Ein Brief für mich!

Aktualisiert: 25. Okt. 2019


Ich bekomme eigentlich sehr selten Briefe. Selber nehme ich mir viel zu wenig Zeit, um anderen Menschen zu schreiben.

Peter Hecker, der Geschäftsführer vom Kreisverband des Gartenbauvereins Eichstätt und Irmi Schlamp, die zweite Vorsitzende, haben mir eine liebe „Gute Besserungskarte“ geschrieben. Unterzeichnet hat auch Landrat Anton Knapp.

Ich freue mich total darüber.



Meine Familie grinst mich an. Wow, vom Landrat persönlich bekommen sicher auch nicht viele Genesungswünsche.


Unabhängig aber davon, wer schreibt oder auch anruft: Warum genau freut man sich denn, wenn man so eine Aufmerksamkeit bekommt?


Wertschätzung als Mensch - egal aus welcher Kultur


Ich denke, jeder Mensch möchte in irgendeiner Weise einfach wahrgenommen werden als Person. Beachtet werden! Achtung und im besten Fall sogar Wertschätzung bekommen.


Als ich ein Volleyballteam mit Geflüchteten gründete, habe ich mir immer die Namen der Jungs aufgeschrieben, bzw. aufschreiben lassen. Einfach, weil diese für uns oft so kompliziert zu schreiben sind.

Diese Namen lernte ich regelrecht auswendig und vor jeder Volleyballstunde las ich mir die Namen alle noch einmal durch. Namen sind nämlich wirklich nicht meine Stärke.

So konnte ich jeden, der zur Tür hereinkam, mit seinem Namen und mit Handschlag begrüßen.


Nebenbei gesagt, war es - trotz muslimischer Religionsvorschriften - auch nie ein Problem, dass mir als Frau jemand nicht die Hand gereicht hätte. Sogar während des Ramadan: Wenn es für Muslime eigentlich noch strenger nicht erlaubt ist, Frauen die Hand zu reichen. Selbst dann kamen die jungen Männer immer freudestrahlend mit offener Hand auf mich zu: „Salam, Frau Ingrid!“


Auch während des Spiels motiviere ich immer personenbezogen mit Namen: „Ezad, klasse gemacht!“, „Morteza, weiter vor ans Netz!“, „Total stark, Firouz!“

Gerade für die Geflüchteten, die ich in Volleyball betreue, ist das Wahrnehmen ihrer Person besonders wichtig. Viele der jungen Männer waren in ihrem Land die Erstgeborenen und hatten somit von Haus aus einen gewissen Status. Aber auch Bildung und Beruf, vieles, was sie sich in ihrem Land erarbeitet hatten, mussten sie zurücklassen. Hier konnten sie sich nicht einmal verständlich machen. Sie bekamen zum Teil einen falsch geschriebenen Namen in den Pass gedruckt. Einfach, weil ein Beamter die Namen nur nach Aussprache in den Ausweis übertrug. Bilal wurde zu Balal. Murteza gibt es in den unterschiedlichsten Schreibweisen von Morteza bis Murtaza. Esmail, gibt es auch mit Ismail… So einen Namen später wieder zu ändern, ist ein enormer Aufwand.


Auch das Geburtsdatum stimmt nicht immer. Da es in Afghanistan und in manch anderen Ländern einen anderen Kalender gibt, konnten viele bei der Ausstellung des Passes das Geburtsdatum nicht umrechnen. So wurde das Geburtsdatum oft einheitlich einfach auf den 1.1. gelegt.


Mit dem Namen benannt zu werden, tut jedem gut.


„Möchten sie noch etwas, Frau Dütsch?“ Oh, die Metzgereiverkäuferin kennt mich? Sofort bin ich wacher. Woher kennt sie mich wohl? Mir ist ihr Gesicht total unbekannt. Aber irgendwie fühle ich mich auf einmal (an)erkannter und vertrauter.

Zu Hause lese ich den Namen der Verkäuferin auf dem Einkaufszettel. Tatsächlich noch nie gehört. Schade, dass ich mir Namen nur so schwer merken kann.


Am selben Tag höre ich wie so oft meine Lieblingsradiosendung vom BR per Podcast „Eins zu Eins. Der Talk“. Damit mache ich mir unbeliebte Hausarbeiten wie Abspülen und Kochen erträglicher. Heute kommt ein Beitrag über eine Putzfrau. Susanne Neumann ist auch politisch engagiert und hat für mich sehr kluge Ansichten. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, wie es den „Gebäudereinigern“ - so die offizielle Berufsbezeichnung - in unserer Gesellschaft ergeht.


Sie spricht davon, dass vor allem die Anonymität, das nicht beachtet werden, für das Putzpersonal erniedrigend sei. Die meisten Leute wissen nicht, wer ihren Schreibtisch sauber macht. Oft werden die Putzkräfte dann auch eher herablassend behandelt.

Unter Eins zu Eins. Der Talk: Gast Susanne Neumann kann man diese Sendung nachhören. Interessanterweise bekennt Frau Neumann am Ende der Sendung, dass sie auf Grund ihres fortgeschrittenen Krebsstadium nicht mehr lange zu leben habe.


Ich lege großen Wert darauf und bemühe mich, anderen Menschen Beachtung und im besten Fall sogar meine Wertschätzung zu zeigen. Zum Beispiel durch Lob und Anerkennung.


Und dabei ginge alles so einfach! Ein Blickkontakt, ein Handschlag, ein paar Zeilen: Alles Beachtung!


Und natürlich tut das auch mir sehr gut.


Wow, sogar der Landrat hat mich wahrgenommen! Ich fühle mich geehrt . 😊

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