Freunde tragen, wenn das Laufen mal schwer fällt

Aktualisiert: 5. März 2020

Am Ende meiner Behandlungszeit ist es mir ein Bedürfnis, mich noch einmal bewusst bei meinen Wegbegleitern zu bedanken. Denn eines ist mir klar geworden: Wahre Freunde erkennt man vor allem, wenn es einem nicht so gut geht.


Doch wann ist ein geeigneter Zeitpunkt, einmal ein paar Freunde einzuladen? Wie nenne ich das Ganze? Dankbarkeitsfest? Zu groß möchte ich es ja eigentlich nicht machen. Mich auch nicht unbedingt in den Mittelpunkt dabei stellen. So zögere ich das Ganze noch hinaus. Aber je klarer mir wird, dass ich vielleicht tatsächlich geheilt sein könnte, um so wichtiger wird es mir, dies auch zu feiern. Ja, das ist es doch: „Das Leben feiern". Dazu könnte man einladen. Geburtstag kann jeder 😉. Aber wer hat schon Grund, nach intensiver medizinischer Behandlung seine Rückkehr ins normale Leben zu feiern?


Zudem hätte ich dann noch einen klaren Abschluss auch für meine Freunde. Ich möchte sie ein bisschen aus ihrer liebevollen „Fürsorge" entlassen. Auch wenn man bei einer Krebserkrankung nicht unbedingt von einem klaren Abschluss sprechen kann.


Doch wen nun einladen? Gibt es doch so viele Menschen, die mir total nahe stehen und die sich während meiner kompletten Behandlungszeit immer wieder nach mir erkundigt haben. Mein Mann Georg meint noch: Die Freunde aus verschiedenen Gruppen sollte ich besser nicht mischen. Sonst fühlen sich die Mensch nicht wohl. Tausend Gedanken, was ich dabei alles falsch machen kann, kommen mir in den Kopf. Ich weiß ja auch, dass man immer jemanden vergessen kann, der vielleicht gerne gekommen wäre. Aber nur, wer gar nichts macht, macht auch keine Fehler. Oder vielleicht: Man macht dann sogar noch einen größeren. Denn man bringt sich um viel Schönes im Leben.



Kaffee trinken im Forsthaus


So freue ich mich, dass ich an einem Donnerstag- und einem Dienstagnachmittag ein paar meiner Wegbegleiter als Gäste begrüßen kann.


"Nein, die Kerzchen sind nicht aus Marzipan." Gerade noch kann ich eine Freundin vorm Reinbeißen warnen!

Die Bedenken von meinem Mann waren dabei unbegründet: Schnell werden meine Gäste miteinander warm, haben keinerlei Berührungsängste. Die Themen sind breitgefächert. Ich lasse die Gespräche erst einmal laufen. Irgendwann stelle ich meine Freunde vor. Beschreibe, wie ich die einzelnen Personen kennengelernt habe und wie ich sie im Zusammenhang mit meiner Erkrankung erlebt habe.


Im Erzählen wird mir dann auch erst einiges bewusst. Vor allem wie lange ich viele bereits kenne. Manche waren bereits vor 34 Jahren auf unserer Hochzeit. Andere kenne ich seit der Kindergarten- und Schulzeit unserer Kinder. Und manche relativ neu durch die Flüchtlingshilfe.


Viele meiner Freunde habe ich durch die Krankheit auf eine ganz neue Art kennenlernen dürfen. Sie haben regelmäßig angerufen oder per WhatsApp geschrieben und sich nach meinem Befinden erkundigt. Ausführliche Briefe und Karten empfand ich als besonders aufmerksam. Eine Person hat auch regelmäßig persönlich bei mir vorbeigeschaut, wenn sie an unserem Haus vorbei gefahren ist. Mit wieder einer anderen bin ich gerade am Anfang immer wieder mal gewalkt und hatte neben der sportlichen Bewegung auch einen kommunikativen Austausch. Eine Freundin wurde mir vor allem durch ihre positiven Mails zu meinem Blog sehr wichtig. Gerade am Anfang war ich schon sehr unsicher, ob ich öffentlich schreiben sollte. Ich fragte mich: Interessiert das überhaupt jemanden, was ich so erlebe, denke und fühle?



Hatte ich eigentlich auch negative Erlebnisse mit meinen Bekannten durch die Krankheit?


Im Forum der Frauenselbsthilfe nach Krebs erzählen immer wieder Frauen, dass sich Menschen durch die Erkrankung von ihnen zurückgezogen hätten. Aber auf „solche Freunde" könnten sie eh verzichten. Ich kann das von meinen Bekannten und Freunden überhaupt nicht sagen. Ich habe ausschließlich positive Erlebnisse im Umgang mit meinen Wegbegleitern. Jeder war - auf seine Art stimmig - mehr oder auch weniger für mich da. Total unaufdringlich, unkompliziert, herzlich. Einfach wohltuend.


