Bilanz ziehen

Aktualisiert: 13. Apr. 2021

Fast genau zwei Jahre sind nun seit Beginn meiner Erkrankung vergangen. Es ist Zeit, einmal genau hinzuschauen, was das alles mit mir gemacht hat. Hier im Blog habe ich ganz am Anfang geschrieben, dass mein Leben nach der Krebserkrankung vielleicht "noch attraktiver" werden könnte. Ein Traum? Ist er in Erfüllung gegangen? Oder hat sich mein Leben eher verschlechtert? Das Ganze wird sich die Welt auch nach Corona fragen. Kann sich durch eine Krise überhaupt etwas verbessern? Ich werde jetzt einmal versuchen, das sauber zu bilanzieren.


Mit folgenden Worten startete ich im Sommer 2018 hoffnungsvoll in meinen neuen Lebensabschnitt:


About




Dies waren die ersten Zeilen in meinem Blog. Viele unbeschriebene Blätter lagen vor mir ...


Nach knapp zwei Jahren haben sich fast 100 Blog-Beiträge daraus ergeben. Ich scrolle durch meine Artikel: Die ausdrucksstarken Fotos sprechen auch ohne Worte. Viele Erinnerungen kommen wieder hoch. Sie sind überwiegend positiv und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich mag die meisten Bilder. Ehrlich gesagt, hatte ich noch nie im Leben so viele Fotos von mir als während meiner Zeit mit Krebs. Ganz am Anfang lies ich mich fotografieren, damit meine "Hinterbliebenen" wenigstens noch ein paar Erinnerungsstücke hätten. Später wollte ich meinen außergewöhnlichen Anblick ohne Haare unbedingt festhalten. Und irgendwann machte mir das Modeln einfach Spaß. Die Bilder über die beiden Jahre spiegeln für mich ganz viel Lebendigkeit. Sehnsucht nach Leben pur.



Ein Highlight mein Urlaub 2018 mit meiner Tochter Anna: Vor dem Kolosseum und auf dem Vesuv


Und das Gute war: Ich konnte dieses Leben trotz Chemo tatsächlich voll ausschöpfen. Es gab nur wenige Zeiten, in denen ich wirklich eingeschränkt war. Ich hatte viel freie Zeit für mich. Konnte spazieren gehen, Volleyball spielen, Urlaub machen, einfach da liegen und viel nachdenken. Menschen intensiv, auf ganz neue Art kennen lernen. Es war immer viel los. Ich liebe ja vor allem Abwechslung und auch Herausforderungen. So würde ich dem Gefühl nach sagen: Es war eine gute Zeit für mich.



Volleyball hielt mich stark: United Beilngries beim Turnier in Dietfurt im Jahr 2018

Doch ich weiß auch: Gefühle können trügen. Außerdem will ich in diesem Beitrag ja nicht die Krankheitszeit beurteilen. Dies habe ich ja bereits getan. Ich will in diesem Beitrag eher prüfen, wie mein "Jetzt" aussieht im Vergleich zu meiner Ausgangslage vor zwei Jahren.

Was habe ich gewonnen? Was habe ich aber auch verloren?

Ich will meine konkreten Punkte virtuell auf eine Waage legen. Welche Seite wird wohl am Ende weiter oben oder unten sein?


Gewinn:

+ Ich habe sehr viel über Leben an sich gelernt.

+ Ich bin jetzt realistischer darüber, wie nah auch mein Leben am Tod sein kann.

+ Ich habe mich besser kennengelernt. Mir ist klarer, was für mich wirklich wichtig ist.

+ Ich gehe jetzt achtsamer mit mir um.

+ Ich werde medizinisch intensiver überwacht.

+ Ich bin für mich Unwichtigem gelassener gegenüber.

+ Ich versuche mit Menschen klarer umzugehen, zeige meine Grenzen schneller auf.

+ Ich habe meine Familie und ein schönes Zuhause neu schätzen gelernt.

+ Beziehungen zu Bekannten und Freund/innen haben sich intensiviert.



Negative Auswirkungen:

- Es kann jederzeit ein Rezidiv auftreten.

- Ich kann mich nach meiner Auszeit nicht mehr so leicht zur Leistung motivieren.

- Ich muss mehr Zeit für die Vor- und Nachsorge verwenden. Körperliche Ungereimtheiten schneller abklären lassen.

- Ich sollte strenger auf mich aufpassen, dass ich keinen Stress habe, um meine Immunabwehr nicht zu gefährden.

- Ich habe jetzt folgende körperliche Einschränkungen:

  • leichte Neuropathien in den Füßen durch die Chemo

  • verhärtete Brust nach der Amputation, vor allem leichte Schmerzen bei Kälte

  • Spannungsgefühl im Arm mit Neigung zum Lymphödem. Ich muss beim Tragen von schweren Gegenständen vorsichtig sein und dürfte eigentlich nicht mehr in die Sauna.

  • Die Körpersymmetrie hat sich durch die fehlende Brust leicht verschoben und erzeugt schmerzhafte Verspannungen. Gymnastik und das Tragen eines Prothesen-BHs sind dadurch Pflicht.

