Geburtstagsüberraschung 🎂

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Das Licht in der Sporthalle geht aus. Verwundert blicke ich zur Tür. Ich glaube ich träume. Was geht hier denn ab? Völlig verblüfft beobachte ich, wie eine Schar junger Männer mit einer Torte in der Hand und "Happy Birthday"-singend auf mich zukommen. Ein Wahnsinnsmoment.



Ich bin total überwältigt. Damit habe ich im Leben nicht gerechnet. Ich habe überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass ich ja zwei Tage vorher Geburtstag hatte. Ich hatte zwar bemerkt, dass die Jungs ewig vor der Halle standen und komischerweise nicht hoch kamen. Aber in Sachen Pünktlichkeit bin ich mittlerweile sehr gelassen und habe mir wenig dabei gedacht.


Und nun stehe ich da und blicke auf die singenden Jungs. Ein Schwall an Gefühlen bricht über mich herein. Keine Ahnung wie ich nun reagieren soll. Auf der einen Seite bin ich so bewegt über diese Geste, dass mir die Tränen kommen könnten. Aber ich merke: Das passt jetzt überhaupt nicht zu den strahlenden Gesichter der munteren Gruppe, die sich auf mich zubewegt. So entscheide ich mich intuitiv, mich dieser faszinierenden Atmosphäre anzuschließen und strahle einfach mit.


Mittlerweile sind die Volleyballer bei mir angelangt. Omid hält die Torte mit den brennenden Kerzen vor mich hin. Immer noch total ergriffen, finde ich kaum Worte. Muss ich auch nicht. Die Jungs überschütten mich mit wohlwollenden Dankesworten. Ich kann gar nicht alles aufnehmen, mein Gehirn scheint wie blockiert.




Manche Jungs kreisen mit ihren Handys um uns herum, machen Fotos und Videos, die sie mir später als Erinnerung schicken. Ein Gruppenfoto ist natürlich obligatorisch.





Und dann ein Moment, der zeigt, dass wir ein Team sind: Gemeinsam die Kerzen auspusten!




Und wieder euphorischer Applaus!





Natürlich darf ich die Torte dann auch noch anschneiden. Auch dieser Moment wird fotografisch festgehalten:




Dazu gibt es sogar noch ein kleines Filmchen:




Allerdings verspeisen wir dieses Prunkstück dann erst nach dem Spiel gemeinsam. Auch wenn das Sprichwort: "Erst die Arbeit, dann das Spiel" hier nicht so ganz passen will. Aber mit so viel Kuchen im Bauch lässt es sich einfach nicht mehr so gut springen.


Schließlich verteilt Anna nach dem Spiel die leckeren Stücke der Bananentorte. Diese hat die Frau von Omid gebacken. Sie hat da echt Talent. Wir kamen schon öfters in den Genuss ihrer Kochkünste.




Zu Hause lass ich das Ganze noch nachklingen. Schaue mir die Bilder an, die mir die Jungs nach und nach noch zuschicken.



Akzeptanz als Trainerin


Ich bin sehr glücklich über diese starke Aktion der Jungs. Merke, dass der hohe Einsatz für jeden einzelnen in der Gruppe sich vielleicht doch bewährt hat. Ich scheine als Trainerin akzeptiert zu sein. Das tut gut. Denn dieser Job ist nämlich nicht immer nur ein "Zuckerschlecken". Vor allem, wenn es darum geht, wer bei welchem Turnier spielen darf, treten schon auch mal Unstimmigkeiten auf. Da ist manchmal hohe Diplomatie gefragt.



Gegenseitige Wertschätzung


Über den Sport hinaus, liegt mir jeder auch hinsichtlich seines Bleiberechts sehr am Herzen. Über drei Jahre sind es mittlerweile, die ich mit so manchem durch Höhen und Tiefen gegangen bin. Freundschaften haben sich entwickelt. Gemeinsam im Team haben wir schon so manche Schlacht geschlagen. Die Zusammenarbeit mit den Jungs ist auch die einzige ehrenamtliche Beschäftigung, die ich während der Chemo durchgehend aufrecht erhalten habe. Ich erachte sie momentan auch als die für mich sinnvollste und effektivste Tätigkeit. Mit ganz wenig kann man hier viel erreichen. Mein Ziel ist es, die Jungs stark zu machen für ein Dasein in Deutschland oder wo auch immer sie später einmal leben werden.


