Mein Coming out ... oder ein bisschen Spaß muss sein

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Beim Durchschauen meiner Schatzkiste fällt mir wieder die Karte vom Kreisverband des Gartenbauvereins in die Hand. Auf dieser hat auch Landrat Anton Knapp unterschrieben. Viele Begegnungen mit ihm kommen mir in den Kopf. Die meisten waren offizielle Anlässe - wie Abiturfeiern, Veranstaltungen am Beilngrieser Gymnasium oder zuletzt, als ich die Laudatio für das Symphonischen Blasorchester halten durfte.


Kultur- und Förderpreis für das symphonische Blasorchester unter der Leitung von Hans Haas mit Landrat Anton Knapp und dem 2. Bürgermeister Anton Grad

Ich stelle mir Landrat Anton Knapp bildlich vor. Dabei muss ich lächeln. Jetzt haben wir etwas gemeinsam: Wir beide haben keine Haare. Da kommt mir die Idee: „Wenn er mir einmal persönlich begegnen sollte, möchte ich unbedingt mit ihm ein Foto machen.“


Am nächsten Tag ist es dann bereits so weit. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber mal von vorne:


Alles begann mit einem Volleyball-Turnier ...


Es ist Samstag, 21. Juli, und wir haben in Zandt ein Volleyball-Turnier. Eigentlich wäre es ein Rasenturnier, aber es regnet und wir sind daher in der Halle in Denkendorf. Ich habe mir kurz vorher noch schnell eine Mütze schicken lassen. Die Perücke hält beim Spielen keine 5 Minuten. Vorsichtshalber ist Tatiane mitgefahren. Sie kommt aus Brasilien und spielt in unserer Kolping Volleyballmannschaft mit. Eine Frau ist bei dem Turnier nämlich Pflicht und als ich zusagte, wusste ich ja noch nicht, wie es mir bis dahin aufgrund der Chemo geht und ob ich ein ganzes Turnier durchspielen kann. Aber die Bedenken waren unbegründet. Ich fühle mich sehr gut und das Spielen macht mir viel Spaß.




In den Pausen ergeben sich viele gute Gespräche über meine Erfahrungen mit den afghanischen Geflüchteten, aber natürlich auch über meine Krankheit. Viele Spieler/innen der anderen Mannschaften haben anfangs gar nicht gemerkt, dass ich nicht gesund bin. In Volleyball kann man schon mal mit eigenartigen Kopfbedeckungen spielen. Aber in der Frauenumkleide ist es offensichtlich. Dort nehme ich meine Mütze ab. Ein Anliegen ist mir ja auch immer, Frauen auf diese heimtückische und noch dazu sehr häufige Krankheit zu sensibilisieren. Ich erzähle dabei immer ganz offen meine Krankheitsgeschichte. Wen es genauer interessiert, zeige ich auch schon einmal den Hubbel auf meiner Brust oder lasse ihn sogar ertasten. Natürlich möchte ich niemandem dabei Angst machen. Vor allem nicht, wenn die Frauen so jung sind wie die Volleyballspielerinnen hier. Auch wenn bereits jüngere Frauen betroffen sein können, ist es doch eher ein Thema für die Frauen um die 50 Jahre. Man sollte allerdings in allen Altersstufen trainieren, achtsam mit sich umzugehen.


Überraschung bei der Siegerehrung im Festzelt


Abends ist anlässlich des 70 jährigen Bestehens des VfB Zandt ein Festakt im Zelt. Dort soll auch die Siegerehrung stattfinden.


Unsere Volleyballmannschaft United Beilngries wartet bereits im Zelt darauf, dass es endlich losgeht. Da betritt ein attraktiver Mann ohne Haare das Festzelt. Anton Knapp, unser Landrat ist gekommen. Ich schaue sofort weg. Oh Gott! Ich hatte mir ja vorgenommen, mit ihm ein gemeinsames Foto ohne Haare zu machen. Das ist jetzt aber schon noch sehr früh! Immerhin habe ich mir ja erst drei Tage vorher die Haare abrasieren lassen. Es ist ja selbst für mich noch alles neu. Ich muss immer noch zweimal hinschauen, wenn ich am Spiegel vorbeilaufe. Der Anblick ohne Haare ist auch für mich noch sehr gewöhnungsbedürftig.


Allerdings, kenne ich mich. Wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, dann ziehe ich es normalerweise durch.


Aber jetzt "schau ma' erst mal", wie es sich entwickelt. So stehe ich noch ganz brav mit meiner Perücke bekleidet im Festzelt zwischen den afghanischen Jungs und harre der Dinge.


Der Landrat spricht immer noch mit dem Vorstand des VfB Zandt. Doch nun entdeckt er mich und kommt tatsächlich gleich strahlend auf mich zu. Er sei durch ein Versehen eine Stunde zu früh da. Er habe danach noch einige Termine, müsse daher auch früher wieder weg. Aber jetzt freue er sich erst einmal, dass er dadurch Zeit habe, mit mir Kaffee zu trinken. Das finde ich total nett von ihm. Es ermutigt mich, ihn gleich mit meiner Bitte zu überfallen. "Können Sie sich vorstellen, mit mir ein Foto zu machen? Sozusagen im Partnerlook?" Er muss darüber lachen und hat natürlich nichts dagegen.

