Das Leben ist ein Geschenk

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Die ganze Nacht habe ich sehr unruhig geschlafen. "Wie blöd bin ich eigentlich?" Selten fühle ich mich so gestresst. Warum? Heute erscheint der Zeitungsbericht über meine Krankheit im Donaukurier.


Ich höre den Zeitungsausträger gegen 5 Uhr zum Haus fahren. Ich nehme wahr, wie er aussteigt, die Zeitung einwirft und wieder wegfährt. Normalerweise bin ich ja furchtbar neugierig. Aber heute bleibe ich liegen.


Gedankenkino


Ich bin mir zwar immer noch sicher, dass es richtig war, diesen Artikel zu arrangieren. Aber was mich plagt, ist, dass ich ja nicht alleine betroffen bin. Auch meine Eltern und meine Schwester, wie auch mein ältester Sohn werden vielleicht deswegen angesprochen. Keine Ahnung wie es ihnen damit ergeht. Ich habe sie vorgewarnt, dass der Artikel erscheinen wird. Vielleicht finden es auch manche Freunde komisch, dass ich mit meiner Krankheitsgeschichte an die Öffentlichkeit gehe.


Interview am Bauernmarkt


Geplant war der Beitrag ja schon lange. Sehr lange. Und zwar seit ich am 9. Juni 2018 Regine Adam auf dem Bauernmarkt traf. Sie schrieb einen Artikel für den Donaukurier über das 25-jährige Jubiläum des Bauernmarkts. Sie fragte mich, ob ich ein kurzes Statement über den Bauernmarkt geben wolle. Das machte ich natürlich. Denn ich kaufe dort wirklich gerne ein.



Regine Adam fotografiert uns auf dem Kirchplatz.

Die Journalistin macht noch das obligatorische Foto für die Zeitung dazu. Da kommt mir der Gedanke, dass mein Mann Georg und ich ja kaum gemeinsame Fotos von uns haben. Bilder sind mir momentan angesichts meiner Erkrankung ganz wichtig. Und so bitte ich Regine, uns doch beide noch zu fotografieren - dabei erzähle ich ihr: "Übrigens Regine, ich habe vermutlich Krebs. Das Ergebnis bekomme ich zwar erst nächste Woche, aber es müsste schon ein Wunder passieren, wenn ich noch eine positivere Diagnose bekäme."



Wir schauen uns an. "Alles gut. Ich kann damit umgehen", durchbreche ich sofort eine vielleicht aufkommende Beklemmung. Wir überlegen sofort: Man könne über dieses Thema auch einen Artikel verfassen. Regine wollte schon einmal einen Bericht über eine Frau mit Brustkrebs machen. Aber diese hätte beim Erzählen über ihre Krankheit so viel geweint, dass sie nicht darüber schreiben konnte.


Ich versichere ihr, dass sie da bei mir keine Angst haben muss. Ich weiß, dass ich damit kein Problem haben werde. Aber man sollte erst einmal noch einige Zeit warten, bis ich ein paar Erfahrungen mit der Behandlung gesammelt habe. Vielleicht auch bis es mir ein bisschen schlechter ginge, damit der Bericht über Krebs nicht zu positiv ausfällt und damit vielleicht auch unglaubwürdig.


Und so verbleiben wir dann auch. Ich würde mich bei Regine melden, wenn die Zeit für den Artikel reif sei.


Gut Ding braucht Weile!


Ja und so vergingen Wochen. Immer wieder mal begegnete ich Regine auf der Straße. Aber ich meinte nur zu ihr: "Du, ich habe soweit kaum Beschwerden. Mir geht es auch von der Psyche her noch sehr gut. Ich glaube, wir sollten weiterhin ein bisschen warten. Vielleicht passiert etwas bei meinem zweiten Chemoblock." Irgendwie war ich einfach noch nicht bereit. Was sollte ich auch sagen. Alles harmlos? Das war es ja eigentlich doch auch nicht.


Bei unserem Fotwalk gelingt mir auch ein hübsches Foto von unserer Zeitungsredakteurin Regine Adam.

Unerwartet trafen wir uns im Oktober wieder beim Herbstwalk vom Hobbygrafenclub Beilngries. Regine begleitete uns und verfasste über unsere Shootings einen Bericht für den Donaukurier. Ich ging gleich auf sie zu: "Regine, weil du schon da bist. Ich glaube die Zeit ist jetzt günstig. Der Oktober ist der Brustkrebsmonat. Da kommen immer wieder Beiträge über Krebs auf allen möglichen Kanälen. Das könnte ein guter Aufhänger sein, um auf die wichtigen Vorsorgen hinzuweisen. Zudem kommen jetzt meine Haare schon wieder. Es sieht nicht mehr ganz so kahl und bedrückend aus. Ein sogenannter Hoffnungsschimmer ist sichtbar. Aber man sieht noch, dass da etwas Bedrohliches war. Und von ein bisschen Chemo-Erfahrung kann ich ja nun auch schon berichten."