  • Steifheit des ganzen Körpers morgens beim Aufstehen durch den Hormonblocker Tamoxifen

  • Lunge leicht beschädigt. Ich bekomme weniger Luft.

  • Schleimhäute trockener

  • Gewichtszunahme von 5kg


Tja, wohin neigt sich jetzt meine bildliche Waage? Ich weiß schon, die 5 kg wiegen schwer - machen's aber nicht fett 😂. Aber die Ursprungsfrage lässt sich für mich leider immer noch nicht so genau "ablesen". Irgendwie schwankt das hin und her. Hängt davon ab, was ich gerade mache. Unter anderem sind die körperlichen Einschränkungen nicht jeden Tag gleich. Sie nerven mal mehr - manchmal kann ich sie sogar ganz ignorieren.


Außerdem kann ich nicht abschätzen, was altersbedingt eh über kurz oder lang sowieso gekommen wäre. Die Wechseljahre standen auch ohne Chemo vor der Tür - und damit verbunden viele Symptome wie Hitzewallungen, steife Glieder und Gewichtszunahme. Frauen meines Alters erzählen mir immer wieder, dass ihre Belastbarkeit auch geringer wird und sie in ihrem Tun langsamer werden. Die meisten nehmen ebenso an Gewicht zu.


Letztendlich denke ich, dass ich durch die Chemo und die Hormonblocker, die ich die nächsten Jahre nehmen muss, um ein paar Jahre schneller gealtert bin. Umgekehrt konnte ich mich in diesen zwei Jahren schonen und auf der Reha bekam ich wichtige Impulse für mein weiteres Leben. So weiß ich nun noch einmal mehr, dass ich mich in Bewegung halten soll. Denn Lebensalter und -qualität hängen vor allem auch von körperlicher Fitness ab.


Aber dadurch ist jetzt meine Frage immer noch nicht geklärt. Daher stelle ich mir die Frage einmal anderes herum: Möchte ich die Erfahrungen meiner Krebserkrankung missen? Ich würde mal sagen: Wenn nichts nachkommt, dann war das für mich schon eine sehr lehrreiche Zeit. Ich lebe jetzt bewusster, intensiver.


Leben verläuft immer in Wellen


Leben ist kein statischer Ist-Zustand. So gab es bei mir vor meiner Krebsdiagnose ebenfalls gute und schlechte Zeiten. Höhen und Tiefen. Dabei lag dies nicht immer nur an der tatsächlichen Situation, sondern manchmal auch nur an meinem subjektiven Blick darauf. Auch dieser ändert sich immer wieder und hängt überwiegend von meiner momentanen Gemütsverfassung ab.


Mir kommt da das Bild von Aktien oder besser noch von Investmentfonds in den Blick. Fonds - also ein bunter Pool von Aktien - deswegen, weil man im Leben ja im besten Fall auch auf mehreren Standbeinen stehen sollte. Der Grad der Zufriedenheit oder das Glücksempfinden gleicht ebenfalls eher eine Zackenkurve. Nicht der momentane Zustand ist aussagekräftig, sondern eher die Tendenz. Die Profis wissen dabei auch, dass man manchmal ein Tal aussitzen sollte und nicht schnell alles umwerfen soll. Denn in der Flaute bekommt man für das gleiche Geld sogar mehr Anteile. Das kann sich in der Gesamtbilanz am Ende, wenn alles wieder gestiegen ist, eher positiv auswirken. Auch im wahren Leben können sich Krisen als positiv erweisen. Man muss innehalten und nachdenken darüber, was denn gerade los ist. Oft geht man dann wieder gestärkt aus dem Tief hervor.


Zudem ist im Leben auch immer alles relativ. Das bedeutet, wenn man ein Tief erlebt hat, ist man manchmal schon über eine Kleinigkeit dankbar und zufrieden. Umgekehrt kann es bei einem langen Hoch manchmal ja eigentlich nur bergab gehen.

Zufriedenheit, Wohlgefühl ist vergleichbar mit Aktienkurven. Es schwankt und ist von vielen Faktoren beeinflussbar.

Aber es kann natürlich auch zu einem totalen Absturz kommen, wie das an mancher Stelle momentan auch durch Corona geschieht. Das Wohlbefinden ist im Keller. Bei mir wäre der wohl krasseste Einbruch, wenn ich ein Rezidiv bekommen würde. Wenn irgendwo eine Metastase aufträte. Das würde dann klar meine Waage auf der negativen Seite total nach unten kippen lassen. Sich da wieder bis zum Ausgangslevel hochzuarbeiten, wäre vermutlich dann nicht mehr möglich.


Das große Ganze im Blick haben


Ich darf daher auf keinen Fall nur auf mein aktuelles Befinden schauen. Sondern sollte die Gesamtsituation im Blick haben und eher nach Tendenzen schauen. Vermutlich bekomme ich sogar erst in einigen Jahren - sozusagen als Rückblick - eine eindeutigere Bilanz zustande. Dabei weiß ich, dass die Jahre dann wieder vieles verklären und vergessen lassen.



