Die schönen Seiten meiner Krebsbehandlung

Aktualisiert: 5. Nov. 2020

Ja gibt es diese überhaupt?

Als "hoffnungslos" optimistischer Mensch fing ich schon sehr schnell an, auf die positiven Seiten meiner Krebserkrankung zu schauen. Vor allem am Anfang sah ich diese Krankheit sogar durch eine leicht rosarote Brille. Aber die Realität holte mich dann schon wieder ein - spätestens als ich nach der Operation erfuhr, dass auch meine Lymphe betroffen waren und ich vielleicht doch Folgeschäden davontragen würde.


Ich bin eher ein Mensch, der sehr wissbegierig ist und Abwechslung liebt. Die Erstdiagnose hat mich daher zwar schon ziemlich durcheinander gerüttelt, aber bereits nach ein paar Tagen hatte ich das Ganze eher als Herausforderung betrachtet, die ich bewältigen konnte. Ich dachte auch, dass ich aus der Therapie ohne Spätfolgen, eher als gestärkte Persönlichkeit, herausgehen würde. Dieses Urvertrauen war da, dass das irgendwie schon geht. Wobei ich mir schon auch immer bewusst war, dass bei so einer Erkrankung durchaus auch etwas schief gehen konnte. Aber mein Grundhaltung war: Ich nehme es, wie es kommt. So ließ ich mich ganz offen auf das große Unbekannte wie auf ein neues Abenteuer ein.


Gute medizinische Betreuung


Ich fühle mich prinzipiell ärztlich sehr gut betreut. Ich bin sehr dankbar in einem Land zu leben, in dem man weiß: Es wird einem die bestmöglichste Medizin zuteil. Aber es ist auch klar, dass es natürlich immer etwas gibt, das besser laufen könnte. Auch wenn man bei Ärzt/innen oft von "Göttern in weiß" spricht, so sind es eben auch nur Menschen. Und wo Menschen arbeiten, passieren Fehler - treten zwischenmenschliche Differenzen auf. So ist es in anderen Lebensbereichen ja auch. Das ist normal und wenn es nicht außergewöhnlich krass ist, bin ich da schon sehr tolerant.


Ich hatte ja den Luxus, dass meine Schwester Arzthelferin ist. Sie wachte bei all den Behandlungen über mich und sprach mir schon auch mal ins Gewissen, wenn ich etwas zu locker sah. Auch zu ihrem Chef, meinem Hausarzt Dr. Justin Betz, hatte ich vollstes Vertrauen. Ich wusste, dass er alles aufmerksam im Hintergrund begleitete.


Ein sehr freudiges Erlebnis hatte ich gleich zu Beginn bei meiner Stanze an Fronleichnam im Eichstätter Krankenhaus. Eine Klassenkameradin arbeitet dort in der Radiologie. Der lockere Plausch bei einem Espresso in ihrem Büro über frühere Schulzeiten tröstete mich über die nicht ganz schmerzfreie Prozedur bestens hinweg. So trugen viele weitere schöne Begegnungen während der Therapiezeit dazu bei, dass ich den ganzen Prozess als durchaus unterhaltsam und angenehm in Erinnerung hatte.


Auch meine Erfahrungen im Brustzentrum in Ingolstadt bei meinen Anfangsuntersuchungen und der Erstellung meines Behandlungsplans waren total erfreulich. Ebenso kommen bei mir nur gute Gefühle hoch, wenn ich mich an die vielen Behandlungstermine in der Praxis in Beilngries erinnere. Die Arzthelferinnen dort setzten alle Hebel in Bewegung, damit die Chemo in der kürzest möglicher Zeit starten konnte. Es ist zwar jetzt nicht lebensentscheidend, aber es war einfach klasse, dass ich so zügig behandelt wurde. Denn man will einfach schnell anfangen. Immerhin weiß man ja, dass da ein Bösewicht in einem wächst.

Die Behandlung wohnortnah ersparte viele Kilometer Fahrtzeit


Ich war auch sehr dankbar darüber, dass ich zu meinen Therapien und den wöchentlichen Blutentnahmen nur 10 Minuten Fahrtzeit hatte. Zudem waren die Wartezeiten dort nur sehr gering. Ich fand es auch schön, in meiner lokalen Praxis Bekannte zu treffen oder auch neue Leute kennen zu lernen. Ich mag es, an der Krankengeschichte anderer Anteil zu nehmen. Die eigenen Probleme treten im Vergleich zu den Schicksalen anderer Menschen manchmal in den Hintergrund. Einigen ging es nämlich noch schlechter als mir.


