Auf Sinnsuche: Was soll ich mit meinem Leben noch anfangen?

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Kennt ihr Schneekugeln? Schüttelt man diese, wirbeln kleine Teilchen in einer Flüssigkeit wie Schnee herum. Genauso fühle ich mich. Alles, was ich mal für mich gelernt habe, wurde kräftig durcheinandergerüttelt. Tausende von Gedanken wirbeln um mich herum. Irgendwann wird sich alles wohl wieder setzen und ich werde die Umgebung und meinen Weg wieder klarer sehen können. Aber im Moment ist schon alles ein bisschen durcheinander geraten - wirklich undurchsichtig.


Eine lebensbedrohende Krankheit bringt so Manches aus dem Gleichgewicht. Man merkt auf einmal hautnah: Die Lebenszeit ist begrenzt. Wie begrenzt, bleibt dabei allerdings offen. Fühlt man sich vor der Krankheit in seinem Job vielleicht eher als „unersetzlich", merkt man auf einmal: Es geht auch ohne einen - aber erstmal natürlich nicht ganz so gut 😉. Zumindest bis sich die Kolleg/innen vollständig eingearbeitet haben. Irgendwann taucht auch die Frage auf: Will ich wieder dahin zurück, wo ich hergekommen bin. War das okay so, wie ich gelebt habe? Möchte ich so weitermachen? Was will ich verändern? Was hat sich durch die Krankheit vielleicht bereits automatisch geändert? Welche Einschränkungen hat sie mir gebracht? Falls man irgendetwas Neues anfangen möchte, lohnt es sich überhaupt? Man weiß ja nie, ob und wann die Krankheit vielleicht wiederkommt.


Was könnte ich noch Sinnvolles anpacken?


Bei mir hat diese Krankheit wieder einmal ein fast weißes Papier hinterlassen. Dieses gilt es nun wieder neu zu beschreiben. Die große Frage ist: Was soll ich noch mit dem Rest meines Lebens anstellen? Was macht in meiner Situation - mit dieser Krankheit im Nacken - Sinn? Vor der Frage nach einer sinnreichen Tätigkeit stand ich schon nach dem Abitur recht lange und kam damit einfach nicht weiter. Damals hatte ich mich erst einmal bewusst für Familie entschieden. Das sah ich zum damaligen Zeitpunkt für mich als am sinnvollsten an. Die Zeit mit den Kindern war dann auch die erfüllendste in meinem Leben. Als unser Jüngster 10 Jahre alt war, stellte sich dann erneut die Frage: Was kann ich wohl in dieser neuen Lebensphase ab 37 Jahren noch starten. Aus finanzieller Hinsicht musste ich eigentlich nicht arbeiten. Ich wollte für mich aber über meine Ehrenämter hinaus eine bedeutsame Beschäftigung. Sie sollte mir auch helfen, eine gewisse Struktur zu bekommen, damit ich mich nicht jeden Tag neu erfinden musste. Eine für mich stimmige Tätigkeit fand ich dann in der Klosterbuchhandlung. Menschen mit guter Literatur, Musik, Kunst, Karten und vielem mehr in einem angenehmen Ambiente zu versorgen, passt sehr gut zu meinen Fähigkeiten. Zumal mein Arbeitsplatz innerhalb von 5 Minuten mit dem Fahrrad erreichbar ist. Über 15 Jahre bin ich nun dort. Zeit, dort Abschied zu nehmen und vielleicht noch einmal etwas Neues zu wagen? Was macht für mich Sinn? Gibt es dazu allgemein gültige Aussagen?


Ein sehr spannender Vortrag auf Youtube


Während ich im Keller die Wände weiß tünche, höre ich mir bewusst den interessanten Vortrag "Auf Sinnsuche" von Professorin Tatjana Schnell auf YouTube an. Sie unterrichtet Psychologie an der Uni in Innsbruck und hat sich auf die empirische "Sinnforschung" spezialisiert.




