Mein Motivationstalent

Aktualisiert: 23. Aug. 2021


Unsere Tochter Anna und ich sind uns in vielen Eigenschaften total ähnlich, in anderen wiederum sind wir sehr unterschiedlich. Manchmal ist sie eben eher wie Mama, manchmal eindeutig Papa. Ich würde allerdings behaupten: Von beiden hat sie nur das Beste. 😉


Unser Madl


Auf die Welt kam "unsere Kleine" im April 1989.


Sie ist ein sogenanntes Sandwichkind zwischen zwei Brüdern. Auf jeden Fall lernte sie sich gut zu behaupten. Nach oben zu ihrem älteren Bruder setzte sie sich vehement zur Wehr, wenn er sie mal wieder ärgerte. Den Bruder unter ihr bemutterte sie hingegen eher. Und das sind bereits zwei ihrer Eigenschaften, die sie unter vielen weiteren ausmachen: Sie hat einen enorm starken Willen und die dazu nötige Durchsetzungsfähigkeit, aber auch ein sehr emphatisches und hilfsbereites Gemüt. Dazu kommt eine wunderbar kreative Seite und eine beeindruckend hohe Intelligenz. Mit diesen Eigenschaften und - für mich mindestens genau so wichtig - mit ihrer strahlenden, jugendlichen Frohnatur begleitete sie mich ausdauernd auf dem Weg durch meine Krankheit.


Bereits in Annas Kindheit verbrachten wir viel Zeit miteinander


Von klein auf waren Anna und ich viel zusammen. Ich war nicht berufstätig und suchte mir ehrenamtliche Jobs, bei denen ich mit meinen Kids zusammen sein konnte. Mutter- und Kindgruppe, Freizeiten von religiösen Gruppen oder schulische Aktivitäten boten hier Plattformen für uns. Als ausgebildete Übungsleiterin betreute ich zudem Kinder beim Geräteturnen. Als Anna altersmäßig aus der Turngruppe herausgewachsen war, unterstütze sie mich und leitete diese schließlich eigenständig parallel zu mir. Ein weiterer gemeinsamer Job war im Sommer amerikanische Gäste unter dem Programm Homehostes zu bewirten. Diese kamen regelmäßig mit dem Schiff und anschließend mit dem Bus in unser Dorf zum Kaffeetrinken. Wir waren ein richtig eingeschworenes Team. Anna unterhielt mit ihrem besseren Englisch die Gäste bei Tisch, ich holte die Gäste vom Bus ab und brachte sie wieder zurück. Jede wusste genau, was ihre Aufgabe war.


Unzählige Amerikaner besuchten unser Haus. Ein Abschlussfoto von Anna und mir vor unserer Haustür war dabei Standard. Dieses wurde uns sehr oft auch zugeschickt.



Natürlich gab es auch Reibereien zwischen uns. Vor allem in der Pubertät. Gut so, würde ich heute sagen. Sonst wären wir ja nicht normal.


Reisen in verschiedene Länder


Besonders intensive Zeiten waren gemeinsame Reisen. Obwohl Anna ja eher introvertiert ist, reiste sie mit dem Rucksack teilweise sogar alleine durch die ganze Welt.


Und wieder einmal hat Anna ihren Rucksack gepackt. 2019 verabschieden wir sie nach Indonesien.

Aber Mama und Tante kamen bei ihren Reisen meist irgendwann hinterher. Neuseeland, Vietnam, Laos und Kambodscha waren gleich nach dem Abitur angesagt. Danach folgte ihr Studium "Internationale Entwicklung" im wunderschönen Wien, und später noch "Friedens- und Konfliktforschung“ in Indien und „Medienpraxis für Entwicklung und Sozialen Wandel“ in England. Auch während ihres Praktikums und ihrer Arbeit auf Sri Lanka waren meine Schwester und ich zur Stelle. Mein Horizont wurde durch sie weit.


Fotoshooting in Neuseeland auf den Moeraki Bolders, ein angriffslustiger Kea und wunderschöne Naturaufnahmen sind nur ein Bruchteil von den unzähligen Bildern unserer Reise durch Down Under im Jahre 2008.

Wild und unbeschwert sprangen wir an einem einsamen Strand um die Wette. Einfach nur Spaß haben.


2012 in Indien haben mich vor allem die lebensfrohen Farben und die Freundlichkeit der Menschen begeistert. Allerdings hat mich auch die unbeschreibliche Armut sehr bewegt.



