10 orange Tabletten ...

Aktualisiert: 26. Feb.

Kaum bin ich vom Besprechungstermin über meine weitere Behandlung wieder zu Hause, google ich gleich den neuen Wirkstoff Capecitabine. Was kann dieser mit mir alles anstellen? Ich stütze mich da auf wissenschaftliche Auswertungen, aber auch auf die Erfahrungen anderer Krebspatientinnen.


Im Internet lese ich, dass Xeloda - so heißen diese Tabletten offiziell - prinzipiell gut verträglich seien. Die Haare gehen auf jeden Fall hier nicht wieder aus. Das ist ja das sichtbarste Zeichen einer Chemo. Die markanteste Nebenwirkung sei allerdings das Hand-Fuß-Syndrom. Oh je, meine Hände und Füße sind ja eh schon durch Taubheitsgefühle lädiert. Mal schauen, ob sich dieses Phänomen bei mir wieder entwickelt. Irgendwie habe ich vor der weiteren Chemo keine Angst. Auch wenn die Behandlung für mindestens ein halbes Jahr noch einmal weitergeht. Vom Gefühl her brauche ich diese Verlängerung noch. Ich habe noch nicht alles aufgearbeitet.


Ich telefoniere mit meiner Tochter Anna. Sie findet das auch alles gut. Wir überlegen gemeinsam, warum die neue Chemo vor der Bestrahlung stattfinden soll. Ein Grund könnte sein, dass erstmal bereits im Körper gestreute Krebszellen schneller abgetötet werden, bevor sie weiteren Schaden anrichten. Die Bestrahlung ist ja nur lokal im Brustraum. Aber komisch ist schon, dass im Protokoll eigentlich von der Reihenfolge her die Bestrahlung an erster Stelle steht. Anna rät mir, das bei meinem Onkologen noch einmal zu hinterfragen.


Chemo oder Bestrahlung als erstes?


Mein Arzt vor Ort hat darauf spontan auch keine Antwort. Er will den Professor in der Strahlenklinik dazu kontaktieren. Er verschreibt mir dennoch gleich das neue Medikament. Mit diesem soll ich am 21. Januar beginnen. Oh, noch so lange warten. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich die Tabletten nun zu Hause habe, würde ich sie am liebsten schon nehmen. Aber ich soll noch die Info wegen des Bestrahlungsbeginns abwarten. Und tatsächlich: Der Strahlenarzt empfiehlt die Bestrahlung keinesfalls aufzuschieben, bis die Chemo in ein paar Monaten zu Ende ist. Die Strahlentherapie habe seit Jahren den größten Erfolg bei Krebsbehandlungen. Das neue Medikament dagegen sei noch nicht so erprobt. Aber man könne diese Tablettenchemo mit der Bestrahlung gut kombinieren, also parallel laufen lassen. Na, das ist ja nun wieder eine sehr gute Nachricht. Dann habe ich die Vorteile von beiden Therapien sofort. Zudem dauert die Gesamtbehandlung dann nicht mehr ganz so lange. Die Chemo soll ja 6 bis 8 Zyklen beinhalten. Dabei dauert jeder Zyklus 3 Wochen. Zwei Wochen lang muss ich jeweils früh und abends fünf Tabletten nehmen. Dann habe ich eine Woche Pause bis der nächste Zyklus beginnt.


Da ich die Tabletten jeweils eine halbe Stunde nach einem Essen einnehmen soll, entscheide ich mich diese nicht morgens einzunehmen. Frühstücken müssen! Eine grauenhafte Vorstellung als nachtaktiver Mensch, der vor allem sehr spät am Abend am meisten Hunger hat. Daher nehme ich die Tabletten nachts um 1 Uhr und dann 12 Stunden später nach dem Mittagessen. Dies passt eben zu mir als Eule am besten.


1. Zyklus mit Xeloda


So sitze ich am Montag, 21. Januar 2019, nach Mitternacht andächtig vor den vier großen und einer kleinen Tablette. „Was macht ihr mit mir?", frage ich sie in Gedanken. Sie schauen ganz harmlos aus. Eine nach dem anderen wandert in meinen Mund und wird nach und nach mit einem Glas Wasser hinuntergespült. So einfach geht das. Die Arzthelferin hat mir gesagt, dass manche mit der Zeit eine Phobie entwickeln, diese Menge an Tabletten jeden Tag zu schlucken. Das kann ich mir bei mir nicht vorstellen. Ich bin froh, dass es nun endlich weitergeht. Immerhin ist es jetzt schon 4 Wochen nach der OP: Das Leben ohne Adonis. Dass er total ausgezogen ist, hoffe ich. Und falls der Tumor dennoch irgendwo sein Genmaterial in mir zurückgelassen hat, so sollen ihm nun diese Tabletten die Überlebenskraft nehmen. Das ist der Plan.


