs... und schon bin ich weggetreten.


Und dann sehe ich Gott sei Dank nicht mehr, wie sie mich mit grünen Tücher abdecken, wie sie mich mit einem orangefarbenen Desinfektionsmittel anmalen, wie sie mir einen Tubus zur Beatmung in den Rachen schieben und vor allem wie der Professor dann mit dem Skalpell den ersten Schnitt ansetzt ...


Ich komme erst zwei Stunden später im Aufwachraum wieder zu mir. Und meine erste Frage ist: „Ist alles gut verlaufen?" Im Kopf habe ich vor allem: „Waren meine Lymphe nun befallen oder nicht?" Was ich nun tatsächlich gefragt habe, weiß ich - noch benommen von der Narkose - ehrlich gesagt nicht. Aber die Antwort ist: „Alles ist gut."


Himmlisch. Die Anspannung fällt schlagartig von mir ab. Ich hab's geschafft. Mit dieser positiven Diagnose habe ich es geschafft. Der Krebs ist besiegt. Die Brust ist weg und damit auch der Krebs. Ich bin gesund. Mir laufen Freudentränen die Backen herunter.


Überglücklich döse ich vor mich hin. Mache zwischendurch mal ein Kompliment, dass hier alle so ruhig und besonnen agieren. Und schließlich fährt mich der nette Pfleger wieder auf mein Zimmer. Ich bin allein. Meine Zimmernachbarin ist nun im OP. Ich zücke gleich mein Handy.


Frisch operiert. Aber mir geht es gut.

Zurück im Zimmer, zurück im Leben


Willkommen zurück im Leben. Mir geht es prima. Nichts tut weh. Ich freue mich, in einem sauberen Bett zu liegen und mich von der ganzen Anspannung erholen zu dürfen.


Es dauert nicht lange und Elke, meine Zimmernachbarin, kommt auch zurück. Sie ist ebenso fit und schmerzfrei. Wir albern herum und quatschen über Gott und die Welt. Die Zeit verfliegt. Ihr wird schon bald ein Abendessen serviert. Auch mir stellt man bereits ein Essen hin. Aber ich solle noch etwas damit warten.


Kein Problem. Hunger habe ich eh noch keinen.


Da kommt die Stationsärztin zur Abendvisite. Sie schaut sich den Verband an.



Ich bin fest eingewickelt wie ein Hering. Dieser straffe Kompressionsverband ist wichtig, damit sich keine Wundflüssigkeit einlagern kann. Ich soll ihn auf jeden Fall drei Tage tragen. Mich stört er nicht. Im Gegenteil ich fühle mich durch ihn geschützt. So kann ich mich ohne Probleme auf alle Seiten drehen.


Eine schreckliche Diagnose


Die Ärztin meinte, sie sei bei der Operation dabei gewesen. Es ist alles planmäßig verlaufen.

„Einer der Wächterlymphknoten war allerdings befallen. Deshalb musste man einige weitere Lymphknoten unter der Achsel entfernen."


Wums! Habe ich richtig gehört?


Die Ärztin dreht sich von mir ab und wendet sich meiner Zimmernachbarin zu. Auch diese wird über ihr Operationsergebnis aufgeklärt: Die Operation sei gelungen, der Tumor komplett entfernt. Ihre Lymphknoten waren noch nicht befallen. Alles sei ordnungsgemäß verlaufen.


Aber bei mir ist nicht alles in Ordnung. Ich bin total bestürzt. Mir verschlägt es echt die Sprache. Kaum ist die Ärztin weg, frage ich allerdings gleich Elke, wie sie das empfunden habe. Ich fand es unmöglich, wie die Ärztin mir dieses negative Ergebnis hingeknallt hat. Elke meint auch, dass die fehlende Empathie der Ärztin wohl nicht so ganz angemessen sei.


Ich bin auf jeden Fall geschockt. Der Blick auf mein Abendessen lässt mich kalt. Zum ersten Mal verstehe ich, wie es ist, wenn es einem den Appetit verschlägt. Ich bin noch total durcheinander. Ich schaue mir noch einmal das Foto von der Achsel an, das ich gleich nach der Rückkehr von der OP gemacht habe. Man sieht darauf nicht unbedingt, dass da Lymphknoten entfernt wurden. Klar, es ist etwas geschwollen, aber das könnte ja auch von der Brustoperation kommen.


Hier hat man also Lymphe entfernt. Von außen kann man davon gar nichts sehen. Lediglich das Kreuzchen auf meiner Haut, zeigt noch, wo einmal ein Wächterlymphknoten markiert wurde.

Meine Gedanken kreisen. Die Lymphe sind befallen. Das bedeutet: Krebszellen können auch in den Körper gelangt sein. Dies hatte ich über die Ganze Chemo hinweg ausgeschlossen. Stand doch immer in meiner Tumorformel N0. Also Lymphe frei. Erst bei den Vorbereitungsuntersuchungen wurde mir bewusst, dass das vielleicht doch passiert sein könnte. Vielleicht sind sogar während der Chemo Krebszellen abgewandert, da der Tumor ja immer aktiv war.


Mir wird auch klar, dass ich gerade deswegen gerade so tief gefallen bin, weil ich ja bereits im Aufwachraum Freudentränen vergossen hatte. Vermutlich habe ich dieses: „Es ist alles gut," im Unterbewusstsein durch die Nachwirkung der Narkose missverstanden. Mein ursprünglicher Plan vor der OP war ja eigentlich, mich emotional auf alles einzustellen, egal wie es kommt. Ich mag keine Berg- und Talfahrten. Sie kosten enorm viel Kraft und Energie.


Ok. Nun ist es halt so. Nach zwei Stunden Hadern setze ich mich auf zum Essen. So ein Mist. Immer noch ein bisschen Hin- und Hergeworfen schmiere ich mir meine Brote. Da muss ich jetzt durch. Keine Ahnung, was das nun alles bedeutet. Aber auf jeden Fall nichts Gutes. Ich befürchte die Show geht nun weiter. Momentan ist das Happy End noch nicht in Sicht.


Für mich ist es ein böses Erwachen. Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet. Auch wenn mir bewusst war, dass der Krebs schon in die Lymphe gestreut haben kann. Aber jetzt muss ich erstmal die Nacht hinter mich bringen und morgen sehen wir dann weiter. Denn es geht weiter, wenn vielleicht auch beschwerlicher als erhofft.

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