Und so machten wir gleich einen Termin bei uns zu Hause aus.



Regine kommt ins Forsthaus


Wir beschließen, für unser Gespräch draußen zu bleiben. Es ist schon relativ spät. Darum machen wir zuerst das Foto für den Artikel, bevor es zu dunkel dafür wird. Für mich ist klar: Die Perücke als Symbol für die Krankheit muss mit aufs Bild. Regine kann nicht nur hervorragend schreiben, sondern auch gut fotografieren. Sie hat auch eine erstklassige Kamera, um die ich sie richtig beneide.


Und dann geht es los. Regine stellt Frage um Frage. Auch über meine Person. Ich bin da etwas unsicher. Eigentlich war ja meine Intension, mit dem Artikel eher zur Vorsorge aufzurufen, als mich in den Mittelpunkt zu stellen. Regine meint aber, dass das Personalisieren auch wichtig sei. Die Leute wollen schon wissen, wer denn die betroffene Person überhaupt sei. Das kann ich nachvollziehen. Und so geht es nun auch um meine ganz normale Lebensgeschichte. Und Regine schreibt. Und schreibt.


"Möchtest du sonst noch etwas sagen?" fragt sie mich schließlich. Ich überlege. Ich denke nicht. Alles gesagt. Damit legt sie den Füller weg. Wow! So viele Gedankenstränge. Wie kann man denn daraus einen Artikel schreiben? Ich frage mich, wie denn da ein roter Faden entstehen könne ...


Aber ich vertraue da voll auf Regine. Ich habe schon viele Berichte von ihr gelesen. Gerade Geschichten über Personen und außergewöhnliche Vorkommnisse sind ihre Stärke. Sie interessiert sich für Menschen und hat ein hohes Empathievermögen. Eigentlich ist sie beruflich eine Quereinsteigerin, hat das redaktionelle Schreiben nicht offiziell gelernt. Aber sie ist eben sehr talentiert und vor allem super kreativ.


Wir verabschieden uns. Am Donnerstag soll der Artikel erscheinen. Ich bin erst einmal platt. Das war ein ganz schöner Konzentrationsakt. Für Regine beginnt nun erst die Arbeit.


Die Zeitung ist da.


Ich liege immer noch halbwach in meinem Bett.


Um 5.36 bimmelt das Handy. Eine WhatsApp-Nachricht ist eingetrudelt. "Respekt für den Zeitungsartikel 👍🙋‍♀ denk an dich...LG Doris." Eine Klassenkameradin aus der Nähe von Eichstätt hat dies geschrieben. Ok, der Artikel ist also auch in der Eichstätter Ausgabe erschienen. Dies bestätigt eine weitere Klassenkameradin um 7.32 Uhr. "Guten Morgen, Inge. Der Artikel in der Zeitung ist super 👍, schönes Bild 😊Alles Gute 💐und Liebe Grüße Lissi"


Das klingt ja jetzt schon mal nicht schlecht. Jetzt will ich es aber auch sehen. Ermutigt durch die positiven Nachrichten springe ich aus dem Bett und schnappe mir die Zeitung. Huch, so ein riesiges Bild. Oh Gott! Und sogar auf der ersten Seite prangt mein Konterfei mit einem Hinweis auf den Artikel. Ich überfliege den Text. Schiebe ihn schnell wieder weg. Ich glaube, der ist wirklich gut. Ich blende allerdings jetzt erst einmal alle Emotionen dazu bewusst aus. Haushalt verschafft die gewünschte Ablenkung.


Aber immer wieder blinkt mein Handy auf. Von Freunden und Verwandschaft kommen weitere aufbauende WhatsApp-Nachrichten und Mails.



Zahlreiche positive Rückmeldungen bestätigen: Diese Aktion in der Zeitung war gut!


Besonders freut mich eine Mail von einem Cousin, mit dem ich eigentlich fast keinen Kontakt habe. Er schreibt: "Hallo Ingrid, habe heute den Artikel in der Zeitung gelesen. Respekt für soviel Mut und Offenheit. Ich wünsche dir viel Kraft und weiterhin die positive Einstellung, dass alles wieder gut wird. Ich bin mir sicher du schaffst das. Alles Gute Bernhard"


Meine Mutter ruft mich an, auch sie wurde heute Vormittag schon mehrmals in angenehmer Weise angesprochen oder von der Verwandschaft telefonisch kontaktiert. Irgendwie merke ich, dass sie eher stolz als entsetzt über den Artikel ist. Jetzt entspanne ich etwas. Wenn das meine Mutter schon positiv aufnimmt, dann kann es nicht so verkehrt sein.