Und jetzt passiert dies gerade in umgekehrter Weise. Die Jungs machen mich stark durch ihre Wertschätzung, die sie mir über diese beeindruckende Aktion aktiv zeigen. Und meine Psyche kann dies gerade in dieser schwierigen Zeit besonders gut gebrauchen. Ich muss all die Wohltaten aufsaugen wie ein Schwamm, damit ich mir meine Lebenslust bewahren kann. Ich weiß, es können immer schwere Zeiten kommen. Solch schöne Erlebnisse bauen auf und helfen über vielleicht noch kommende Durststrecken hinweg. Sie ermuntern mich weiter zu kämpfen. Sie zeigen mir: Auch andere schätzen, dass ich da bin.



Sport als wichtiger Therapiefaktor


Aber nicht nur dieses schöne Ereignis heute ist ganz wichtig für mich. Nein, eigentlich hat mir meine Volleyballgruppe "United Beilngries" die ganze Zeit über Halt gegeben. Ich hatte ein sinnvolle Aufgabe und profitierte dabei ganz viel davon. Denn ich bekam darüber viel Energie und Lebensfreude. Sport an sich ist ja eine von den drei Säulen, die empfohlen wird, damit man bei Krebs gesund bzw. nicht mehr krank wird. Beim Sport und gerade in einer Mannschaftssportart, werden sehr viel Endorphine ausgeschüttet. So geht es mir nach jedem Training stimmungsmäßig auf jeden Fall immer besser als vorher. Ehrlich gesagt, vergesse ich beim Volleyballspielen jegliche körperlichen Schmerzen und auch Sorgen um mich herum.


Deswegen war ich ja auch überglücklich, als ich zum ersten Mal nach meiner fünf-wöchigen Pause nach der Operation wieder im Feld stehen konnte und merkte: Es funktioniert immer noch trotz Wassereinlagerungen in der Brust und Beschwerden mit der Achsel. Es ist schon erstaunlich, dass mein Körper sogar mit Chemo in der Lage ist, mit so vielen jungen Leuten Volleyball zu spielen. Und das nun auch mit meinen 55 Jahren. Dafür bin ich mehr als dankbar!



Ehrenamt


Dass die Jungs mein Engagement anerkennen, finde ich sehr bemerkenswert. In ihren Ländern hilft man sich vor allem in den großen Familiennetzwerken aus - ehrenamtliche Tätigkeit, wie es sie bei uns gibt, ist dort nicht unbedingt üblich. Dies führte vor allem in den Anfängen der "Flüchtlingshilfe" manchmal zu einigen Missverständnissen. Vor allem weil die Neuankömmlinge dachten, wir Ehrenamtliche werden für diesen Job ja bezahlt. So legten einige so manche Forderung oder auch Erwartungshaltungen an uns an den Tag.


Aber mittlerweile ist die ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten eh viel weniger geworden: Vieles regelt mittlerweile der Staat. Und dennoch: Das respektvolle Miteinander muss von Menschen zu Mensch kommen. Dies ist die Basis für jede Integration. Und zwar von beiden Seiten. Daher freue ich mich umso mehr, dass ich diese Wertschätzung nun in so hohem Maß zurückbekomme.



Perlen sammeln


Dieser besondere Volleyballabend wird für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen bekommen. Dort sammle ich solche aufbauenden Momente, so wie ich die Aufmerksamkeiten und Briefe in meiner Schatzkiste aufbewahre.


In meine Schatzkiste im Esszimmer kommt dann auch die Karte mit den fast schon künstlerischen Unterschriften der Geflüchteten. Ihr Wunsch darauf lautet: "Gesundheit, Glück und Wohlergehen, daran soll's im nächsten Jahr nicht fehlen!"





Diesen Spruch will ich gerne für mich im kommenden Lebensjahr in Anspruch nehmen! Und da "Gesundheit, Glück und Wohlergehen" ja nicht von alleine kommen, werde ich weiterhin Sport treiben ... und dies am liebsten mit meinen afghanischen Volleyballern!


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