Angst

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Meine Füße und Hände kribbeln immer mehr. Und der Tumor wird einfach nicht kleiner. Am liebsten würde ich die Chemo abbrechen. Ich habe Angst vor massiven Folgeschäden - noch dazu wo ich das Gefühl habe, dass die Chemotherapie eh nichts hilft.


Ich bespreche meine Sorgen mit meinem Onkologen in Beilngries. Er nimmt meine Bedenken ernst, will das aber nicht selbst entscheiden. Er empfiehlt mir, einen Termin im Brustzentrum in Ingolstadt auszumachen. Auf Anraten eines Freundes frage ich direkt nach einem Termin bei Professor Aydeniz. Leider habe dieser nur montags Sprechstunde. Da ich an diesem Tag aber parallel Chemo habe, geht das bei mir nicht. Auf einen anderen Termin warten, funktioniert auch nicht. Denn ich habe ja nur noch 3 Wochen lang diese Chemo-Behandlung. Wenn ich nicht sofort einen Termin bekomme, hat sich das mit dem eventuellen Abbrechen der Chemo erübrigt.


So erzähle ich mein Problem mit der Terminfindung wieder meinem Onkologen. Dieser setzt sich sofort ans Telefon ... und ich bekomme bereits in zwei Tagen eine Besprechung mit dem Ingolstädter Arzt.



Meine Hände streiken langsam. Dabei wollen sie ja noch lange etwas tun. Wie sich Hände durch Arbeit verändern können, zeigt das Bild sehr eindrücklich. Ich verrate jetzt aber nicht, welche meine sind 😁. Die Hände sind vom Alter her in aufsteigender Reihenfolge: Angefangen von meiner Tochter Anna bis hin zu meiner Mutter mit ihren 87 Jahren.

Sprechstunde im Klinikum


Professor Aydeniz kommt gerade aus dem OP. Ich weiß von seiner Sekretärin, dass er nach der Besprechung mit mir auch gleich wieder dorthin zurück muss. Aber er gibt mir dennoch das Gefühl, als habe er alle Zeit der Welt.


Ich erzähle ihm meine Bedenken wegen meiner kribbelnden Hände und Füße. Und dass ich das Gefühl habe, der Tumor werde nicht kleiner.


Er fragt nach, wie schlimm denn für mich die Beschwerden seien? Ich sage, ich würde es schon noch aushalten und würde auch die Konsequenzen einer späteren Beeinträchtigung tragen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Chemo ja gar nichts nützt. Darauf meint er: „Das Hauptziel ist jetzt nicht unbedingt, dass der Tumor total verschwindet. Dieser wird ja bei der OP komplett weggeschnitten. Ziel ist es, dass eventuell im Körper abgewanderte Tumorzellen durch die Chemo abgetötet werden." Das leuchtet mir zwar ein. "Aber wenn der Tumor ja nicht kleiner wird, ist dann die Chemo überhaupt das richtige Mittel gegen diese abgewanderten bösen Zellen?" Wissenschaftlich sei das momentan halt so der Standard auf meine Tumor-Art, meint er dazu. Er empfiehlt mir, die Chemo - wenn irgendwie möglich - noch durchzuziehen. Denn die Chemo für die Operation zu unterbrechen und danach damit wieder weitermachen, sollte man auch nicht.


Ich traue mich dann auch noch zu fragen, ob das kleine Titan-Teilchen in meiner Brust überhaupt notwendig gewesen sei. Dieses wurde ja vor der Chemo in die Mitte des Tumors eingesetzt, um ihn wiederzufinden, falls der Tumor durch die Chemo total verschwindet. Dies war bis Dato mein schmerzhaftester Eingriff. Ich lag damals in einer kleinen Blutlache. „Können dabei nicht böse Zellen in die Blutbahn gelangen?", ist meine Frage. Die Antwort des Professors dazu ist: „Bei der Größe Ihres Tumors sind auf jeden Fall immer Zellen bereits in der Blutbahn." Ok. Das hört sich für mich aber nicht gut an. Ein Gedanke dazu war dann noch, dass die Markierung mit dem Titan-Teil auch Frauen mit einem sehr, sehr kleinen Tumor bekommen. Sind da dann auch bereits Zellen im Blut und wo könnte dann die Grenze sein, wo noch nichts abgewandert ist? Aber ich lasse das jetzt einfach mal so stehen. Dieses Problem betrifft mich ja nicht. Die Markierung ist auf jeden Fall zur Auffindung des Tumors für den Operateur wichtig und wird oft auch noch kurz vor der Operation gemacht.


Schließlich fragt mich Professor Aydeniz, ob er mich denn schon einmal untersuchen dürfe. Ganz behutsam macht er mit einer Assistenzärztin eine Ultraschalluntersuchung. Ja, so groß wie der Tumor immer noch ist, empfiehlt auch er eine Ablatio. Also eine Entfernung der kompletten Brust. Darauf hatte ich mich ja von Anfang an eingestellt. Dies finde ich auch immer noch in meinem Sinn. Hätte er dies anders gesehen, hätte ich mir wohl noch eine Zweitmeinung eingeholt.


Aber das Beste kommt dann zum Schluss: Nachdem er mich ja jetzt schon kennengelernt habe, würde er mich gerne auch weiter behandeln. Er möchte nicht, dass ich mich noch einmal auf einen neuen Arzt einstellen müsse. Das finde ich natürlich super. Und wir machen auch gleich einen Termin für die OP und für die Voruntersuchungen aus. Mir ist es wichtig, dass es noch vor Weihnachten ist. Denn der Tumor, der nicht weichen will, ist mir doch langsam eine drückende Last. Wer weiß, was der so ganz still und heimlich noch so alles anstellt. Der Chirurg meint zwar, das wäre dann schon etwas sehr kurz nach der Chemo. Der Körper sei da noch sehr beeinträchtigt und die Wundheilung wäre bei einer längeren Wartezeit vielleicht etwas besser. Aber es sei schon auch vertretbar. Und so vereinbaren wir für Montag, den 10.12.2018, einen Termin für die Voruntersuchungen. Eine Woche später sei dann meine stationäre Aufnahme für die Operation.


Ich fühle mich beschenkt


Überglücklich über diesen positiven Verlauf trete ich die Heimreise an. Meine Unklarheiten konnte ich aussprechen. Ich habe wieder klare Schritte vor Augen. Und der sehr kompetent wirkende Professor operiert mich auch noch selbst. Mit diesen Aussichten werde ich die letzten drei Chemos auch noch überstehen. Wenn es sein muss, geht alles.


Und auf dieses Highlight hin mache ich mir auch selber noch ein Geschenk. Ich gehe zum ersten Mal nach der Prognose wieder shoppen. Ich habe erkannt, so schnell stirbt man nicht. Leben geht vorerst weiter. Ich hoffe, noch lange.



Welchen der Pullis nehme ich? Ich schicke die Fotos zur Beratung an meine Tochter Anna. Und? Ich entscheide mich für beide. Optimismus siegt!



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