In dem Vortrag geht es nicht um den Lebenssinn an sich. Die Fragen "wozu lebt man überhaupt" oder "was ist der Sinn des Lebens" lässt sie eher von der Theologie beantworten. Die Professorin forscht eher ganz praktisch. Sie befragte Menschen über ihre Lebenseinstellungen und den Grad ihrer Zufriedenheit. Dabei stellt sie fest, dass 35% der Menschen überhaupt nicht nach der Sinnhaftigkeit ihres Tuns fragen. Sie leben sehr fatalistisch. Wie es kommt, so kommt es. Sie engagieren sich nicht für andere, nach dem Motto "Mir schenkt auch keiner etwas" - und klinken sich ein wenig aus der Gesellschaft aus. Prinzipiell sei das auch gar nicht schlimm. Sie schaden ja auch niemandem. Sie will das auch nicht werten. Aber eigentlich ist es schon so, dass Gesellschaft eine gewisse Verantwortung füreinander braucht. Die Frage kommt auf: Lebt es sich für diese Menschen leichter? Vordergründig vielleicht ja. Aber längerfristig macht ein Leben zufriedener, das auf ein übergeordnetes Ziel hin ausgerichtet ist oder das sich auch um das Wohl einer Gemeinschaft bemüht.



Welche allgemeingültigen Werte gibt es überhaupt?


Den Lebenssinn für alle gibt es nicht. Das habe ich nun verstanden. Aber es gibt gewisse "Lebensdeutungen" - so nennt es die Professorin, welche für Menschen Sinn stiften. Dazu zählen etwa Spiritualität, soziales Engagement, Naturverbundenheit, Selbsterkenntnis, Leistung, Kreativität, Harmonie, Spaß, Lieben, bewusstes Erleben ... Die Menschen praktizieren diese in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Der Stellenwert kann sich dabei im Laufe eines Lebens für eine einzelne Person auch immer wieder verändern. Zudem gilt: Was für die eine Person sinnvoll ist, kann für eine andere total sinnlos sein. Für sie ist "Sinn" eben auch nichts Absolutes. Es ist nicht etwas, das man einmal hat und dann für immer in die Tasche stecken kann. Als Beispiel kann jemand Gartenarbeit während der Phase, in der er eh bei den Kindern zu Hause ist, durchaus als sinnvoll erachten. Wenn er aber später wieder berufstätig ist, kann es für den einen eine Möglichkeit zur Entspannung sein, für den anderen lästige Arbeit. Denn diese könne ja auch von Maschinen auf dem Acker erledigt werden. Des einen Freud, des anderen Last. Für den einen macht es Sinn, für den anderen eben nicht. Und manchmal kann der Sinn der Gartenarbeit auch sein, dass man damit seinem Mann und den Kindern eine Freude machen will. Wie war das? Aus Liebe zu anderen Menschen etwas tun, war doch bei diesen Lebensdeutungen auch dabei ❤.


Bewegung draußen unter der Sonne und dabei gesundes, ökologisch erzeugtes Gemüse ernten, kann durchaus Sinn machen.

Macht ein sinnvolles Leben glücklicher?


Tatjana Schnell betont immer wieder: Bei einem sinnvollen Leben gehe es nicht darum glücklich zu werden. Es geht eher darum, das Richtige und Wertvolle zu tun. Die Professorin zitiert in diesem Zusammenhang Etti Hilesum, eine Jüdin, die 1943 in Ausschwitz mit noch nicht einmal 30 Jahren ermordet wurde. Sie schrieb in ihrem Tagebuch: "Ich arbeite und lebe weiter mit derselben Überzeugtheit und finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll und wenn ich mir das kaum noch in Gesellschaft zu sagen getraue."


Sinnerfüllung heißt, das zu tun, was man richtig findet. Nicht das zu tun, was angenehm ist. Da fühle ich mich schon mal bestätigt. Für mich war es noch nie ein Thema, einfach nur Spaß am Leben zu haben. Meine Tätigkeiten waren schon immer auch eher, ich will mal sagen "herausfordernd", teilweise sogar belastend. Ich lasse mich gerne auf die Not anderer ein, gerade wenn es notwendig bzw. not-wendend ist. Aber passt das nun noch? Muss ich jetzt in Zukunft vielleicht eher doch mehr auf mich selbst achten?