Vergleichbare Bilder nachstellen fällt total schwer. Hier Bilder aus dem Urlaub mit Anna 2018 in Rom und 2019 in Paris jeweils vor einem Brunnen. Auch im richtigen Leben fällt das Vergleichen von Situationen und seien sie noch so ähnlich sehr schwer.



Dennoch wage ich nun ein erstes Urteil: Aus meiner jetzigen Sicht glaube ich, dass meine Lebensbedingungen vor meiner Erkrankung nicht viel anders sind als danach. Meine gesammelten Lebenserfahrungen machen meine leichten körperlichen Auswirkungen wett.


Mein größtes Risiko ist wohl ein Rezidiv zu bekommen. Das kann ich aber vielleicht durch eine bewusstere Lebensweise annähernd wieder ausgleichen. Wer weiß, welche Schäden ich sonst bekommen hätte: Wenn ich in dem ungesunden, stressigen Lebensstil, den ich vor der Erkrankung hatte, weitergemacht hätte.



Fremdeinschätzung


Ich habe zu diesem Thema auch unsere Tochter befragt. Anna meint, dass ich eher mehr gewonnen habe - die intensive Reflexion und die gewonnene Lebenserfahrung wiegt aus ihrer Sicht schwer, genauso wie die gestärkten Beziehungen. Auf jeden Fall hätte ich ihrer Meinung nach nicht verloren. Diese Fremdeinschätzung ist mir ganz wichtig. Ich bin ja nicht neutral. Schwingt bei mir natürlich das mit, was ich gerne sehen will.



Anna hat mich durch meine ganze Chemo sehr fürsorglich begleitet. Sie war für mich wie ein heller Stern, der mir sehr geholfen hat, eine positive Stimmung zu wahren..

Annahme und Neuinvestition


Letztendlich ist es aber auch egal, wie die Bilanz ausfällt. Selbst wenn die Vorher-Nachher-Bilanz durch noch viel massivere Einschränkungen als ich sie momentan habe, sehr negativ ausfallen würde, müsste ich diese akzeptieren. Nur meiner Lebensqualität davor nachzutrauern, würde mich nicht weiterbringen. Ich täte mir damit keinen Gefallen und würde mich im schlimmsten Fall sogar blockieren.


So liegt es wohl auch an mir selbst, wie mein weiteres Leben verläuft. Nicht mein jetziger Ist-Zustand ist das entscheidende, sondern was ich daraus mache. Also wenn ich möchte, dass mein jetziges Leben attraktiver ist als vor der Erkrankung, dann muss ich wohl dazu etwas beitragen - muss darin investieren.


Niemand kann sich auf einmal erworbenen Lorbeeren ausruhen. Wohlbefinden und Zufriedenheit ist kein Status, den man für immer einfach mal so hat. Jeder Lebensabschnitt will immer wieder neu überdacht und durchstrukturiert werden. Von alleine fliegt uns wohl kaum irgendetwas zu. Das will ich mir auch für mein Alter merken. Ich kenne nämlich sogar mehrere ältere Personen, die schon seit Jahren sterben wollen, weil sie sich nutzlos vorkommen. Ein erfülltes Alter zu gestalten, wird sicherlich eine weitere große Herausforderung für mich, aber auch für jeden von uns - werden wir doch im Schnitt immer älter.



Resümee


So möchte ich als Schlussbilanz sagen: Leben ist nicht etwas, was man hat. Man muss es immer wieder neu gestalten. Lebenssituationen ändern sich ja laufend. Mein Leben war in vielen Jahren sehr spannend für mich, aber zeitweise auch langweilig. Andere würden vielleicht eher von "schwieriger und leichter" sprechen. Es schwankt eben. Und das hält es dann ja auch wieder lebendig. Wie es sich entwickelt, kann ich großteils aktiv mitbestimmen. Teilweise muss ich auch nur auf äußere Umstände angemessen reagieren. Das funktioniert alles aber nicht auf Knopfdruck, sondern muss immer wieder auch ausprobiert und neu erlernt werden.


Es gibt keinen eindeutigen Zustand, der sagt, es ist nun nur noch gut oder auch nur noch schlecht. Leben ist immer im Fluss und wir schwimmen mal mehr oder weniger relaxt mit. Manchmal muss man aber auch schon einmal schwer gegen den Strom rudern, wenn man nicht abgetrieben werden will - und dann kann man sich an anderer Stelle vielleicht wieder mehr treiben lassen.



Ausblick


Ich bin gespannt, was mein Leben noch alles bringt. Und wie es mir gelingt, immer wieder zu sagen: "Mein Leben ist attraktiv" oder "Mein Leben gefällt mir gerade."


Daran will ich arbeiten, jeden Tag neu: Damit meine Lebenskurve in der Tendenz weiterhin nach oben zeigt. Ich blicke also mit einem Lächeln nach vorne - und tue alles dafür, dass am Schluss auch meine gesamte Lebensbilanz positiv ausfällt.



Meinen Blick will ich klar nach vorne richten - am liebsten mit einem Lächeln: Ich will optimistisch in die Zukunft schauen.






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