Gemeinsame Aufgabe mit den Geflüchteten


Eigentlich wollte ich ja auch in meinen jungen Jahren in die Entwicklungshilfe. Ich entschied mich dann allerdings für Familie. 2015 kamen Menschen aus der weiten Welt zu uns und für mich tat sich ein sehr erfüllendes Aufgabenfeld auf. Ich weiß noch gut, wie ich Anna fragte: "Die Stadt Beilngries sucht ehrenamtliche Lehrer*innen. Glaubst du, ich kann das?" "Klar kannst du das", ermutigte mich Anna wie bei vielem anderem, bei dem ich erst einmal unsicher war. Anna wurde gerade in der Betreuung der Geflüchteten zu meiner "töchterlichen" Beraterin. Durch ihr Studium hatte sie das erforderliche Know How. Und auch ihr machte es große Freude, sich in der Integrationsarbeit einzubringen. Gemeinsam haben wir mit den Geflüchteten gelebt, gekämpft, gesiegt und leider auch immer wieder verloren.


Zahlreiche leckere Essen in den Unterkünften, gemeinsame Auftritte wie eine deutsch-afghanische Gesangseinlage bei einem Fest, sowie unzählige Volleyballspiele mit den Jungs aus Afghanistan schweißen uns zusammen.


Der Beginn meiner Krankheit

Ja, und dann saß ich am 26. Mai 2018 auf der Treppe vor unserem Haus. Es war Samstag und ich kam gerade vom Kleidung kaufen. Am Tag zuvor hatte ich einen Hubbel in meiner Brust entdeckt und mir war schnell klar: Das ist Krebs.


Mein Kopf war aber überhaupt noch nicht so weit, dass ich es ihr hätte sagen können. Ich muss das immer alles erst mit mir selbst ausmachen. Zudem will ich auch niemanden unnötig belasten. Immerhin hatte ich ja auch noch keine letztendliche Bestätigung durch einen Arzt. So fragte ich Anna nur: "Hast du Lust mich mit den neuen Klamotten zu fotografieren? Dann sehe ich besser, ob ich sie auch behalte." Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich noch Fotos von mir wollte, da ich nicht wusste, ob es noch so viele Gelegenheiten dazu geben würde.


Anna ist eine klasse Fotografin. Sie hat ein natürliches Gespür, schöne Momente und Motive einzufangen. Viele der Fotos in diesem Blog stammen von ihr.


Doch jetzt hatten wir erst einmal Lust gemeinsam vor der Linse zu stehen. Ich hatte mir nämlich zwei gleiche lila T-Shirts zur Auswahl mitgenommen, weil mir wie so oft nicht klar war, ob ich eher M oder L nehmen sollte. Anna zog das kleinere an und schon modelten wir mit zwei Spiegeln in der Hand los. Scheinbar ganz unbeschwert. Dabei war mir eigentlich gar nicht unbedingt so nach Lachen zumute. Trug ich doch bereits diese Vorahnung der Krebserkrankung in mir. Die brombeerfarbigen T-Shirts nahm ich übrigens beide nicht.


Annas Frohnatur kann man sich überhaupt nicht entziehen. Und so entstehen hier noch einmal total witzige Spiegel-Bilder.


Die Diagnose bestätigte sich tatsächlich ein paar Tage später. Schließlich musste ich es auch Anna sagen, die inzwischen wieder in ihre aktuelle Heimat Bremen zurückgekehrt war. Tja, und dann kam das, was ich noch zig male von ihr zu hören bekam: "Ich möchte bitte immer gleich informiert werden. Auch wenn es etwas Unangenehmes ist. Ich halte das schon aus. Mich nervt es, wenn ich davon erst so spät erfahre. Ich will von Anfang an Bescheid wissen." Klare Ansage, aber dennoch immer wieder schwer für mich umzusetzen.


Anna bewahrte sich einen klaren Kopf, auch in schwierigen Situationen


Anna war dann auch diejenige, die sofort ein Buch über Brustkrebs gekauft hat und sich in die Therapieformen eingelesen hat. Ein Stück weit übernahm sie nun fast die Mutterrolle. Ich war nämlich schon immer wieder mal etwas lockerer drauf. Sie sagte mir dann streng: "Mama, kläre das bitte ab. Immerhin hast du eine lebensbedrohliche Krankheit!"