Aber selbst wenn jemand zu mir Abstand genommen hätte, dann hätte ich das einfach so stehen gelassen. Nicht be- oder gar verurteilt. Es muss sich doch keiner mit etwas auseinandersetzen, das ihn überfordert. Ich mag es auch gar nicht, wenn jemand wegen mir ein sogenanntes „Opfer" bringt. Wenn jemand etwas gerne für mich tut, darf er es mit Freude tun. Aber bitte nicht, wenn ihn das belastet.


Menschen sein zu lassen, wie sie sind: Das ist sicherlich eine Kunst. Dennoch ist es aber auch besonders unter Freunden wichtig, dem anderen auch mal etwas zu sagen, was ihm vielleicht im ersten Moment nicht so passt. Ich sehe es sogar fast als Pflicht, wenn man ihn dadurch vielleicht vor Schaden bewahren kann. Es kann dabei allerdings auch passieren, dass der andere nicht versteht, was mann eigentlich will. Oftmals fühlt sich das Gegenüber dann angegriffen und ist erst einmal verletzt. Aber gute Freunde sollten soweit Vertrauen zueinander aufgebaut haben, dass man davon ausgehen kann: Der andere will mir sicher nichts Schlechtes.


Authentisch sein dürfen


Freunde können einen schon auch fordern. Gefordert habe ich meine Freunde auch. Vor allem die Volleyballer habe ich am Anfang sicherlich etwas geschockt, als ich ihnen meine Diagnose nach einem Volleyballspiel beim Griechen verkündete. Ich habe da vermutlich auch eine Art gewählt, mit der nicht jeder umgehen kann. Aber Freunde sollten auch etwas aushalten können. Meine machen das 😉. Sonst wären sie wohl nicht mehr bei mir. Ich will mich vor Freunden auf jeden Fall nicht verstellen müssen. Will echt sein. Und ich möchte umgekehrt, dass meine Freunde dies mir gegenüber auch sind. Authentisch und ehrlich. Natürlich ist manchmal auch Fingerspitzengefühl angesagt. Aber mir ist es prinzipiell schon sehr wichtig, dass mich jemand korrigiert, wenn ich mal total daneben liege. Ich mag das gar nicht, wenn man mir einfach nur unreflektiert nach dem Mund redet. Ich lerne ja gerne dazu und bin daher dankbar, wenn mich jemand auf eine falsche Sichtweise aufmerksam macht. Und das praktizieren meine Gäste dann auch alle beim gemeinsamen Kaffee trinken fast wie aus einem Munde.


Ich erzähle nämlich freudestrahlend: „Die Krankheit war so etwas wie eine willkommene Abwechslung für mich." Da kommt spontaner Protest von allen Seiten. Ok, sie sollen ja Recht haben. Zumindest das "willkommen" hätte ich mir sparen können. Aber ich würde mal sagen: „Liebe Freunde, gut aufgepasst, schnell reflektiert und vor allem reagiert!👍 "



Lachen, aber auch ernstere Themen: Beides hat seinen Platz beim Kaffeeklatsch


Mit der Zeit werden die Gespräche immer tiefgehender. Ich mag das ja. Wir sprechen darüber, was im Leben wirklich trägt. Dass wir Menschen uns aus verschiedenen Gründen oft selbst versklaven, weil wir in der Gesellschaft mithalten wollen. Wie sich junge Leute oft bereits sehr früh hoch verschulden. Manchmal bauen sie ein riesengroßes Haus, was sie ein Leben lang abzahlen müssen. Der Preis dafür ist aber noch gewaltig höher als das eigentliche Geld, das sie ausgegeben haben: Ängste, oft weniger Zeit mit Freunden und Familie und dadurch eigentlich eine Einschränkung der Lebensqualität. Schließlich muss man das Geld für den erkauften Status ja oft hart erarbeiten.


Ein Gesprächsfaden ist auch, dass man bewusster lebt, wenn man etwas Lebensbedrohliches erlebt hat. Viele Bagatellen werden dann nicht mehr so wichtig genommen. Auch dieser Tipp wurde ausgesprochen: Man solle sich mit Leuten umgeben, die einem gut tun. Menschen, die einen leer saugen, sollte man besser meiden. Vor allem, wenn man eh bereits selbst angeschlagen ist. Zudem bekam ich den Rat, mich auf der Reha nicht wieder gleich von jemandem vereinnahmen zu lassen. Gerade dort seien viele Menschen, die noch ihre Probleme aufarbeiten müssen. Ich solle mich dort vor allem erst einmal um mich selbst kümmern.


Auf das wäre ich wahrscheinlich gar nicht gekommen. Denn meine Freunde teilen mir auch mit: Ich sei schon so eine Art „Kümmerin". Oh, ich schlucke! Das ist ja der Begriff, den ich im Zusammenhang mit der Betreuung der Geflüchteten zum ersten Mal hörte. Eigentlich mag ich ihn eher nicht so. Aber nun habe ich ihn in letzter Zeit schon zum wiederholten Male gehört. Falle ich tatsächlich in diese Kategorie? Darüber werde ich wohl nachdenken müssen. Meine Freunde haben mir mal wieder einen Spiegel vorgehalten und mich hierauf aufmerksam gemacht. Gut so.