Die Betreuung selbst war äußerst zuvorkommend: Rezepte und Krankschreibungen wurden mir immer sehr zuverlässig ausgestellt. Die Krankschreibungen muss man ja leider immer noch per Papier vom Arzt zur Krankenkasse und zum Arbeitgeber bringen. Das soll sich ja nun bald ändern. Gut, dass das Büro der AOK im nahen Beilngries ist und der Chef mit mir gut befreundet ist. Er schickte mir da schon mal eine WhatsApp mit: „Ingrid, kann es sein, dass du deine Krankmeldung noch nicht abgegeben hast?"


Chemotherapie ist Medizin zum Gesundwerden!


Für mich waren die Zytostatika eher Freund als Feind. Ich war neugierig darauf, was so Zytostatika mit mir machen würden. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, ich komme da ganz ohne Nebenwirkungen raus. Vielleicht ein bisschen naiv. Leichtsinnig: Ein anderes Wort, das bei uns ja eher negativ besetzt ist. Aber einen „leichten Sinn" haben, macht zumindest zeitweise das Leben einfacher. So war ich vor allem am Anfang schon fast in euphorischer Erwartung, was da alles so auf mich zukommen wird.


Ich kann nun mitreden, was Chemo so mit einem anstellt. Braucht nicht jeder, aber ich habe nun diese Erfahrung. Ich weiß, was bestimmte Zytostatika in meinem Körper bewirken. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn Muskeln und Nerven schmerzen. Schleimhäute austrocknen, Füße kribbeln, Knie einen nicht mehr hoch befördern... Aber es ist alles machbar. Ich konnte durchwegs alles unternehmen, was ich wollte. Machte Urlaub in Italien, Ausflüge nach Wien und ins Gebirge. Ich habe erlebt, dass ich über meine Psyche meinen Körper durchaus beeinflussen kann. Ich kann diesem mental Befehle erteilen. Wenn ich mir etwas fest vornahm, dann konnte ich es auch tun.


Volleyball und die Mitspieler/innen haben mir viel Kraft gegeben


Genauso war das auch mit meinen Volleyballspielen. Ich hatte das Glück, dass meine wichtigen Volleyballspiele und -turniere so fielen, dass ich auch dort meine volle Leistungsstärke hatte. Ein echtes Highlight war für mich, als ich merkte, dass ich trotz meines blöd gelegenen Ports nahe meines Schlagarmes doch Volleyball spielen konnte. Das gleiche beglückende Erlebnis hatte ich wieder nach der Operation. Ich stand nach 5 Wochen Sportpause wieder in der Halle und merkte total selig: Es funktioniert wieder. Ich werde weiter spielen können - trotz entfernter Lymphe. So lautete mein Motto auch immer: „So lange ich Volleyball spielen kann, geht es mir gut." Und ich konnte tatsächlich - bis auf ganz wenige Tage - immer spielen.


Volleyball lässt mein Herz tanzen!


Optische Verwandlung


Ich weiß jetzt, wie ich ohne Haare aussehe. Mir hat diese optische Veränderung wirklich sehr viel Spaß gemacht. Natürlich hätte ich nie ohne Grund einfach nur so meine Haare abrasiert. Ich bin normalerweise was meine Haare betrifft nämlich gar nicht experimentierfreudig. Ich fand es aber unheimlich spannend, mich haarlos zu sehen. Ich freute mich, dass diese kurze Zeit von 4 Monaten ohne Haare in den Sommer fiel. 2018 war ja auch ein extrem heißes Jahr. So konnte ich tatsächlich auch total „oben ohne" herumlaufen. Das wäre zu den anderen Jahreszeiten nicht möglich gewesen. Denn man glaubt gar nicht, wie so eine Haarpracht wärmt. Ohne Haare ist es echt kühl und manch andere haarlose Krebspatientinnen haben nachts sogar zum Schlafen etwas auf den Kopf gesetzt. Mein Mann mit seinem lichter werdendem Haar meinte nur: „Jetzt verstehst du langsam, wie es mir vor allem im Winter ergeht."


"Frisch geschoren!" Ich kann mir nun vorstellen, dass unsere Schafe sicherlich anfangs danach auch frieren.


Mit Tuch Volleyball spielen, war auch kein Problem. Ja und Perücke tragen, ist auch ganz cool. Ich liebte es, einmal in meinem Leben dichtes, langes Haar zu haben. Eigentlich dachte ich: Ich setze meine Perücke später mal wieder auf. Aber das macht man dann auch nicht. Die Verbindung mit Krankheit ist doch da und dies will man sich einfach nicht mehr „aufsetzen".