So trug sie mich durch dick und dünn. Sie verlor nie den Kopf, war immer sachlich und konstruktiv. Intensiv in Erinnerung blieb mir, wie sie mich in meinen schwierigsten Momenten meiner Therapie unterstützt hat. Das war zum einen, als wir während meiner Therapiepause einen Trip nach Italien machten. Ich spürte, mein Tumor wurde nicht kleiner. Ich hatte Angst, dass die Chemo nicht wirkte. Genauso souverän holte sie mich nach meiner Operation Weihnachten 2018 aus meiner Gedankenwelt ab. Ich hatte ohne jegliche Erklärung einen Arztbrief bei der Entlassung ausgehändigt bekommen, in dem alles andere als Erfreuliches stand. Auch hier reagierte sie sehr überlegt und übersetzte für mich die neuen, unbekannten Diagnosen und Begrifflichkeiten. Ja, sie war mein Kopf, wenn meiner blockiert war.


Annas sonniges Gemüt besser als so manche Therapie


Und sie war auch meine Unterhalterin. Regelmäßig rief sie an, scherzte mit mir und baute mich durch ihre gute Laune auf. Sie war es auch die meinte, sie wundere sich gerade bei mir, dass ich nicht öfters auch in Beilngries mit Glatze herumliefe. Ich wäre doch sonst so couragiert. Dabei setzte sie dann meine Perücke und auch eine alte Brille von mir auf und wir lachten über unser Aussehen um die Wette.

Auch Anna steht meine Perücke!


Tja und dann während unseres gemeinsamen Urlaubs in Italien, fern von der Heimat, da genoss ich es dann tatsächlich sehr bei der Hitze "oben ohne" herumzulaufen. Da konnte ich schließlich meine Mitbürger*innen nicht verunsichern.


Limonecello und Eis bei der Amalfiküste lassen unsere Herzen höher schlagen.

Ausgelassen, voller Lebensfreude auf dem Vesuv.


Es gab aber auch schwierigere Phasen. Gerade als ich spürte: Mein Tumor wird nicht kleiner.



Ein Jahr später für uns beide Paris angesagt. Meine Chemo hatte ich kurz vorher beendet. Wunderbare Fotos sprechen mehr als tausend Worte.





Fern von der Heimat ist es um einiges leichter, ungeniert zu tun und zu lassen, wozu man Lust hat: Einfach leben.


Anna stärkte immens mein Selbstbewusstsein


Anna war es übrigens auch, die meine Bedenken immer wieder zerstreute, mir Mut machte, wenn ich mir mal wieder unsicher war, wie etwas wohl so bei den Leuten ankommen könnte. Ohne sie hätte ich vermutlich diesen Blog nie angefangen. Sie richtete alles ein, korrigierte meine Texte und war meine Notfallpolizei, wenn ich um technische Hilfe rief. Ihr grünes Licht zu einem Beitrag gab mir die Sicherheit: Jetzt passt es. Ich kann ihn freischalten.


So würde ich jetzt mal sagen, sie war diejenige, die mich am intensivsten durch diese Krankheit begleitet hat. Natürlich waren da auch ganz viele andere Menschen wie mein Mann, meine Söhne, meine Schwester, Verwandte, Freund*innen und Bekannte. Jeder hat mich auf seine Weise unterstützt. Nie aufdringlich, sondern immer total natürlich. Mir tat es einfach gut, durch so viele Menschen abgesichert zu sein. Ich konnte ja gar nicht tief fallen, war ich doch umgeben von einem wunderbaren Netz aus total aufmerksamen Menschen.


In die Freiheit entlassen


Für mich war allerdings irgendwann klar, ich will einen Schlussstrich unter die Krankheit setzen. Dies tat ich ganz bewusst auf meiner Kur im Februar 2020: Fast zwei Jahre nach Beginn meiner Erkrankung. Warum?


Weil ich ganz klar meine vielen Freunde, meine Familie und vor allem Anna wieder aus ihrer Rolle als für mich "Mitsorgende" entlassen wollte.


Überhaupt ist es mir wichtig, dass ich von niemandem abhängig bin oder ich jemand von mir abhängig mache. Freundschaft, aber auch Beziehungen in der Familie sollten immer durch Geben und Nehmen gekennzeichnet sein. Dabei geht es nie um eine saubere eins zu eins Rechnung. In der Regel brauchen Kinder anfangs eher mehr Hilfe, später geben sie meist wieder viel zurück. Ich würde eine "Wiedergutmachung" jedoch nie von ihnen erwarten. Dennoch freue ich mich sehr, dass dies in unserer Familie mittlerweile über vier Generationen hinweg in einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit geschieht.


Ein wunderbares Geschenk


Und so wünsche ich mir, dass auch dieses Geschenk, eine gute Beziehung zur Tochter zu haben, noch lange anhält und wir noch so manches Abenteuer gemeinsam erleben können.





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