Reich beschenkt


Am Ende packe ich mit einem Lächeln im Gesicht noch die Mitbringsel aus. Oh, wie sind meine Gäste doch kreativ. Viel Symbolik steckt in den Geschenken. Meine Freunde scheinen mich gut zu kennen und haben sich sehr viel Mühe gemacht:




Da ist zum einen ein Wanderstab mit einer echten Jakobsmuschel darin: Ein Symbol, dass ich meinen weiteren Weg unter Gottes Segen gehen darf. Meine Freundin hat noch ein kleines Spülmittel mit dem aussagekräftigen Namen "fit" dazu gesteckt. Sie war gerade beim Abspülen, als ich ihr am Telefon von meiner Erkrankung berichtete. Das war anscheinend ein einprägsamer Moment für sie.


Was braucht man noch um gut durchs Leben zu kommen?


Ich auf jeden Fall Schokolade. Süßes geht bei mir immer und hebt meine Stimmung. Das kann natürlich auch Alkohol. Daher bekomme ich zudem eine Flaschen Sekt zum Feiern und Anstoßen. Das Herz einer Frau erreichen immer Blumen. In diesem Fall sind es wunderschöne Tulpen. Auch hier kann man eine stimmige Symbolik entdecken: Denn nach einem tristen Winter spitzen jedes Jahr die Frühlingsblüher wie von selbst aus der noch braunen Gartenerde wieder hervor und bringen bunte Farbkleckse ins Leben.


Und was könnte noch fehlen zum Glück?


Natürlich Nahrung für die Seele: In Form eines Buches. Notizbücher zum Niederschreiben meiner Gedanken. Limoncello als Erinnerung an einen meiner schönsten Urlaube, den ich mit Anna während der Chemo-Phase in Italien verbrachte. Zudem kann man nach dem Leeren des leckeren Zitronenlikörs noch eine stimmungsvolle Deko aus der Flasche machen.



Der Spruch auf dem Büchlein für persönliche Notizen wird Aristoteles zugeschrieben. Der Philosoph wusste bereits vor mehr als 2300 Jahren, dass man äußere Bedingungen zwar oft nicht ändern kann, aber durch seine Haltung die Situation doch noch zum Besseren lenken kann.



Und um gesund zu bleiben, bekomme ich noch einen Korb mit vitaminreichem Obst. Darin sind zudem Bio-Trockenfrüchte, ein Granatapfel, der Glück verspricht, und wieder eine Blume für die Seele. Nicht zu vergessen: Die Tröten, die für gute Stimmung sorgen sollen. Sie werden laut Überbringerin auch Luftrüssel genannt. Noch nie gehört!




Nicht nur dieser Korb, sondern auch mein Herz ist übervoll. Ich fühle mich durch diese sinnreichen Produkte reich beschenkt. Vor allem macht mich aber glücklich, so klasse Freunde zu haben. Durch ihre ideenreichen Geschenke haben sie mir noch einmal vermittelt, dass ich ihnen nicht ganz egal bin. Eine Volleyballerin meinte schon einmal ganz leise nach einem Spiel in mein Ohr: „Es ist fei schön, dass du noch da bist." Okay! Klar, bin halt eine gute Volleyballerin 😜.




Noch eine kleine Anekdote zum Thema: Freunde tragen, wenn der Weg vielleicht besonders steinig ist:


Meine Freunde haben mich schon einmal getragen. Und da mussten sie wirklich ganz schön schleppen. Eine Schar Frauen aus Plankstetten war vor mehreren Jahrzehnten jedes Jahr beim Bergwandern. Einmal mussten wir am zweiten Tag über ein endlos erscheinendes Geröllfeld absteigen. Ich hatte ja bereits damals eine massive Arthrose im Sprunggelenk und dachte schon: „Ich komme da nie mehr heil runter." Ich war nicht die einzige, der dieser Abstieg sehr zusetzte - und so nahmen wir vor der Abfahrt zum Erholen noch einmal in einem Gasthaus Platz. Aber oje. Als wir wieder aufstanden, war mein Knöchel so dick angeschwollen, dass ich keinen Schritt mehr laufen konnte. Und was machten daraufhin meine rührigen Freundinnen? Richtig: Zwei nahmen sich bei den Händen und ließen mich darauf sitzen. Ich legte meine Arme um ihre Schultern und so trugen sie mich zum Auto. Mir war das damals mehr als peinlich. Denn sich helfen lassen, muss man auch erst einmal lernen.


Heute weiß ich also: Freunde tragen einen beherzt durchs Leben. Nicht jedem kann ich es persönlich sagen - doch ich hoffe jeder von Euch weiß: Ich bin dankbar für Eure vielen Hände, die mich mit durchs letzte Jahr gehoben haben.


Das ist also für Dich: Dankeschön, mein Freund! 💗



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