Mein steiniger Weg zur Diagnose


Urlaub! Ich treffe mich mit meinem Freund Rainer Ludwig zum Philosophieren. Uns macht es beiden seit Jahren Spaß, gemeinsam über Gott und die Welt nachzudenken. Rainers Sprichwort ist: „Denken kann man nie genug.“


Es ist Montagabend, 28. Mai 2018, und unsere Köpfe haben schon einiges geleistet. Am Ende erzähle ich Rainer fast nebenbei noch: "Für mich ist es kein Problem, aus dem Leben zu scheiden, wenn sich meine Vermutung bewahrheitet." „Was redest du da?!“, fragt er. Daraufhin sag ich ihm, dass ich einen Hubbel in der Brust entdeckt habe. Ich will beim Frauenarzt am Freitag überprüfen lassen, ob dieser Knoten nun Krebs sei.


Beim Reden darüber - und auch wie ernst ich die Lage anscheinend selber bereits einschätze - wird mir sofort klar: Bis Freitag sollte ich da nicht mehr warten. Schließlich habe ich in Kürze auch einige wichtige Termine und Entscheidungen in Beruf und in meinen Ehrenämtern vor mir liegen. So rufe ich noch einmal in der Frauenarztpraxis an und bekomme auch gleich einen früheren Termin.


Beim Frauenarzt: Ultraschall und Mammographie


Der Arzt meint nach einer Ultraschalluntersuchung: „Das schaut nicht gut aus!“ Ich solle einen Termin zur Mammographie an der Anmelde ausmachen, er müsse jetzt zur Toilette. Die Arzthelferin sagt zu mir, erst nächste Woche wäre noch etwas frei. Ich erzähle ihr daraufhin wieder von meinem Verdacht auf bösartigen Brustkrebs und dass ich die Diagnose so schnell wie möglich brauche. Ich habe in 2 Wochen Neuwahlen beim Freundeskreis des Gymnasium Beilngries. Ich würde da erneut für 3 Jahre zur Vorsitzenden gewählt. Bei einem positiven Befund würde ich nicht mehr antreten.


Durch mein Quengeln bekomme ich bereits am nächsten Tag einen Termin zur weiteren Untersuchung. Der Arzt dort meint zu mir mit Blick auf die Mammographieaufnahmen ebenfalls, es deute schon sehr auf Krebs hin. Die Wucherung sei auch bereits sehr groß und was ihm gar nicht gefällt: Die Haut um die Brustwarze sei auch bereits sehr verdickt - das heißt vielleicht mit Krebs infiltriert.


Mit dieser Diagnose geht es also zurück in die Praxis meines Frauenarztes. Wieder traue ich meinen Ohren nicht: Jetzt muss man noch eine Biopsie machen, aber er schafft es heute nicht mehr - und dann geht er auch in den Urlaub. Also meine Story von meiner Wahl zur Vorsitzenden noch einmal … „Können Sie noch etwas warten? Dann frage ich meinen Kollegen, ob er die Stanze durchführen kann?“ Was für eine Frage. Natürlich habe ich Zeit! Sein Kollege hat am Donnerstag (Fronleichnam) Dienst im Krankenhaus und kann dabei gut die Gewebeentnahme übernehmen. Also jetzt wird es tatsächlich ernst.


Beim Hausarzt: Aktive Unterstützung


Auf der Heimfahrt schießt mir so einiges durch den Kopf! Sehr viel. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in so einer Situation einen Unfall bauen könnte. So fahre ich an den Straßenrand und überlege erst einmal klar, wie ich weitermachen soll.


Ich will jetzt erst einmal alles mit meiner Schwester Silvia besprechen. Die Praxis meines Hausarztes in Kipfenberg, bei der Silvia arbeitet, liegt eh auf der Strecke.

Was für eine Wohltat! Dr. Justin Betz, mit dem ich in meiner Jugend schon Volleyball spielte, nimmt sich mir sofort an. Fragt mich, wie es mir geht. Ich sage ihm, ich komme mit der Diagnose klar und wie sehr ich ihn als Arzt schätze.

Er nimmt dann auch gleich selbst Kontakt mit der Frauenklinik in Ingolstadt auf. Bei dieser ist ein Brustzentrum dabei. Auch meine beiden Freundinnen wurden dort operiert und waren sehr zufrieden. Ich bekomme dort einen Vorstellungstermin in einer Woche. Bis dahin sollen nämlich die Untersuchungsergebnisse der Biopsie bereits vorliegen.


Dankbar für die aktive Unterstützung fahre ich anschließend gleich nach Hause. Mit meiner Schwester habe ich nämlich ausgemacht, dass wir meinen Eltern in Kipfenberg vorläufig noch nichts sagen.

Ich habe das Gefühl, Silvia geht es mit meiner immer noch offenen Situation nicht so gut. Ich spüre ihre Anspannung. Sie kennt sicher viele solcher Fälle aus ihrer Praxis und nun das bei mir. Ich selbst bin eigentlich recht gefasst.