Ebenso ruft mich eine ältere Dame an. Sie hat vor kurzem auch eine negative Diagnose bekommen. Der Artikel habe ihr Mut gemacht, positiv nach vorne zu schauen. Wir reden lange am Telefon. Ich bin echt gerührt, was dieser Bericht auslöst.


Auch über meinen Blog bekomme ich sofort Nachrichten. So von einer Freundin, die ich über die Flüchtlingshilfe kennengelernt habe. "Hallo Ingrid, wir haben keinen Donaukurier, aber Uwe hat den tollen Bericht im Internet entdeckt und ich habe ihn gerade gelesen. Ich bin total begeistert, ganz toll, wie stark und selbstverständlich du von dir berichtest. Auf jeden Fall werde ich den Blog weiterhin verfolgen und wünsche dir irre viel Kraft für deinen Weg. So viele Menschen, die ich kenne oder mir auch ganz nah sind und an Krebs erkrankten, nannten und nennen dies immer das verlorene Jahr! Aber dein bewundernswerter Weg, damit umzugehen, wird ganz vielen Kraft geben und mehr Hoffnung und Zuversicht zu finden. Auf diese Art so vielen Betroffenen zu helfen, ist wahre Entwicklungshilfe, Ingrid, mit dem Tabuthema Krebs so offen umzugehen !!! Danke für diesen Beitrag. Ich wünsche dir von ganzem Herzen viel Kraft, Durchhaltevermögen und Liebe um dem Krebs die Stirn zu bieten und wieder zu gesunden. Alles Gute Gabriela und Familie."

Hui! Das ist Balsam für meine angeknabberte Seele! Ich bin echt gerührt.


Sogar über Facebook finden mich die Leute: "Selten hat mich ein Zeitungsartikel so angesprochen. Bei mir wurde im Januar Brustkrebs festgestellt. Hab jetzt Chemo/Op/Bestrahlung/Chemo hinter mir. Und ich bin auch in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich tätig. Lg Conny". Natürlich schreibe ich ihr gerne zurück. Wir stellen dabei noch mehr Gemeinsamkeiten fest. Sie ist mir in der Behandlung schon um einiges voraus und wird mir zu einer wichtigen Ratgeberin. Sie kann sich als Betroffene sehr gut in mich einfühlen und macht mir immer wieder Mut. Seitdem kämpfen wir gemeinsam und informieren uns darüber, was gerade so bei der jeweils anderen an Untersuchungen läuft.


Auch auf der Straße oder in den Supermärkten gehen die Leute offen auf mich zu. Ich finde das eher schön und vor allem praktisch. Die meisten Bekannten wissen nun Bescheid und ich muss mich nicht erklären. Sogar eine junge Frau, die ich auf den ersten Blick gar nicht mehr erkenne, wünscht mir alles Gute. Sie hatte als Jugendliche bei mir Volleyballspielen gelernt. Auch sie hatte den Bericht in der Zeitung gelesen. Das sind schon Highlights für mich, wenn auch so junge Menschen Anteil nehmen und auf dieses für jede Frau aktuelle Thema aufmerksam wurden.


Und am meisten freut es mich dann, wenn ich hören darf: "Ich habe auf den Artikel hin nun tatsächlich einen Vorsorgetermin beim Arzt ausgemacht." Ich würde sagen: Ziel erreicht!


Ein Artikel mit geballtem Inhalt


Und was steht jetzt eigentlich drin in dem Zeitungsbericht? Erst Tage später - mit einem gewissen Abstand - habe ich den Artikel richtig gelesen und festgestellt: Er ist wirklich sehr gut geworden!


Hier könnt ihr ihn nachlesen:

https://www.donaukurier.de/lokales/beilngries/DKmobil-wochennl432018-Das-Leben-ist-ein-Geschenk;art601,3959815


Mein Kompliment an Regine. Sie hat den Artikel hervorragend aufgebaut und alle Kernbotschaften souverän herausgearbeitet.


Was hatte ich gesagt? "Es ist eine Herausforderung. Ich nehme alles, wie es kommt, auch diese Krankheit. Angst habe ich wirklich nicht, ich habe bisher ein wunderschönes Leben gehabt. Und aus allem versuche ich, etwas Positives herauszuziehen, das ist meine Grundhaltung. Auch jetzt."


Hier steht es nun schwarz auf weiß. Daran will ich mich halten. Auch an diese passende Überschrift: "Das Leben ist ein Geschenk." Am Ende des Artikels steht dazu noch ausführlicher: "Das Leben ist ein Geschenk, das man auskosten soll. Jetzt ist jetzt. Selbst, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte, würde ich nicht verzweifeln, sondern schauen, dass es ein schönes Jahr wird. So, wie man das eigentlich immer sehen sollte, daran ändert eine solche Diagnose nichts."




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