Und so nehme ich mitten im Zelt meine Perücke ab und freue mich wie ein Schnitzel über diese spannende Situation.


Keine Haare! Das sichtbare Zeichen, dass ich krank bin! Nun ist es offensichtlich und in diesem Moment auch wirklich öffentlich. Wir stehen schließlich mitten in einem Festzelt! Ich achte dabei bewusst nicht auf Blicke, die mich mit Sicherheit mustern. Die Situation ist ja schon ein bisschen verrückt, ich weiß das. Aber normal sein kann jeder. Und irgendwie will ich meine kleine Narrenfreiheit als Kranke auch ein bisschen auskosten😊.


... und so bitte ich Bilal, einen unserer Volleyballspieler, ein paar Fotos von uns zu machen.



Beim Kaffee-Trinken rede ich mit Anton Knapp noch darüber, wie es ihm so ging, als er seine Haare bereits in jungen Jahren verlor. Klar, als Mann ist das vielleicht auch etwas einfacher als als Frau. Er hatte selbst nie große Probleme damit. Es ist ein sehr offenes und ehrliches Gespräch. Ich mag so etwas total gerne.


Und die Jungs staunen und beobachten uns beim Kaffee-Trinken.


Nach dem Spiel im Festzelt: Tatiane mit ihrem Mann Fernando, Andreas, Bilal und Ali

Ali, ein junger Afghane, der seit einem Jahr eine Friseurlehre macht, meint hinterher lachend zu mir: „Ich wusste, dass du auch ohne Haare schön bist. Aber jetzt weiß ich, du bist sogar wunderschön!“


Ich lasse das jetzt einfach so stehen. Freue mich daran, dass ich wohl auch ohne Haare die Menschen nicht entsetze ... und dennoch setze ich nach einiger Zeit doch meine Perücke wieder auf. Ich will hier keinen überfordern.


Trotzdem freue ich mich immer noch über diese etwas verrückte Aktion: Denn die netten Bilder mit dem Landrat zaubern mir heute noch ein Lächeln auf meine Lippen.




P.S.: Wie tolerant sollte man sein?


Ich finde es schön, dass Anton Knapp sich auf mein Anliegen eingelassen hat und mir auch erlaubt hat, diese Bilder zu zeigen.


Dennoch habe ich mir lange überlegt, ob ich diesen Beitrag auch veröffentliche. Einfach weil die ganze Geschichte schon ein bisschen crazy ist - was denken sich dabei die Leute? Wie kommt das bei anderen an?


Das Thema Toleranz kommt mir in den Sinn. Wie weit sollte man Leute, die vielleicht anders sind, anders denken, einfach so sein lassen, wie sie sind? Vor allem solange sie keinem dabei schaden. Wir Menschen sind nun mal verschieden in dem, was uns gefällt oder was für unser Denken als "in Ordnung" einzustufen ist. Dabei wird unsere Welt immer bunter. Ich staune oft selbst, was es so alles gibt: Frauen mit blauen Haaren, gleichgeschlechtliche Paare, die händchenhaltend durch die Straßen ziehen, Menschen, die sich für mich ungewöhnlich verhalten. Es kann sein, dass ich im erstem Moment denke, das ist ja komisch ... Vielleicht, weil es meine seit Jahren festgelegte "Weltordnung" durcheinanderrüttelt. "Darf das sein?", frage ich mich dann erst einmal. Eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen und dann eventuell auch über Bord zu werfen, ist meist etwas unbequem. Schließlich muss man sich ja dabei eingestehen, dass man vielleicht über Jahre hinweg Irrwege gelaufen ist. Wobei das ja nicht unbedingt etwas Tragisches sein muss. Es ist ja ganz normal, dass man in eine bestimmte Familie oder auch Gesellschaft hineingeboren wurde und deren Werte und Vorstellungen übernommen hat. Diese waren vielleicht in einem bestimmten Zeitabschnitt auch sinnvoll. Durch Internet, aber auch durch verstärkte Migrationsbewegungen in den letzten Jahren vernetzt sich die Welt immer mehr. Neue Kulturen, Handlungen und Denkweisen kommen hinzu. Leben wird komplexer und auch schnelllebiger. Hier den Überblick zu bewahren und alles mit seinem eigenen Wertesystem in Einklang zu bringen, kann einen schon mal ganz schön herausfordern. Manchmal muss man etwas einfach auch mal nur so stehen lassen, wie es eben ist.


Ich mute mir zu, von "Anders-Denkenden" zu lernen, tolerant zu sein oder auch einfach nur zu staunen.

Genau so darf auch ich anderen Menschen zumuten, meine Eigenwilligkeiten auszuhalten, mit mir tolerant zu sein, an mir zu lernen, vielleicht zu staunen ... oder etwa auch einfach nur über mich zu lachen. Und Lachen hält bekanntlich sogar gesund! 😃


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