Eines der wenigen Bilder, die ich mit Perücke habe.


Dichteres Haar als vorher


Ja, und nun trage ich eine schicke Kurzhaarfrisur. Ich habe das Glück, dass meine Haare nun viel dichter sind als vorher. Bei manchen Frauen sind die Haare nach der Chemo nur sehr spärlich wieder gekommen. Diese müssen nun ihr Leben lange mit Perücke herumlaufen. Bei mir sind die Haare komischerweise nur unter den Achseln ausgeblieben. Also habe ich ja eigentlich auch bleibenden Haarverlust. Aber an dieser Stelle ist das Ganze ja nun wirklich eher ein Vorteil 😊.



Meine neuen Haare!

Hier der direkte Vergleich!



Sonderstatus


Ja, man ist etwas Besonderes mit Krebs. Vor allem während der Zeit mit „ohne Haare". Auffallen macht mir dabei auch gar nichts aus. Im Gegenteil: Ich genoss diesen Sonderstatus. Ich wusste ja, das ist nur für kurze Zeit. Dabei setzte ich in meiner Region immer brav meine Perücke auf. Eigentlich eher zum Schutz meiner Bekannten, die vermutlich mehr Probleme mit meinen Anblick gehabt hätten als ich. Ich wollte ja auch niemanden schockieren.


Ich suchte aber dennoch immer auch aktiv das Gespräch, wenn es mir als passend erschien. Die Krankheit ermöglichte mir, dass ich mit vielen Leuten sehr gute, tiefergehende Gespräche haben konnte. Ich mag nämlich keinen Smalltalk. Meine Krankheit war dann oft auch eine Brücke zu den Beschwernissen meiner Gegenüber. Eine Tür, dass diese sich ebenfalls öffneten. Ja, und es gibt kaum eine Familie, die nicht mit irgendetwas ebenfalls sehr Tragischem belastet ist.


Krankheit verleiht einem einen gewissen Schonraum. Andere gehen mit einem etwas vorsichtiger und netter um. Da bin ich ja mal gespannt, wann ich diesen Schutzstatus wieder verliere. 😉



Einfach nur da sein ohne etwas leisten zu müssen - ein Traum!


Die Krankheit bescherte mir dann auch einen einjährigen beruflichen Ausstieg. Für meinen Buchladen und die Kolleg/innen war das sicher keine einfache Zeit. Für mich war es aber eine bereichernde Erfahrung. Ich erlebte, dass man auch ersetzbar ist und die Welt sich tatsächlich auch ohne einen weiterdreht. Allerdings fiel mir zuletzt zu Hause dann total die Decke auf den Kopf. Ich sehnte den Tag der Arbeit wieder richtig herbei. Und ab dem 1. Tag wieder im Buchladen wusste ich, dass meine Arbeit genau das Richtige für mich ist. So bin ich mit Sicherheit nun wieder zufriedener, dort zu arbeiten als noch vor der Therapie.


Auch zu Hause durfte ich immer wieder alle Viere von mir strecken. Ich liebte es einfach, nichts tun zu müssen. Niemand, der sagte: Mach mal! Der Döner-Mann erleichterte mir bei Chemos das Leben sehr. Dabei kochte ich sogar wieder viel mehr. Es machte mir sogar Spaß. Kochen war dann beim gar-nichts-Tun, wiederum eine willkommene Abwechslung und Struktur für meinen Alltag. Zumal ich mir ja - nicht gehetzt zwischen Tür und Angel - wieder richtig Zeit in der Küche nehmen konnte. Und irgendein Erfolgserlebnis braucht man auch während einer Krankheit - und sei es ein gutes Essen für die Familienmitglieder zu zaubern.


Durch meine vielen Tätigkeiten hatte ich mir angewöhnt, vieles parallel zu machen. Multitasking durch alle Lebenslagen. Nun begann ich wieder Dinge nacheinander anzugehen. Einzelne Handlungsschritte bewusst zu genießen und nicht nur irgendwie geballt und möglichst effektiv rumzukriegen. Eigentlich ist das Leben so viel einfacher. Aber will ich es auch einfacher haben? Keine Ahnung, ob sich die alten Verhaltensmuster mit der Zeit wieder einschleichen.


