Meine letzte Chemo...

Aktualisiert: 14. März 2021

Blutwertekontrolle in meiner Arztpraxis. Zufällig kommt dabei mein Onkologe vorbei und blickt auf meine Hände. Oh, die sind aber rot. Da müssen wir das nächste Mal auf jeden Fall die Dosis des Medikamentes noch einmal reduzieren und vor allem die Pause um eine Woche verlängern. Ich widerspreche zuerst. So schlimm sei das gar nicht. Aber, je länger ich mir das überlege ...



Meine Hände und Füße sind immer noch rot, obwohl ich ja gerade eine Woche Pause von der Chemo habe. Am Morgen nach dem Aufstehen muss ich seitwärts die Treppe heruntergehen, da sich meine Füße und Gelenke noch nicht beugen lassen. Ich wollte ja meinen Arzt tatsächlich fragen, ob ich zwei oder drei Tage länger Pause zur Regeneration bekommen könne. Allerdings hatte ich Bedenken, dass ich dann zu meiner im August geplanten Kur noch nicht damit fertig sei. Zudem ist ja Ende Juli wieder das Beachvolleyballturnier. Da will ich auf jeden Fall fit dafür sein.


Welche Füße gehören wohl zu mir?


Rezidive bei meinen Freundinnen


Schließlich nehme ich das verlockende Angebot mit der verlängerten Pause an. Allerdings beginne ich mit der Chemo dann doch bereits schon wieder nach 4 Tagen - statt erst nach einer ganzen Woche. Geht ja schon wieder. Zudem haben mich innerhalb einer Woche gleich drei Hiobsbotschaften ereilt. Drei meiner liebsten Freundinnen - die ich über das Internetforum, aber auch privat kennenlernen durfte - haben nun ein Rezidiv. Bei ihnen wurden Metastasen in der Leber, am Hals oder im Knochen gefunden. Eine von ihnen hat diese schreckliche Diagnose bereits ein halbes Jahr nach ihrem Chemoende bekommen. Gerade sie hat mir während meiner Behandlung immer soviel Mut gemacht. Jetzt ist sie am Boden zerstört. Die lebensbedrohenden Situationen dieser Frauen beschäftigen mich sehr. Das ist schon ein großer Mist. Denn damit gilt man als sogenannt palliativ. Das bedeutet, dass man offiziell ein Leben lang nun engmaschig betreut werden muss und in der Regel nie mehr als gesund bezeichnet werden kann.


Vorzeitiges Chemoende?


Mit diesem Hintergrundwissen bin ich dann vor meinem 7. Chemoblock wieder zur Blutentnahme bei meinem onkologischen Arzt. Ich berichte ihm von meinen Beschwerden und dass ich nun doch auf Grund meiner heftigen Nebenwirkungen gerne eine Dosisreduzierung hätte. Ich müsse ja mit diesem Medikament keine Metastasen bekämpfen, sondern nur eventuell abgedriftete böse Zellen in Schach halten. Dazu reiche vermutlich auch die Minimaldosis aus.


Der Arzt überrascht mich dabei allerdings mit: „Ach, sie haben ja schon 6 Blöcke. Eigentlich könnten Sie jetzt auch schon ganz aufhören. Ich lese mir das aber noch mal in den Richtlinien durch." „Oh, das geht nun aber schnell!" Zu schnell, denke ich mir. Ich weiß zwar, dass es im Forum auch einige Frauen gibt, die von vornherein nur 6 Zyklen haben. Aber ich habe mich nun ja eigentlich auf 8 eingestellt. Mit dem Blick auf meine Freundinnen mit dem Rezidiv schlage ich dem Arzt vor, dass ich gerne noch den 7. Zyklus dranhängen würde. Ich hätte dabei einfach ein besseres Gefühl. Vor allem: Käme es tatsächlich auch bei mir zu einem Rückfall, müsste ich mir da einfach weniger Vorwürfe machen, dass ich nicht alles unternommen hätte.


Gebremster Aktivismus bei der letzten Chemo


So beginne ich am 23.6.2019 meine letzte Chemophase. Ich bin heilfroh darüber, dass das Ganze nun bald ein Ende hat. Denn wie bei den vorigen Zyklen bekomme ich bereits ab dem dritten Tag wieder die Nebenwirkungen zu spüren. Die Füße und Hände werden knallrot und schmerzen bei allem, was ich damit mache. Zudem nehme ich nach der längeren Chemopause nun eindeutig wahr, dass tatsächlich auch viele Muskeln meines Körpers durch das Medikament weh tun. Dies lässt nun meinen Tatendrang wieder schlagartig stoppen. Ich will nämlich nach der langen Schonzeit endlich wieder körperlich arbeiten. Ich bin ja wie ein Reptil. Im Winter könnte ich mich wegen der Kälte im Bett verkriechen und wenn das Thermometer in die Höhe schnellt, entwickle ich einen angenehmen Aktivismus. Auch unsere Schildkröte Laura fetzt momentan aufgeheizt durch die Sonneneinstrahlung mit einem enormen Tempo durch ihr Gehege. So hatte ich angefangen, den Keller zu weißeln. Dies ist jetzt nun wieder nicht mehr möglich. Und wenn, dann nur mit angezogener Handbremse. So ein Mist. Bleibt mir nur noch das Schreiben im Blog, denn dabei kann ich sitzen. Dies zeigt mir aber nun wirklich sehr deutlich, dass normales Arbeiten während der Chemozeit tatsächlich nur unter großen Beschwernissen möglich gewesen wäre.


Aber jetzt sollen es nun ja die letzten Chemo-Wochen sein. Ich hacke jeden Abend erleichtert mit einem "geschafft" und einem "hoffentlich nie wieder" ab. Mein Körper ist nun total am Ende. Natürlich geht alles noch schlimmer. Aber nach über einem Jahr Chemo reicht es jetzt wirklich.


Ich freue mich sehr, dass mir die 8. Chemo erspart bleibt und ich ausreichend Zeit habe, mich bis zur Anschlussheilbehandlung zu erholen. Denn dort will ich ja all die Puzzleteile, die ich über dieses Ausnahmejahr gesammelt habe, zusammentragen - und zu einem hoffentlich für mich stimmigen Bild zusammensetzen. Daran möchte ich dann meine Zukunftsplanung ausrichten. Und dazu brauche ich all meine Kräfte wieder. Ich hoffe, mein Körper regeneriert sich bis dahin soweit.


Auf jeden Fall werde ich den 8. Juli 2019 feiern. Meinen letzten Chemotag!

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