Ich hatte vor meinem Freund Rainer Ludwig schon einmal klar ausgesprochen:

„Ich kann mit der Diagnose Krebs umgehen. Ich habe immer versucht, bewusst zu leben. Leben ist endlich …." Und daran wollte ich mich halten!



Im Krankenhaus: Die Biopsie


An zwei Fronleichnamsprozessionen in Beilngries und Enkering vorbei fahre ich ins Krankenhaus nach Eichstätt. Mit meiner Schwester habe ich vereinbart, ich soll gleich die CD von der Mammographie aus der Röntgenabteilung abholen. Dann habe ich sie sicher zur Untersuchung in Ingolstadt parat.


Krankenhaus, da werde ich nun wohl wieder öfters sein müssen. Viele bedrückte kranke Menschen laufen an mir vorbei. Hefte über Krebs liegen vor der Röntgenabteilung. Ich blättere darin. Brustkrebs … Eigentlich habe ich gar keine Lust, mich wieder auf ein neues Thema einzulassen. Ich habe doch eh so viele andere Baustellen, mit denen ich schon an meine zeitlichen Grenzen komme …


Die Tür der Radiologie geht auf und eine meiner ehemaligen Klassenkameradinnen kommt mit der CD in der Hand heraus. „Inge, was machst du denn da?“

Cool! Lissi hat Feiertagsdienst. Was für ein Geschenk!

Sie nimmt ihren Piepser mit und begleitet mich zum Biopsie-Termin. Das ganze wird nun schon unterhaltsamer für mich. Wir sprechen über früher und vor allem über unser bevorstehendes 35-jähriges Abiturtreffen in Eichstätt. Wir sind beide in einem kleinen Vorbereitungsteam und nutzen die Zeit, um uns über die Klassenfeier auszutauschen.


Die Biopsie tut weh, trotz örtlicher Betäubung. Drei Proben werden mit einer Stanze aus der Brust geschossen und in ein Röhrchen gesteckt.


Jeder hat sein Päckchen zu tragen


Anschließend besuche ich Lissi noch in der Radiologie. Wir trinken dort noch zusammen Espresso. Sie erzählt mir von den Schicksalsschlägen in ihrer Familie. Keiner hat es leicht.


Zurück in Biberbach gehe ich noch ins Dorfhaus, wo nach der Fronleichnamsprozession bei Musik gemeinsam gegessen wird. Man hat mir meine Weißwurst aufgehoben. Ich rede gerne immer gleich über alles, was ich erlebe und denke.


So erzähle ich bereits einigen Leuten, von wo ich gerade herkomme. Einer meiner Freunde ist sehr betroffen. So viele Leute in unserem Alter. Auch seine eigene Familie ist nicht verschont geblieben. Uns ist klar: Leben ist nicht einfach. Jeden kann es täglich treffen.


Beim Klassentreffen sage ich nur etwas zu den engsten Freunde. Ich will mich nicht zum Thema machen. Ich weiß, auch hier hat jeder seine individuelle Geschichte. Mich interessiert, was meine Freunde in den letzten Jahren erlebt haben. Was sie gerade bewegt.


Unabhängig von mir taucht aber auch da immer wieder das Thema auf: Wer wird wohl beim nächsten Klassentreffen in 5 Jahren noch dabei sein? In unserem Alter - um die 55 Jahre - kann schon viel passieren. Keiner kann wissen, wie es weitergeht...




Diese Bilder mit Lina haben wir gemacht, bevor ich zur Klassenfeier gefahren bin. Von der Feier möchte ich aus Datenschutz rechtlichen Gründen keine Bilder posten.




Eine Anmerkung zu diesem Bericht


ich möchte auf keinen Fall ein falsches Bild von meiner Frauenarztpraxis erzeugen. Meine Erfahrung an diesen für mich doch sehr emotionalen Tagen sind eine rein subjektive Schilderung. Viele Ursachen tragen oft dazu bei, warum es zu den unterschiedlichsten Situationen und Empfindungen kommt. Daher sollte man sehr vorsichtig damit sein, sich ein schnelles Gesamturteil zu bilden.

Ich habe in dieser Praxis bisher immer sehr schnell Termine bekommen, sogar als ich noch gar kein Patient dort war ... und auch in diesem Fall, ist man ja auch immer auf meine Wünsche eingegangen, so dass ich jeden Tag eine andere Untersuchung hatte.

Ich war später noch einmal zur Kontrolle wegen der Tumorgröße bei meinem Frauenarzt und hatte viele Fragen wegen der Operation ... Der Arzt nahm sich dabei sehr viel Zeit für mich und erklärte mir sehr ausführlich aus seinem langjährigen Erfahrungsschatz, wie er das ganze sieht.

Ich fühle mich dort durchaus gut betreut.




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