Das Verarbeiten meiner Gedanken im Schreiben


In der Schule war ich in einer reinen Mädchenklasse. Einige waren echte Deutsch-Genies. Für mich waren eher die mathematischen Fächer die Favoriten. Da man sich ja immer mit dem direkten Umfeld vergleicht, dachte ich immer: Ich kann nicht gut schreiben. Vor allem auch, weil ich einfach oft viel zu kompliziert denke. Anna brachte mir dann bei, kurze Sätze zu schreiben. Und siehe da. Ich bringe Texte zu Papier. 75 Texte sind es bisher. Jedes Wochenende versuchte ich einen Blogbeitrag zu posten. Und bis auf wenige Ausnahmen gelang mir das dann auch. Am Anfang kamen zwar auch ein paar kritische Bemerkungen. Aber die meisten sahen das durchaus auch als positiv an, dass sie über meine Krankheit informiert waren. Zudem gab ich meinen Blog auch an Betroffene weiter - vor allem, wenn sie die gleiche Behandlung hatten wie ich. So können sich andere Frauen besser auf Chemo, Operation und Bestrahlung einstellen.


Ich schaue nicht mehr so auf das, was andere von mir halten


Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Mir ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich denken. Denn Recht machen kann man es eh kaum jemanden. Dazu gibt es eine sehr treffende Weisheitsgeschichte: Der Esel, der Vater und der Sohn.

In dieser Hinsicht werde ich wohl in Zukunft selbstbewusster auftreten. Was kann ich denn schon verlieren? Nichts. Ich habe gehört, dass man eher attraktiver wird, wenn man auch mal seine Ecken und Kanten zeigt. Und diese habe ich zu Genüge. Zudem muss ich ja darauf achten, dass ich mir nicht wieder zu viel aufhalse. So wird wohl jetzt hoffentlich manchmal aus meinem Mund auch ein „Nein, geht leider nicht!" zu hören sein. Ich bin da schon fleißig am Trainieren und Erfahrungen sammeln. Leicht fällt mir das immer noch nicht. Aber ich denke, es wird mir auf Dauer zu einem besseren Leben verhelfen.


Größter Gewinn: Freunde und Familie


Immer wieder liest man Berichte vom Lebensende: Sie handeln meist davon, dass man im Nachhinein in seinem Leben vielleicht mehr Zeit mit seinen Liebsten verbracht hätte statt im Büro zum Beispiel.


Bei einer so schweren Krankheit wie Krebs spürt man sehr intensiv, was letztendlich wirklich trägt. Das sind die vielen echten Freund/innen. Ich weiß nun ganz genau: Ich kann mich auf so viele Menschen verlassen. Und natürlich auch auf meine Familie. Das verleiht Standfestigkeit und schenkt einem unendliche Kraft. Dazu gibt es später aber noch ausführlicher einen eigenen Beitrag.


Meine Haltung zum Leben an sich


Ein bisschen hat mir diese Krankheit meine Leichtigkeit geraubt. Als Spielkind und Fantast ging ich auch ein bisschen verträumt durchs Leben. Ich dachte auch, ich könne ein bisschen durch mein Tun die Welt verändern. Sicherlich macht das ja auch jeder in der eigenen, kleinen Welt um sich herum, je nachdem wie weit eben seine Einflussnahme ist.


Mich hat die Krankheit ein bisschen geerdet. Sie hat mir gezeigt, wie schnell man ersetzbar ist. Ich bin realistischer geworden. Sehe ein bisschen klarer. Ich habe mich mit dem Tod aktiv auseinandergesetzt. Ich weiß jetzt tatsächlich, dass ich keinerlei Angst vor dem Sterben habe. Sehe, dass Leben um jeden Preis, nicht erstrebenswert ist. Ich empfinde das Leben manchmal echt auch als Zumutung. Vor allem für unendlich viele Menschen, denen es viel schlechter geht als mir. Aber trotz allem Unheil auf dieser Welt gibt es auch immer wieder die wunderschönen Sommertage, die das Herz so richtig aufblühen lassen.


So steht Freud und Leid tagein und tagaus ganz nah beieinander. Keiner weiß, was morgen kommt. Das gibt mir letztendlich auch ein bisschen mehr Gelassenheit.


Während der Chemozeit habe ich natürlich auch einige leidvolle Zeiten erlebt. Diese will ich dann im nächsten Beitrag aufzählen. Ich hoffe mal, er wird nicht so lang wie dieser, in denen ich die schönen Seite beleuchtet habe. Und wer keine Lust auf Negativnachrichten hat, muss ihn ja auch nicht lesen. Jeder soll nämlich nur das tun, was ihm auch gut tut. Passt gut auf euch auf!






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