Ich mag diese Frage eigentlich gar nicht so gerne beleuchten. Sich um mich selbst zu kümmern, macht mir einfach nicht soviel Spaß. Nervt mich sogar eher. Aber ich muss das lernen. So war mir der Tip eines Psychologen ganz wichtig. Ich fragte ihn um Rat, weil ich nicht wusste, wie weit ich noch einem Asylbewerber helfen sollte. Andere hatten mir aus verschiedenen Gründen geraten, nichts mehr für diesen zu tun. Dieser Psychologe stellte mir eine Gegenfrage: „Wie geht es Ihnen denn gefühlsmäßig, wenn sie ihm nicht mehr helfen? Können sie dann ruhig darüber werden oder belastet sie 'das Nichts für ihn tun' vielleicht mehr, als sich noch einmal für ihn einzusetzen?" Er forderte mich somit auf, über mein Empfinden nachzudenken. Für mich war dann klar, dass ich noch einmal handeln musste. Er gab mir damals allerdings den Rat, nur das Notwendigste zu tun und mir dazu ein Zeitlimit zu geben.


Ja, vermutlich muss man eben jedes Mal wieder im Einzelfall prüfen und abwägen, was und wie viel machbar und sinnvoll ist. Man muss das eigene Tun mit der persönlichen Haltung in Einklang bringen. Pauschale Antworten von außen zu einem Einzelfall, können lediglich eine Richtschnur sein - aber eben kein Gesetz. Denn was Sinn macht, ist wirklich immer subjektiv und oft auch nur für diesen Moment zu sehen.


Um herauszubekommen, was jetzt für einen stimmig ist, muss man sich sehr gut kennen.



Anstrengende Selbsterkenntnis


Früher schrieb vor allem die Gesellschaft oder auch die Religion vor, was richtig und wertvoll ist. Diese Zeiten haben sich geändert. In unserer diversen Welt sind so viele Lebensformen möglich wie noch nie. Die Individualität hat sehr zugenommen.


Um herauszufinden, was für den Einzelnen sinnvoll erscheint, braucht es Selbsterkenntnis. Es kann laut Tatjana Schnell ganz schön anstrengend sein, sich mit sich selbst auseinander zu setzten. In dieser Phase bin ich ja auch gerade. Ausgelöst werden solche Sinnsuchen eben oft, wenn etwas aus dem Lot geraten ist. In der Regel in Krisensituationen. Klar, so lange es läuft, warum sollte man groß über sich nachdenken? Aber wenn eine Beziehung zerbricht, jemand den Job verliert, bei einem Trauerfall oder eben bei schwereren Krankheiten: Da wird dann schon einmal einiges hinterfragt.



Wie gehen die Frauen im Krebsforum mit diesem Thema um?


Klar, dieses Thema geht wohl an keiner Frau mit Krebs vorüber. Ganz konkret dazu taucht im Internetforum dann tatsächlich die Frage auf: „Hat jemand nach Ende der Behandlung sein Leben total umgekrempelt?" Spannenderweise hat darauf fast niemand geantwortet. Einige haben geschrieben, dass sie nun mehr auf sich achten. Klar: Die Frauen mit Krebs sind ja in der Regel über 50 Jahre alt. Da gibt es oft gar nicht mehr so viele Möglichkeiten, noch einmal etwas total Neues anzufangen. Zudem war ja nicht alles falsch, was man vorher so gemacht hat. Man hat ja oft gerne seine Tätigkeiten ausgeführt. So wird es auch bei mir kaum Veränderungen geben. Ich fange wieder brav in meiner Arbeit in der Buchhandlung an. Ich spiele weiterhin Volleyball - so lange es meine Knochen hergeben. Ich arbeite im Garten und halte Hühner auf unserem großen Grundstück ... und ich werde wie bisher auch am Jahresende überprüfen, ob das gelebte Jahr gut so war. Ob es vom Gefühl her für mich stimmig war. Denn: Was für einen Sinn macht, kann sich - wie erlebt - auch immer wieder ändern. Manchmal auch schlagartig.


Ich glaube mal: Das macht Sinn.


Abschließen möchte ich dieses Sinnkapitel mit einem Satz von Vaclav Havel: „Es geht nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern um die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Das ist das Geheimnis der Zuversicht.

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