Nebenwirkungen?


In den ersten Tagen merke ich von der Chemo noch gar nichts. Sorgfältig beobachte ich meine Hände und Füße. Fleißig creme ich diese mehrmals täglich vorbeugend mit einer Salbe ein, die 10% Urea enthält. Am dritten Tag allerdings beobachte ich mit großen Augen, wie Hände und Füße Wasser einlagern. Oje, das geht ja schon früh los. Ich fotografiere einmal für einen späteren Vergleich meine Extremitäten. Hatte ich zwischen den Fingerknöcheln immer schon so Hubbel oder sind die nun vom Wasser tatsächlich dicker? Ich habe mich noch nie so genau angeschaut. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt, wie sich das nun weiterentwickelt.





Zweiter Zyklus


Durch den ersten Zyklus komme ich noch einigermaßen gut durch. Während des zweiten passiert nun aber das, was beim Hand-Fuß-Syndrom üblich ist: Die Haut an den Fußsohlen wirft Blasen. Ja, und dann geht sie nach und nach ab. Weh tut das Ganze aber nicht. Allerdings werden meine Hände schmerzempfindlicher. Diese sind nun auch knallrot. Die Haut fühlt sich dünner an, richtig pergamentartig. Im Internet lese ich, dass man bei diesem Medikament sogar die Fingerabdrücke verlieren kann. Ich schaue genau auf meine Finger. Tatsächlich: Meine Fingerkuppen sind aalglatt. Kurios! Man sollte das vielleicht Kriminellen verraten, die ihre Identität verheimlichen müssen. Eine Frau aus dem Internetforum hat sogar Bedenken, dass man vielleicht an der Grenze Probleme bekommen könnte. Aber dieser Gedanke ist für mich noch weit weg.





Dabei habe ich ja noch Glück. Eine Freundin, die ich über das Forum für Frauen mit Krebs kennengelernt habe und mit der ich sofort auf einer Wellenlänge lag, schickt mir ein Bild von ihren Händen. Diese schauen erst schrecklich aus! Überall lösen sich Hautfetzen von ihren Fingern. Da ist mir das an den Füßen doch lieber. Da sieht es wenigstens niemand. Meine Freundin nimmt diese Tabletten, da sie bereits nach wenigen Monaten nach Abschluss ihrer Chemo gegen Brustkrebs eine Metastase am Hals bekommen hat. Dieses Zytostatika wird nämlich auch bevorzugt bei Rückfällen eingesetzt.


Dosisreduktion problemlos möglich?


Ich zeige meine Symptome bei der wöchentlichen Blutkontrolle meinem Onkologen. Er meint dazu, das sei eine klare Sache: „Machen Sie lieber noch eine Woche zusätzlich Pause. Das ist bei diesem Medikament ohne Probleme möglich. Zudem kann man auch noch die Dosis auf 75% reduzieren. Auch das ist machbar, ohne die Wirksamkeit des Medikaments zu beeinflussen." So sind es nun nur noch 8 orange Tabletten pro Tag!


Darüber bin ich jetzt echt dankbar. Denn die Chemo und die Bestrahlung, die ich mittlerweile parallel angefangen habe, setzen meinem Körper schon ganz schön zu. Meine Muskeln und Gelenke schmerzen enorm. Die Arzthelferin meint zwar, dies seien eher noch die Nachwirkungen von Paclitaxel, der vorherigen Chemo. Keine Ahnung, ob das so ist. Tatsache ist, dass ich mich mittlerweile körperlich sehr eingeschränkt fühle.


Neulich fotografierte ich Lina bei ihrem so beliebten Spiel „Stöckchen-Apportieren". Dabei ging ich in die Hocke. Runter war kein Problem. Aber dann saß ich fest. „Wie soll ich jetzt mit der Kamera in den Händen wieder hochkommen?" Keine Chance! Das ist ganz schön erschreckend. Mir blieb dann keine andere Wahl, als mich erst einmal richtig auf den Waldboden zu setzten, um mich danach über die Seite mühselig hochzurappeln.




Ach her je. Ich komme mir vor wie eine 80-jährige Oma. Ok. Gegen Oma ist ja nichts einzuwenden. Aber von den 80 Jahren bin ich ja noch weit weg. Aber da will ich auf jeden Fall noch hin. Und wenn es sein muss, dann halt auf allen Vieren!




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